1. Berlinale Re-Cap: "The Grandmaster", "Maladies", "Elelwani" & "Baby Blues"

Autor: Conrad Mildner

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Seit gut fünf Tagen ist die 63. Berlinale im Gange und auch ich habe es endlich mal geschafft ein paar Filme zu sehen um euch von meinen Kino-Erlebnissen berichten zu können. Viel Spaß beim Berlinale-ReCap!

„The Grandmaster“
von Wong Kar Wai

Die Geschichte zweier Kung-Fu Meister: Er kommt aus dem Süden Chinas, sie aus dem Norden. Sein Name ist Ip Man, ihrer Gong Er.

Nach der Ip-Man-Trilogie konnte es sich Großmeister Wong Kar Wai nicht verkneifen auch einen Film über die Kung-Fu-Legende zu drehen. Zum Glück konzentriert sich sein Film nicht ausschließlich auf ihn, sondern zeigt ebenso großes Interesse an der von Zhang Ziyi gespielten Gong Er. Leider rettet das Wongs Film nicht davor streckenweise in die absolute Langeweile zu versinken. „The Grandmaster“ ist ein Stückwerk, ein dramaturgisch freidrehender und stilistisch ambivalenter Flickenteppich. Unendlich viele Nahaufnahmen, Shutterbilder und Zeitlupen, minimale Schärfebereiche, überkorrigierte Farben und prächtige Kostüme. Wong feiert die Geschichte als Fetisch, als goldene Ära des Kung-Fu, als Zenit des Kitsches. Das Drehbuch wirkt so als wäre es um die Kampfszenen herum konstruiert, was zumindest begeistert, da die Martial-Arts-Sequenzen zu den Höhepunkten des Films zählen und glücklicherweise wird viel gekämpft. All die Wong-schen Manierismen ordnen sich bei den Kämpfen einzig der Logik der Montage unter, Normalgeschwindigkeit, Zeitlupe, Nahaufnahme, Kamerabewegungen und Totalen. Der Schnitt verbindet alles mühelos und jeder Kampf wird zu einer ganzheitlichen, sinnlichen Erfahrung. Leider sind es auch genau die gleichen Manierismen, die den Rest des Films zu Fall bringen. Der Erzählgestus wirkt, dank Texttafeln und Off-Kommentar, behäbig und altbacken, geradezu repariert statt beabsichtigt und der Inhalt der meisten Szenen versteht sich auch eher wie das Vorgeplänkel einer jeden Sexszene in einem Pornofilm. Hauptsache es kommt zum Gerangel von Körpern.

„Maladies“
von Carter

New York in 60er Jahren: James war ein erfolgreicher Seriendarsteller, eine mögliche Geisteskrankheit ließ ihn den Job aufgeben, seine Schwester Patricia redet kaum und lebt in ihrer eigenen Welt, die fürsorgliche Malerin Catherine ist Crossdresserin und geht gern in Herrenklamotten Kaffee trinken.

Wan gilt jemand als geisteskrank? Carters Film spielt zu einer Zeit als viele Geisteskrankheiten noch gar nicht entdeckt waren und was heißt schon geisteskrank? Carter hegt viel Liebe und Verständnis für seine Figuren, umso konsequenter, da „Maladies“ einzig aus ihrer Perspektive erzählt. Normalität ist hier eine bloße Abstraktion, allenfalls ein bedrohlicher Zustand der Gleichgültigkeit. „Maladies“ nervt bisweilen mit seiner ausgestellten Craziness, zumal er gerne bekannte Klischees aufwärmt. Auch die Kitsch-Keule schwingt ab und zu nah über den Köpfen des Publikums. In seiner Erzählung und den Dialogen gelingt Carter dafür oftmals überraschendes. Der Verzicht auf eine durchsichtige Dramaturgie lässt den Puls zwar manchmal ermüden, aber Catherine Keener, James Franco, Fallon Goodson und David Straithairn spielen einfach hinreißend und haben alle ihre kleinen, großen Momente. „Maladies“ tut letztendlich nicht weh, von Wohlfühlkitsch bis Arthaus-Schick ist alles dabei.

„Elelwani“
von Ntshavheni Wa Luruli

Elelwani hat gerade ihr Studium abgeschlossen, ist verliebt in Vele, der neben ihr sitzt. Sie fahren durch die immer grüner werdende Landschaft in Elelwanis Heimatdorf. Wenig später offenbaren ihr die Eltern, dass sie dem Stammeskönig versprochen ist.

Schwarzes Kino aus Südafrika ist leider immer noch eine Seltenheit und meistens nur auf Festivals goutierbar. Auf DVD, geschweige denn ins Kino, schaffen es die Filme fast nie. Das Volk der Venda ist eine, selbst in Südafrika, recht unbekannte ethnische Gruppe. Der Roman „Elelwani“ aus den 50er Jahren war das erste Buch in Venda-Sprache. Der Johannisburger und Venda Ntshavheni Wa Luruli hat den Roman nun äußerst frei verfilmt. „Elelwani“ versteht sich als dokumentarisch geprägtes Gedächtnis der Venda und gleichzeitig als Hinterfragung ihrer Beständigkeit im modernen Südafrika. Dabei versucht Luruli weder die Venda-Kultur zu exotisieren, noch sie als dogmatisch überholt zu verteufeln, ein Balanceakt, der „Elelwani“ erstaunlich gut gelingt. Leider häufen sich im Verlauf des Films die Ungereimtheiten, was wohl an meiner europäischen Perspektive liegt. Dadurch, dass Luruli die sozialen Codes und Gebräuche weder hinterfragt noch erklärt, ist so manche flinke Wendung schwer nachvollziehbar. Dazu kommt, dass Elelwanis Emanzipationsgeschichte ohne klares Signal erlischt. Der Film ist urplötzlich vorbei ohne überhaupt Stellung zu beziehen.

„Baby Blues“
von Kasia Roslaniec

Natalia wollte unbedingt ein Baby. Jetzt ist es da, und das Leben der extrovertierten 17-jährigen ist ein einziger Kampf. Sie fühlt sich von ihrer ebenfalls noch sehr jungen Mutter abgelehnt und klammert sich verzweifelt an ihr Kind, zu dem sie eigentlich noch keine rechte Bindung hat. Ihr unbekümmerter Skater-Freund Kuba versucht sich zwar mit seiner Vaterschaft anzufreunden, nutzt ihre kleine Wohnung aber für Partys mit seiner Kifferclique.

Teenager-Moms soll es ja immer öfter geben. Eine gut wachsende Zielgruppe also für Kasia Roslaniecs Coming-of-Age-Film. In lose aneinander gereihten Fragmenten treiben wir durch das Leben der jungen Natalia, deren Handlungen nicht immer ganz nachvollziehbar sind, es aber auch gar nicht sein wollen. Umso interessanter ist die schwerelose Form des Films. Die vielen kleinen und großen Szenen zeichnen Natalias Leben sehr genau nach. Die wunderschöne Kamera changiert von künstlichen Dolly-Shots bis zu enervierenden Handkamera. Die bunten Kostüme, das grelle Licht und die poppigen Locations geben das richtige Gefühl für diese Welt, die noch viel zu aufgeladen, neu und entdeckungswürdig ist, um sich ausschließlich um ein Kind zu kümmern. Roslaniec traut ihrem Publikum jedenfalls eine Menge zu und sorgt für die eine oder andere Gänsehaut-Szene, nahe am Geschmacksverlust, aber reizend extrovertiert. Der Film wurde vom Berlinale-Publikum jedenfalls sehr zwiegespalten aufgenommen. Das leichtsinnige und ambivalente Ende trägt wohl auch seine Schuld daran. Dennoch ist „Baby Blues“ die Art von Film, den man auf so einem Festival entdecken möchte.

Beim 2. Berlinale-ReCap widme ich mich folgenden Filmen:
„Before Midnight“ (Richard Linklater), „Die Reise nach Tokyo“ (Yasujiro Ozu), „Rock the Casbah“ (Yariv Horowitz) und „Computer Chess“ (Andrew Bujalski)