"12 Years a Slave" (USA, UK 2013) Kritik – Südstaaten-Drama in Hochglanzoptik

Autor: Stefan Geisler

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„I don’t want to survive. I want to live.“

Der britische Filmemacher Steve McQueen gehört momentan zu den gefragtesten Regisseuren Hollywoods und das obwohl er mit dem Südstaaten-Sklaven-Drama „12 Years a Slave“ gerade erst seinen dritten Spielfilm in die Kinos gebracht hat. Dass McQueen einmal zu den großen der Branche gehören würde, lies sich schon in seinem IRA-Gefängnis-Drama „Hunger“ erkennen, denn bereits hier konnte der ehemalige Fotograf und Video-Installationskünstler sein außerordentliches Gespür für eindrucksvolle Aufnahmen und stimmungsvolle Plansequenzen unter Beweis stellen. McQueens Filme sind Leinwand-Kunstwerke, die von der ersten bis zur letzten Minute gnadenlos durchdacht wirken. Umso erstaunlicher, dass er es bei solch verkopften Aufnahmen immer wieder spielend schafft, die Empathie seiner Zuschauer zu wecken, denn sein neuster Streich „12 Years a Slave“ ist nicht nur ein perfekt inszeniertes, starbesetztes Meisterstück, sondern wird zugleich auch nur zur wahren Tour de Force für den Zuschauer, der über 2 ½ Stunden den schier aussichtslosen Leiden des grandiosen Hauptdarstellers Chiwetel Ejiofor beiwohnen muss.

Der in den Nordstaaten aufgewachsene Afro-Amerikaner Solomon Northup (Chiwetel Ejiofor) ist nicht nur ein begnadeter Violinist, sondern auch ein geschätztes Mitglied seiner Gemeinschaft. Dies ändert sich jedoch, als dieser 1841 von zwei windigen Geschäftsleuten übers Ohr gehauen und als Sklave in die Südstaaten verkauft wird. Für Solomon beginnt ein zwölf Jahre währender Überlebenskampf, in dem er als Baumwoll-Sklave von einer Plantage zur nächsten gereicht wird und sich mit sadistischen Aufsehern (Paul Dano), erbarmungslosen Sklaventreibern (Michael Fassbender) und menschenverachtenden Lebensverhältnissen konfrontiert sieht.

Der französische Schriftsteller und Aufklärer Jean-Jacques Rousseau sagte einmal „Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten.“ Welches Zitat könnte besser passen auf das Schicksal des in den Nordstaaten als freier Mann aufgewachsenen Solomon Northup (Chiwetel Ejiofor), der sich durch einen Hinterhalt nicht nur seiner Familie, sondern auch seiner Freiheit beraubt sieht und ein zwölfjähriges Martyrium als Sklave in den Südstaaten durchleben muss. Diese außergewöhnliche Leidensgeschichte gewinnt für den Zuschauer vor allem dadurch an zusätzlicher Sprengkraft, dass es sich bei der Hauptfigur um eine Person handelt, die plötzlich auf das ihr angeborenes Recht der Freiheit verzichten muss. Ein grausames Schicksal, das unweigerlich immer wieder zu äußerst beängstigenden „Was wäre, wenn ich…“-Gedankenspielen führt.

Steve McQueens Südstaaten-Drama ist ein eindrucksvolles Statement gegen Rassismus, Sklaverei und menschlicher Ausbeutung, für das der Regisseur auch die passenden Bilder zu finden weiß. Gnadenlos hält McQueen die Kamera auf das grausame Geschehen und zwingt den Zuschauer so, sich die menschlichen Gräueltaten in all ihrer Härte vor Augen zu führen. In solchen Szenen wird Kino für den Zuschauer direkt zur Grenzerfahrung, zur körperlichen Qual, wie man sie sonst nur bei Exploitation-Filmen zu sehen bekommt.

Steve McQueen ist inzwischen in der Oberliga Hollywoods angekommen. Das merkt man vor allem, wenn man sich das Staraufgebot in seinem neuem Film vor Augen führt. Die Crème de la Crème der hollywodschen Schauspielgarde steht momentan bei McQueen Schlange, um eine Rolle in einem seiner nächsten Filme zu bekommen, ganz egal wie klein die Rolle auch sein mag. Und so spielen sich auch in „12 Years a Slave“ die Topverdiener der Unterhaltungsbranche im Minutentakt gegenseitig an die Wand. Paul Giamatti als geldgieriger Sklavenhändler, Paul Dano als rachsüchtiger Aufseher oder Benedict Cumberbatch als „guter“ Sklavenhalter, der in dem grandiosen Michael Fassbender sein düsteres Gegenstück findet, allein diese schauspielerischen Leistungen sind ihr Eintrittsgeld wert. Fraglich bleibt letztlich nur die Rolle des Brad Pitt, der im Jesus-Gedächtnislook als kanadischer Zimmermann/Samariter die Stimme der Vernunft spielen darf. Das war dann doch etwas zu viel des Guten. Dem Gesamtwerk raubt aber auch diese plumpe Szene nichts von seiner Größe.

Fazit: Steve McQueens „12 Years a Slave“ ist ein schonungsloses Meisterwerk, das seine Zuschauer von der ersten bis zur letzten Minute fest in seinen Bann zieht. Nicht umsonst ist das Südstaaten-Sklaven-Drama, das bereits mit dem Golden Globe ausgezeichnet wurde, momentan einer der heißesten Anwärter für die Oscarverleihung 2014.