2. Berlinale-Recap: "Before Midnight", "Endzeit", "Rock The Casbah" & "Computer Chess"

Autor: Conrad Mildner

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Nach dem 1. Recap folgt nun der zweite Schlag.

„Before Midnight“
von Richard Linklater

In „Before Midnight“ erfährt man, dass Jesse und Céline damals am Ende von „Before Sunset“ zusammen geblieben sind. Neun Jahre später: Mit ihren Töchtern verbringen sie den Urlaub in Griechenland. Und noch immer ist die Welt der Gefühle ihr favorisiertes Thema. Mittlerweile aber steht die eigene Beziehung auf dem Prüfstand, denn der Alltagstrott hat seine Spuren hinterlassen.

Der dritte und wahrscheinlich letzte Film über das Paar Delpy und Hawke war einer der am meisten erwarteten Filme auf dieser Berlinale. Wer „Before Sunrise“ und „Before Sunshine“ bereits mag, wird auch mit dem neuen Film keine Enttäuschung erleben. Wieder einmal vertraut Linklater ganz seinem Schauspielduo und lässt ihre endlosen Gespräche in ebenso endlosen Kameraeinstellungen ablaufen. Als Skeptiker der vorherigen Filme, muss ich eingestehen auch öfter laut mitgelacht zu haben wie der Großteil des Publikums. „Before Midnight“ funktioniert von vorne bis hinten und die Eheschlacht des einstigen Traumpaares hat auch den richtigen Drive. Nur wo sich „Sunrise“ und „Sunset“ noch als alternative Liebesfilme verkaufen konnten, da gerät „Midnight“ ins Trudeln, denn Streitereien und Scheidungsprozesse, hauptsächlich heterosexueller Natur, von Paaren mittleren Alters, haben wir auf der Leinwand schon zu genüge gesehen und da gelingt es Linklater und Co auch nicht eine Alternative anzubieten. Lieber verstecken sich seine Dialoge hinter banalem Gender-Nonsens, vorgetragen von schönen Schauspieler_innen vor sonniger Urlaubskulisse, reichlich bieder und vorhersehbar.

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„Endzeit“
von Sebastian Fritzsch

Szenen aus einer postapokalyptischen Welt: Ist die Erde wieder ein unbeschriebenes Blatt? Und der letzte Mensch ein neuer Anfang? Nur ein einziges Mädchen scheint übrig geblieben zu sein. Sie hat sich aus der Katastrophe gerettet und wächst in den Wäldern auf.

Einmal muss es sein. Jedes Jahr gebe ich mir einen Ruck und schaue mir einen Film in der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ an. Doch meistens werde ich enttäuscht, wie auch dieses Jahr. Der stimmige Titel verspricht viel und an genügend Vorbildern mangelt es auch nicht. Natürlich war mir klar, dass ein deutsche Studenten-Endzeit-Film anders sein wird als z.B. so eine Hollywood-Suppe wie „The Book of Eli“, aber das garantiert noch lange nicht, dass es auch interessant und gut wird. In quälend langweiligen 90 Minuten sehen wir ein paar Schauspielern und Schauspielerinnen dabei zu, wie sie in einer Hütte hocken, im Wald jagen gehen oder, der Unterhaltung wegen, auch ein paar mal Sex haben. Dabei fällt auf wie billig „Endzeit“ ist. Zu keiner Sekunde legt der Film ein ästhetisches Selbstbewusstsein an den Tag. Die Kostüme, die Drehorte, alles wirkt ungemein beliebig, einfach lieblos und der Thematik schlicht unangemessen. Von den zahlreichen Ungereimtheiten des Drehbuchs will ich gar nicht erst sprechen. Es wird klar, dass es dem Film einzig um die psychologische Zeichnung seiner Charaktere geht. Leider erfährt man wenig darüber. Die wenigen bruchstückhaften Dialoge klingen hölzern und die ewigen Nahaufnahmen von guckenden Menschen sind bloße Tortur. Dabei beginnt alles eigentlich ganz reizend, mit eine Stop-Motion-Animation, wo erzählt wird wie die Zivilisation untergeht. Den Rest der Zeit verbringt man aber leider mit dem Warten auf das Ende.

„Rock the Casbah“
von Yariv Horowitz

Frühsommer 1989 im Gaza-Streifen. Eine Kompanie junger israelischer Soldaten tritt ihren Dienst in dem besetzten Gebiet an. Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen mit der palästinensischen Bevölkerung, und bald ist der erste Todesfall zu beklagen.

Dieser israelische Antikriegsfilm war bisher eines der kurzweiligsten Erlebnisse dieser Berlinale. Schon zu Beginn legt Horowitz einen dynamischen und bigelow-esken Fuß aufs Parkett. Die flirrenden Cinemascope-Handkamerabilder fangen die Erfahrungswelten der Soldaten gekonnt ein. Der furiose Prolog endet mit dem Tod eines Soldaten. Danach wird der Film ruhiger. Die verbliebenen Soldaten sollen, bis die Täter gefasst sind, auf dem Dach eines Hauses Wache schieben. Die ständige Anwesenheit der Unterdrücker schürt dabei neue Aggressionen. Beide Seiten provozieren sich gegenseitig und eine Eskalation scheint unausweichlich. Es ist gerade die Gestaltung sowie die dokumentarische Detailfreude, die „Rock the Casbah“ auszeichnen. Obwohl der Film aus der Sicht der Unterdrücker erzählt, werden auch die Leiden der palästinensischen Bevölkerung nicht außen vor gelassen. Die Besetzung ist zudem beeindruckend gut. Horowitzs Film ist handwerklich groß und lässt sogar die billige Video-Ästhetik in den Hintergrund rücken. Im Endeffekt wird er nur durch seine oftmals eingesetzten Spannungsklischees, z.B. ein Kind in Gefahr, geschmälert. Ohnehin bietet „Rock The Casbah“ wenig Überraschungen, aber er bestätigt kompromisslos das Leid, das uns tagtäglich im Fernsehen begegnet.

„Computer Chess“
von Andrew Bujalski

Anfang der 80er Jahre: In einem Provinzhotel treffen sich die besten Schachprogrammierer der USA. Es geht ums ganze. Wann wird der Computer den Menschen im Schach schlagen können? Dabei geraten die etwas verklemmten Tüftler mit den sexuell aufgeschlossenen Besuchern einer Selbstfindungsgruppe aneinander.

Eine Berlinale-Überraschung! Dieser irrwitzige und experimentelle Trip ins Reich vorsintflutlicher, künstlicher Intelligenz ist ein kleines Juwel. Bujalski hat seinen Film zeitgemäß mit einer alten analogen, schwarz-weißen Videokamera gedreht, in 4:3 versteht sich. Der Look und der Mockumentary-artige Erzählstil erinnern oftmals an Woody Allens Meisterwerk „Zelig“ und auch Bujalski erreicht hier einen absoluten Highscore im Period-Ranking. Die Requisiten, die Kostüme und Locations, alles sieht so derbe nach 80er aus, dass Olli Geißen vor Ekstase einen Herzanfall erleiden würde. Die visuellen Spielereien sind vielleicht nicht immer verständlich, aber dadurch gibt „Computer Chess“ auch zu verstehen, mehr zu sein als nur eine bloße Nerd-Komödie. Der Analog-Digital-Wandel, menschliche Computer und computerisierte Menschen, Bujalskis Film lässt Raum für die großen Fragen. Für die Ausrufezeichen sind andere Filme zuständig.

Beim 3. Berlinale-ReCap widme ich mich folgenden Filmen:
„Frances Ha“ (Noah Baumbach), „Dark Blood“ (George Sluizer), „Habi, The Foreigner“ (María Florencia Álvarez), „Promised Land“ (Gus Van Sant)