"300: Rise of an Empire" (USA 2014) Kritik – Griechische Waschbretter im Blutrausch

Autor: Sebastian Groß

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„Better we show them, we chose to die on our feet, rather than live on our knees!“

2006 gehörte “300” zu den erfolgreichsten Filmen des Jahres und katapultierte Regisseur Zack Synder und Hauptdarsteller Gerard Butler auf die A-Liste ihrer Zunft. Die Verfilmung des gleichnamigen Comics von Frank Miller leitete eine Welle von Comicverfilmungen ein, die sich auf ein erwachsenes Publikum konzentrierten, obwohl „300“ in seiner Stilistik und gewalttätigen Glorifizierung vom Kampf und Tod vor allem großen Gefallen bei jüngeren Zuschauern fand, denen es herzlich egal war, dass hinter der ungleichen Schlacht von dreihundert spartanischen Soldaten gegen eine persische Dominanz fast schon debil anmutende Rollenklischees und faschistoider Pathos steckte, dessen Aussage nicht nur bei Pazifisten Bauchschmerzen verursachte. Nach dem enormen Erfolg und Hype von „300“ war es nur eine Frage der Zeit, bis ein Sequel seinen Weg in unsere Kinos finden würde. Zunächst gab es die Fortsetzung aber als Print. Frank Miller veröffentlichte „Xerxes“, eine Graphic Novelle, auf der „300: Rise of an Empire“ beruht. Das Comic soll den Fokus mehr auf den persischen Gottkönig Xerxes legen, dessen Erscheinung bei Miller wie auch bei Snyder irgendwo zwischen absurd und mythisch umher taumelte. Nun, bei „300: Rise of an Empire“ gibt es in der Tat mehr von und über Xerxes zu sehen, zumindest im Prolog. Danach kümmert sich das Sequel aber wieder genau um das, was jeder Fan des Vorgängers wohl erwartet: überstilisierte Action, massives Blutvergießen und wild kämpfende Griechen in knapper Bekleidung.

Diesmal unter der Führung des israelischen Regisseurs Noam Murro (zuvor inszenierte dieser nur die Indie-Tragikomödie „Smart People“ mit Dennis Quaid und Ellen Page), fegt erneut eine unterbesetze Armee über die Leinwand und meuchelt mit viel Getöse und noch mehr Zeitlupeneinsatz eine überwältigend große Perserarmee dahin. Da wird nicht einfach nur zugestochen und aufgeschlitzt, nein, da wird jeder einzelne Hieb regelrecht zelebriert, so lange bis das animierte Kunstblut wie dickflüssiger Sirup gegen die Kamera platscht. Tatsächlich wird dieser Stilistik noch mehr Raum geboten als im Vorgänger. Jede Hoffnung, dass Murro mehr aus dem historischen Konflikt herauskitzelt als es Snyder, der hier als Autor und Produzent beteiligt war, 2006 tat, erweist sich letztlich als naives Wunschdenken. Murro drückt „300: Rise of an Empire“ nicht seine eigene Handschrift auf. Er kopiert bloß und überschätzt dabei die Haltbarkeit von herumwirbelnden Klingen und Hämoglobin in Slow Motion immens. Nach gut einer halben Stunde hat sich die Fortsetzung erschöpft. Was bleibt, ist der Versuch durch repetitives Durchexerzieren bekannter visueller Floskeln aus Blut und Gewalt eine Art von Reputation zu generieren. Das scheitert ganz einfach an einer misslungenen Progression, einhergehend mit einer narrativ eher hinderlichen Struktur. So wird zu Beginn zwar erklärt, wie Xerxes vom persischen Prinzen zum Gottkönig wurde, doch danach ist der gefühlt drei Meter große Herrscher – den man wohl am besten als menschgewordene Douglas-Boutique bezeichnet – ungefähr so präsent wie die Szenen im Film, die ohne Green Screen auskommen.

Aber die Xerxes-Storyline ist nicht der einzige erzählerische Makel, den sich „Rise of an Empire“ leistet. So spielt das Sequel zwar zeitlich parallel zu seinem Vorgänger, ein echtes Gefühl dafür stellt sich jedoch nicht ein. Auch wenn Archivaufnahmen aus „300“ gezeigt werden (Gerard Butler hatte wohl keine Lust oder war zu teuer) und bekannte Figuren aus Teil eins sich kurz blicken lassen, um zu berichten, was kürzlich an den heißen Quellen geschah. Dieser Unwille der Fortsetzung, eine bündige und vor allem kohärente Erzählung zu gönnen, setzt sich mit der Figur der Artemisia fort. Diese darf als Art persische Amazone und Befehlshaberin für eine große Anzahl von zerschnittenen Kehlen sorgen und schlachtet sich ähnlich martialisch und imposant durch Gegnerhorden wie ihre männlichen Widersacher aus Griechenland. Wie aus Artemisia ein blutrünstiger Schrecken wurde, wird jedoch nur definiert, aber dann nicht weiter in den Handlungsverlauf eingebunden. Es ist schon fast ein wenig bemerkenswert, wie konsequent sich „300: Rise of an Empire“ dagegen wehrt mehr zu sein als ein hübsches Blutbad. Frei nach dem Motto: Mehr muss nicht sein.

Ist „Rise of an Empire“ also im Prinzip eine Kopie von “300”? Eigentlich schon, jedoch gibt es eine Auffälligkeit: die beiden weiblichen (Haupt-)Rollen haben diesmal mehr zu tun, als ihrem Pascha Mut zuzusprechen. Lena Heady („Game of Thrones“, „Dredd“) darf als spartanische Königin nicht nur als Erzählerin fungieren, sondern auch selbst zum Schwert greifen. Das wirkt etwas arg aufgesetzt. Dafür kann Eva Green („Casino Royale“, „Der Sternwanderer“) als Artemisia durchaus überzeugen. Der Hintergrund von Artemisia hätte zwar das Potenzial gehabt sie zu seiner ambivalenten Figur auszubauen, aber auch als durchgängig verdorbenes, blutgierendes Miststück ist sie das wohl beste und entscheidendste am gesamten Film. Der Spaß an der Boshaftigkeit und an der Gewalt ist Green anzusehen, auch wenn dies in einer äußerst lächerlichen Sexszene gipfelt. Doch auch dort lässt Artemisia sich nichts sagen, was im Gender-Kosmos von „300“ und Frank Miller durchaus eine wohltuende Modifikation ist und bei „Rise of an Empire“ ist jede Form der Abwechslung eine wahre Wohltat, auch wenn es sauer aufstößt, dass im Vorgänger wie nun im zweiten Teil eine Vergewaltigung der Startpunkt für eine charakterliche Wandlung ist.

Neben Eva Green und Lena Heady bietet das Sequel auch dem eher unbekannten Australier Sullivan Stapleton eine Bühne. Stapleton war zuvor u.a. im gefeierten Crime-Drama „Animal Kingdom“ sowie in „Gangster Squad“ zu sehen. Als athenischer Kriegsherr und Meisterstratege Themistokles reicht seine Erscheinung nicht an die des Leonidas heran, doch als bloße heroische Projektionsfläche, erfüllt er die an ihn gestellten Erwartungen, auch wenn seine Figur noch weniger beleuchtet wird als der vollbärtige Spartanerkönig. Dafür besitzt die Figur des Themistokles fast genauso faschistoide Züge wie Leonidas. Wie gesagt, bei „300: Rise of an Empire“ ändert sich im Vergleich zum Vorgänger recht wenig. Wer also immer noch das grausige Frösteln überkommt, wenn das Sterben fürs Vaterland, der Krieg als höchstes Ziel und Gnade als Nichtigkeit sowie Fehler abgetan wird, der sollte sich eine dicke Decke mit ins Kino nehmen. Der Faschismus, den schon „300“ so skrupellos auslebte und ehrte, erreicht hier definitiv eine neue Höhe. Etwas abgemildert wird dies dadurch, dass diesmal nicht nur die Griechen, sondern auch die Perser in ihrem blinden Kriegsdrang präsentiert werden. Hinterfragt wird dies aber zu keiner Zeit und wie auch bei „300“ bleibt hier alles Leben welches unförmig erscheint im Morast aus Verrat, Bosheit und Schwäche hängen. Anders ausgedrückt: auch „Rise of an Empire“ hat kein Herz für „unarische“ Existenzen.

Passend dazu wirft „300: Rise of an Empire“ jede Menge Brutalitäten in die Waagschale der Schauwerte. Die Ebene der Gewalt besitzt im Sequel auch erneut einen übertriebenen und phantastischen Touch. Doch unter Noam Murros Regie scheint es nun keinerlei Grenzen mehr zu geben. Das Ergebnis ist, dass der eingängige aber längst nicht mehr eigenwillige Stil sich mehr und mehr einem schlecht designten Videospiel angleicht: die Verkettung von immer mehr Superlativen ohne jemals einen klaren, dezidierten Höhepunkt zu finden. Dass dann noch versucht wird, trotz dieser Gewalt-Übersättigung, eine Schockwirkung durch folterähnliche Situationen zu erzeugen, unterstreicht die gähnende Leere hinter den blutigen Schlachten. Nicht nötig zu erwähnen, dass die politischen Ebenen und innere Zerissenheit des antiken Griechenlands ein stiefmütterliches Dasein als Lückenfüller fristet.