"28 Days Later" (GB/US 2002) Kritik – Die Menschheit ist dem Ende nah

„Niemand kommt jemals zurück.“

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In der Filmwelt gibt es nicht gerade viele Regisseure, denen man es auch wirklich zutrauen kann, dass sie in jedem Genre einen Hit landen könnten. Viele Filmemacher spezialisieren sich auf einen Bereich und ziehen ihr eigenes Ding immer wieder durch, doch einer von diesen abwechslungsreichen Regisseuren ist der Brite Danny Boyle, der eine erstaunliche Vielseitigkeit an den Tag legt und mit jedem neuen Film ein anderes Genre austestet. Von der schwarzen Komödie ‚Kleine Morde unter Freunden‘, über den Drogenfilm ‚Trainspotting‘, zum visionären Sci-Fi-Prunkstück ‚Sunshine‘ und dem intensiven Abenteurer-Drama ‚127 Hours‘. Danny Boye kann so einiges, auch wenn er sich ab und an etwas zu viel zu mutet, wie in seinem fragwürdigen und enttäuschenden Oscar-Erfolg ‚Slumdog Millionär‘ 2008. Eines seiner großen Karrierehighlights gelang dem Multitalent aber im Jahre 2002 mit ’28 Days Later‘, in dem er sich in das beliebte Horrorgenre wagte und direkt einen der besten Zombiefilme überhaupt inszenierte.

Eigentlich wollte eine Gruppe Tierschützer nur einige Affen aus einem Labor befreien, doch diese Affen waren mit einem hochansteckenden Virus verseucht, der sich in Bestien verwandelt. 28 Tage später wacht Fahrradkurier Jim aus seinem Koma auf und muss feststellen, dass London menschenleer ist. Kein Mensch weit und breit, nur eine Horde Infizierte, die ihn plötzlich jagen. Mit Glück kann er ihnen entkommen und sich gemeinsam mit zwei anderen Überlebenden zusammentun. Doch die Seuche kennt keine Gnade und die letzten Menschen müssen einen Ausweg aus dieser Hölle finden…

An erster Stelle kann ’28 Days Later‘ mit einer Atmosphäre auffahren, die sich wirklich gewaschen hat. So bedrängend und angsteinflößend war lange kein Zombiefilm mehr zu sehen. Und diese starke Atmosphäre bleibt auch durchgehend beständig. Ebenso fantastisch ist der geniale Score von John Murphy, der das Szenario nahezu perfekt untermalt und die Stimmung des Films einmalig einfängt und in seiner Musik wiederspiegelt. Anthony Dod Mantles Kameraarbeit wechselt sich aus ruhigen Einstellungen und unruhigen Wackelkameraaufnahmen ab. Doch die Wackelkamera ist hier kein nerviges Stilmittel, sondern ein klarer Bestandteil der authentischen Atmosphäre, die uns den Film noch viel näher bringt und die Angst der Situationen fast greifbar macht.

In der Hauptrolle des Jim, der gerade aus dem Koma erwacht ist, sehen wir einen der talentiertesten Jungdarsteller unserer Generation: der Ire Cillian Murphy. Murphy hat sich inzwischen schon in Blockbuster wie in Indieproduktionen bewiesen und sein Können mehr als nur einmal gezeigt. Und auch als Jim weiß er seinen verwirrten, aber kraftvollen Charakter blendend auszufüllen. Naomie Harris spielt die mutige, aber ebenso verletzliche Selena, die sich als Anführerin der Gruppe herausstellt. Harris ist gut besetzt und weiß ihren Charaktere ebenso passend darzustellen wie ihre Schauspielkollegen. Brendon Gleeson als Vater Frank ist noch ein weiteres Schmankerl im Cast. Gleeson ist eigentlich immer grandios in seinen Auftritten, das ist hier nicht anders. Wieder einmal beherrscht er die lauten und leisen Töne in seinen Szenen und hält sich mit seinem Schauspiel trotzdem klar zurück, denn sonst hätte er ohne Probleme jedem die Show stehlen können. Auch Megan Burns als Tochter Hannah weiß ihre zerbrechliche Figur ruhig zu verkörpern, bekommt aber nicht die großen Szenen, wie die anderen Schauspieler.

Zombiefilme gibt es inzwischen wie Sand am Meer. Durch den König der Zombies George A. Romero wurden sie Populär und seine ‚…of the Dead‘-Filme schrieben Filmgeschichte. Auch Lucio Fulci nahm sich gekonnt den Menschenfressern an und steuerte seinen Teil zum Genre bei. Heute ist das Genre selbst quasi totgelaufen und wirklich etwas Neues gibt es nicht mehr. Der Schwerpunkt liegt nur noch auf der Brutalität und möglichst viel Blut zu verspritzen. Das war auch schon Anfang des neuen Jahrtausends so und genau in dieser eintönigen Zeit kam Danny Boyle mit ’28 Days Later‘ in die Kinos und brachte nicht nur frischen Wind mit, sondern auch hochwertigen. In vielen Zombiefilmen ist es Mode, den Virus nicht zu begründen und die Menschheit einfach nur beim Untergehen zu beobachten. Boyle jedoch gibt uns hier einen Ursprung. In einem Labor werden Affen gefangen gehalten und dazu genötigt, Hass und Gewalt auf Bildschirmen vor ihnen zu verfolgen. Sie infizieren sich mit Wut und werden so zu haltlosen Monstern, die auf alles und jeden losgehen, in diesem Fall sind es Tierschützer, die die Affen eigentlich nur befreien wollten. Danach befinden wir uns in einem Krankenhaus und sehen Jim zum ersten Mal. Er wacht auf und streift durch die Straßen von London. Das Geld liegt überall herum, keine Menschenseele zu finden und alles versinkt im Abfall. Bis er die erste unfreiwillige Bekanntschaft mit einigen Infizierten macht und feststellen muss, dass die Menschheit dem Ende nah ist. Zusammen mit drei anderen Menschen will er sich bis nach Manchester durchschlagen, wo ihnen per Signal Schutz durch Soldaten, Wasser und Essen versprochen wird. Doch an der Militärbasis angekommen, entsteht schon das neue Problem, dieses Mal durch die Menschen und ihr Verhalten. Ähnlichkeiten zu Zombie-Klassikern lassen sich natürlich jetzt schon zu genüge entdecken, doch Boyle verpackt seinen Film wieder einmal mit seinem ganz eigenen Stil, so das er immer als eigenständigen Werk durchgeht und zu keiner Sekunde wie eine Kopie wirkt.

„Wach nicht auf.“

’28 Days Later‘ ist in erster Linie aber gar kein Zombiefilm, sondern eher ein Endzeitfilm. Die verlassenen Straßen von London erzeugen Gefühle der endlosen Einsamkeit und schrecklichen Hilflosigkeit. Und diese Gefühle bleiben beständig, nur das sie zunehmend mit der blanken Verzweiflung und der puren Angst vermischt werden. Apokalyptischer Pessimismus inmitten gieriger Infizierter, die sich nach dem letzten Menschenfleisch sehnen. Die Städte gehen in Flammen auf, alles liegt in Trümmern und überall entstellte Kadaver. Unsere vier Protagonisten müssen sich durch die Perspektivlosigkeit schlagen und die Hoffnung sinkt von Minute zu Minute. Sind es nicht die Infizierten, die einem Sorgen bereiten, dann sind es die anderen Menschen, die sich durch ihr ebenso triebhaftes Verhalten auszeichnen. ’28 Days Later‘ ist eine erschreckend düstere und bodenlos defätistische Zukunftsvision. Blutig, dreckig und kompromisslos. Vor allem die Tunnel- und Kirchenszene sind an Anspannung kaum noch zu übertreffen und lassen wirklich extreme Gänsehaut aufkommen. Der Zusammenhalt in schwerster Stunde gibt sich die Hand mit dem langsam sterbenden Mut. Danny Boyle verstand es mal wieder, in einem ihm unbekannten Genre eines der klaren Highlights zu inszenieren. Eine deprimierende und gesellschaftskritische Flucht ohne Aussicht auf Verbesserung. Lebst du noch oder stirbst du schon?

Fazit: ’28 Days Later‘ zählt ohne weiteres zu den stärksten Zombie/Endzeitfilmen der letzten Jahre, wenn nicht sogar der letzten Jahrzehnte. Danny Boyle bewies seine extreme Vielschichtigkeit wieder einmal und brachte einen Schocker, der mit bedrückender Atmosphäre, tollen Schauspielern und genialem Score auffahren kann. Der Film ist ein Muss für jeden Horror- und Boyle-Fan.

Bewertung: 8/10 Sternen