3. Berlinale-Recap: "Promised Land", "Frances Ha", "Dark Blood" & "Habi, La Extranjera"

Autoren: Conrad Mildner, Philippe Paturel

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Nach dem zweiten Recap folgt also nun der bereits dritte Schlag.

„Promised Land“
von Gus van Sant

Im Auftrag des Gasunternehmens Global sollen Steve Butler (Matt Damon) und Sue Thomason (Frances McDormand) die Bewohner einer amerikanischen Kleinstadt davon überzeugen, dass es für die Zukunft der Stadt wichtig ist, dass sie ihre Ländereien an Global verkaufen. Ihre Mission scheint anfangs auch ohne ernstzunehmenden Widerstand zu verlaufen. Zumindest, bis sich ein Umweltaktivist in das Geschehen einmischt und die Pläne von Steve und Sue gewaltig durcheinander bringt.

„Promised Land“ ist ein äußerst bewegendes, aber zuweilen oberflächlich erzähltes Umweltdrama. Hauptsächlich überzeugt der Film durch seine blendend aufgelegten Darsteller, allen voran Matt Damon und Frances McDormand, die durch ihre tolle Chemie einige Lacher auf ihrer Seite haben. Spassiges, manchmal dramatisches Schauspielkino trifft hier also auf eine äußerst interessante Umweltparabel, die zwar etwas oberflächlich behandelt wird, aber dennoch genügend Spielraum für die Gedanken des Zuschauers lässt. Gus Van Sant will hier zum Glück niemanden belehren. Vielmehr weist er auf ein wichtiges Thema hin und lässt den Zuschauer zum Beobachter werden. Zwischen feiner Charakterzeichnung und einigen dramatischen Zuspitzungen zwischen den Global-Mitarbeitern und dem Umweltaktivisten Dustin Noble (John Krasinski) entfacht Van Sant ein leises, gefühlsbetontes Drama, dem eine tiefere Auseinandersetzung mit seinem ernsten Thema und ein nicht ganz so glattgebügeltes Ende sicherlich besser gestanden hätten. Ein durchaus sehenswerter Film, mehr aber auch nicht.

„Frances Ha“
von Noah Baumbach

Frances ist 27, lebt mit ihrer besten Freundin Sophie in New York und ist vollauf damit beschäftigt, ihre Karriere als Tänzerin immer wieder neu zu erfinden. Auch wenn beruflich eine Enttäuschung die nächste jagt, in ihrem eheähnlichen Zusammenleben mit Sophie fühlt sich Frances ziemlich wohl. Als die jedoch überraschend auszieht, um mit einer anderen Freundin ihre Traumwohnung in Tribeca zu beziehen, sitzt Frances plötzlich auf der Straße. Jetzt muss sie nicht nur einen neuen Platz zum Wohnen finden, sondern auch einen neuen Platz in der Welt, denn von ihren zahlreichen hochtrabenden Ambitionen kann sie nur sehr wenige verwirklichen.

Zuletzt war Indie-Regisseur Baumbach mit seinem Film „Greenberg“ im Kino vertreten. Der Film lief sogar damals im Berlinale-Wettbewerb. Umso irritierender, dass sein neuer Film es „nur“ in die Panorama-Sektion geschafft hat. „Frances Ha“ (Der Titel erklärt sich ganz charmant am Ende des Films) ist eine schwarz-weiße Komödie mit einer wieder mal bezaubernden Greta Gerwig in der Hauptrolle. Die Mumblecore-Ikone tauchte zuletzt in Whit Stillmans College-Comedy „Damsels in Distress“ auf und auch hier spielt sie wieder eine junge Frau, die nicht recht in die Welt zu passen scheint. Frances sieht älter aus als sie ist und verhält sich dafür jünger. Es ist die typische Geschichte über das Erwachsenwerden, die Baumbach in Form einer Nouvelle-Vague-Hommage erzählt. Das fängt bereits bei den anachronistischen Texttafeln an. Das Drehbuch haben Baumbach und Gerwig zusammen geschrieben. Die Dialoge sind alltäglich und unerwartet komisch und die beschwingte Musikuntermalung ist das I-Tüpfelchen dieses wunderbar kleinen Films, zwischen Godard und Woody Allen.

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„Dark Blood“
von George Sluizer

Boy, ein verwitweter junger Mann mit indianischen Wurzeln, lebt in einer durch Nukleartests verseuchten Wüste in den USA. In dieses Refugium brechen unerwartet Harry und Buffy ein, die eine späte zweite Hochzeitsreise angetreten haben, um zu prüfen, ob ihre Ehe noch eine Zukunft hat. Als ihr Bentley streikt, bietet Boy seine Hilfe an. Doch dann beginnt er, die beiden wie Gefangene zu halten, weil er hofft, gemeinsam mit Buffy in eine bessere Welt hinüberwechseln zu können.

Ein Stuhl mit drei Beinen, so umschreibt Regisseur Sluizer zu Beginn von „Dark Blood“ die Vollkommenheit seines Films. 1993, während der Dreharbeiten starb River Phoenix urplötzlich. Erst jetzt fand Sluizer die Energie den Film irgendwie fertig zu stellen. Alle fehlenden Szenen werden im Film durch den Regisseur selbst im Off-Kommentar erzählt und es sind gerade die Sequenzen, die am stärksten haften bleiben. Die ungewöhnliche Annäherung zwischen Buffy und Boy findet dadurch nur noch unter dem Radar statt, in wenigen Blicken und Filmschnipseln, da die wichtigsten Szenen zwischen Judy Davis und River Phoenix nie gedreht wurden. Der unglaublich stark gespielte Spätwestern blickt tief in das dunkle Herz der amerikanischen Geschichte, vom Genozid der Ureinwohner bis zum Ende des Kalten Krieges und es ist gerade diese Unvollkommenheit, die „Dark Blood“ sehenswert macht, ja sogar dem Ton des Films angemessen erscheint, ein wunderschönes Fragment.

„Habi, La Extranjera“
von Maria Florencia Álvarez

Im Auftrag ihrer Mutter fährt Analía nach Buenos Aires, um dort Kunsthandwerk auszuliefern. Bald soll sie aufs Land zurückkehren und den Friseurladen der Familie übernehmen. Doch der Zufall will es anders. Eine Adressverwechselung führt sie zu einer muslimischen Gemeinde. Analía ist von der neuen fremden Welt gebannt und beschließt kurzerhand, die Rolle einer anderen Person zu übernehmen.

„Habi, The Foreigner“ ist ein beeindruckender Film, zwar nicht ästhetisch, aber inhaltlich. Die Regisseurin erklärt und zeigt immer nur das nötigste. Analias Background hat nur als Stimme der Mutter am Telefonhörer seinen Platz in dieser Welt. Ohne künstliche Schwere erzählt der Film seine Geschichte um Ausbruch, gar Emanzipation. Die Verortung in einer muslimischen Gemeinde fördert eine gänzlich neue Perspektive zutage. Der Islam, gerne als Sinnbild religiöser Unterdrückung missbraucht, wird hier zum Freiheitsentwurf, zur Möglichkeit aus festgefahrenen Strukturen auszubrechen. Martina Juncadella spielt die Titelrolle mit einnehmender Reduktion. Ich hoffe, dass dieser Film es irgendwie nach Deutschland schafft, allenfalls bleibt mir die Erinnerung an diese Filmperle aus Argentinien.

nullBeim 4. Berlinale-Recap werden wir uns folgenden Filmen widmen:
„Don Jon’s Addiction“ (Joseph Gordon-Levitt), „Closed Curtain“ (Jafar Panahi) und „Das merkwürdige Kätzchen“ (Ramon Zürcher)