"500 Days of Summer" (USA 2009) Kritik – So ist die Liebe

„Weißt du was scheiße ist? Wenn einem klar wird, dass das woran man geglaubt hat alles totaler Schwachsinn ist. Das ist scheiße.“

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Das unabhängige Independent-Kino ist schon eine ziemlich feine Sache. Gerade wenn sich dieser Bereich der Liebe annimmt, denn anders als das Mainstream- und Hollywoodkino, dürfen sich die Regisseuren jeden Konventionen entziehen und müssen sich nicht den streifen Gesetzen der Traumfabrik beugen, wie jede Jennifer Aniston-RomCom. Man kann seine eigenen Ideen durchziehen, muss sich nicht anpassen, auch wenn man dem breiten Publikum damit nicht unbedingt gefallen wird. Vor allem Zach Braff bewies mit ‚Garden State‘ zu welchen Höhenflügen das Indie-Kino in der Lage sein kann und inszenierte nicht nur einen einzigartigen Liebesfilm, sondern auch einen der besten aller Zeiten. Auch Paul Thomas Anderson schaffte mit ‚Punch-Drunk Love‘ etwas Besonderes, genau wie Richard Ayoades ‚Submarine‘. Alles Filme, die man nur selten in dieser Form zu sehen bekommt und das Leben so anspricht, wie man es in manchen Situationen kaum besser wiedergeben könnte. Ein weiteres Highlight, welches ohne Frage zu den stärksten Indie-Filmen der letzten Jahre zählt, ist Marc Webbs ‚500 Days of Summer‘ aus dem Jahre 2009.

Als Tom, ein Hersteller von Grußkarten, die hübsche Summer auf seiner Arbeit trifft, ist es um ihn geschehen. Eines steht ab diesem Tag fest: Summer ist eine große Liebe seines Lebens und er muss sie für sich gewinnen. Das klappt auch und die beiden führen so etwas wie eine offene Beziehung, denn Summer möchte sich nicht binden und hat auch eigentlich gar keine Lust auf irgendetwas Ernsteres und Tom, der die Zeit auf eine festes gehofft wird, findet sich auf den harten Tatsachen der Realität wieder. Liebe kommt und geht, das muss er schmerzlich feststellen…

Als äußerst interessant erweist sich die Erzählstruktur von ‚500 Days of Summer‘, denn eigentlich hat der Film keine. Die 500 Tage, die Tom mit Summer verbracht hat, werden wild durcheinander gemischt und nach Belieben ausgespuckt. Vom ersten Tag könnte es direkt zum 314 Tag gehen und zurück zum 109. Das lässt den Film allerdings nie unübersichtlich oder durchwachsen erscheinen, sondern erweist sich nicht nur als intelligentes Stilmittel, sondern auch als vollkommen Neues und ebenso ansprechendes. Fantastisch ist auch der ausgewählte Soundtrack, der sich aus den verschiedensten Bands und Musikern zusammenstellte und die Augenblicke immer genau untermalt. Da hätten wir Regina Spektor, Wolfmother, The Temper Trap oder auch The Smiths. Auch die Kameraarbeit von Eric Steelberg lässt sich uneingeschränkt loben, die einige neue und unbekannte Blickwinkel von Los Angeles (!) eröffnet, wo man doch aus anderen Filmen immer längst dachte, diese Stadt inzwischen wirklich zu kennen.

Die Liebe spielt für jeden Menschen im Leben eine extrem wichtige Rolle, dabei wird sie auch von fast jedem wieder unterschiedlich aufgenommen und die Meinungen ihr gegenüber gehen klar auseinander. Glaubt man die Liebe? Glaubt man an Liebe auf den ersten Blick und gibt es den perfekten Partner wirklich? Oder ist Liebe einfach nur ausbremsend, unnötig und ein schweres Schlagloch auf dem eigenen Lebensweg. Dabei muss man natürlich zwischen familiärer Liebe, die immer gegeben sein muss, oder der Beziehungsliebe unterscheiden, die mal in der Ewigkeit endet, im besten Fall auch glücklich, oder als unerfüllte und auslaugende Lebensmühe ein tiefes Loch in den Menschen reißt. Auch heute wird der Satz Ich liebe Dich mit einem Lichtsinn und erschreckenden Respektlosigkeit gesagt, dass die wahre Bedeutung längst verloren gegangen ist, genau wie der Wert einer Beziehung und dem Zusammensein. In Wahrheit lässt sich die Liebe, so übermannend und kraftvoll, so trügerisch und brechend sie auch sein mag in einem Satz perfekt wiedergeben, denn dieser entfaltet die Differenz genau: die Liebe hinterlässt Spuren, dass ist immer so und wird auch immer so bleiben, egal wen oder wie wir geliebt haben, sie bleibt in uns. Doch diese Spuren müssen nicht immer gut sein, sondern können sich auch negativ in uns verankern und für immer dortbleiben.

Mit zwei Menschen, die unterschiedliche Auffassungen von der Liebe und der Beziehung haben, bekommen wir auch in ‚500 Days of Summer‘ vorgestellt. An erster Stelle unsere eigentliche Hauptperson Tom (gefühlvoll und ebenso mitreißend stark: Joseph Gordon-Levitt) ein emotionaler und auch sensibler Typ, der an die wahre Liebe glaubt und nur dann ein erfüllendes Leben führen kann, wenn er sie denn auch wirklich gefunden hat. In Summer, einer Assistentin seines Chefs, sieht er sie plötzlich. All das zeichnet sich in ihr ab, auf das er sein ganzes Leben warten musste und er kommt ihr auch näher. Doch hier kommen wir auch schon auf die andere Seite. Summer (zauberhaft und zuckersüß: Zooey Deschnael) macht das, worauf sie Lust hat und auf eine wirklich ernste Beziehung hat sich gar keinen Bock. Sie will ein freies und unbekümmertes Leben führen, denn ihrer Meinung nach, enden Beziehungen immer im Chaos oder in der Scheidung und am Ende hat niemand etwas von ihr. Die beiden verbringen Zeit miteinander, kommen sich näher, und damit ist nicht nur die körperliche Ebene gemeint, sondern auch menschlich. Jedoch interpretiert Tom, wie jeder andere normale Mensch auch, zu viel in die gemeinsame Zeit. Tom und Summer machen die Dinge, die Paare nun mal auch tun. Sie gehen aus, sie haben Sex und sie verstehen sich blendend. Summer bleibt ihrer Aussage jedoch treu und Tom, der nun mit den Folgen kämpfen muss, fällt immer tiefer in sein eigenes emotionales Loch. Aber es wird sogar noch schlimmer, denn gerade, nachdem die beiden sich wiedergetroffen haben, stellt Tom fest, dass Summer kurz vor ihrer Hochzeit steht und Toms Leben wird erneut wieder vollkommen durchgewirbelt.

Die Off-Stimme am Anfang des Films weist uns darauf hin, dass wir es hier mit keiner Liebesgeschichte zu tun bekommen. Die Geschichte selbst könnte mehr Standards gar nicht in sich tragen: Junge trifft seine Traumfrau, Traumfrau mag den Jungen, will aber nichts Ernstes und zieht nach einer Weile wieder ab und der Junge ist am Boden zerstört. Was Regisseur Marc Webb jedoch aus dieser extrem simplen Story zaubert, ist schlichtweg hinreißend. ‚500 Days of Summer‘ lebt seiner Originalität, die der Film mit so einer herzerwärmenden und genauso ehrlichen Art versprüht, dass man ihm schnell verfallen ist. Softy Tom versteht die Welt der Liebe nicht mehr und befindet sich zwischen Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Wir machen mit ihm gemeinsam die Höhen und Tiefer einer (nicht-)Beziehung durch und fühlen jede Emotion. Die Liebe und den Schmerz, die Zuneigung und die plötzliche Ablehnung. ‚500 Days of Summer‘ ist einfach so voller Wärme und Charme, voller Frische, Schönheit und Identifikationsmöglichkeiten, dass es nahezu unmöglich erscheint, sich dem hochkreativen Film zu entziehen. Zwischen einer Musicaleinlage, Patrick Swayze, Split-Screens, Grußkarten und Sex unter der Dusche sehen wir das tragische und berührende Scheitern zweier Menschen, die so perfekt zueinandergepasst hätten, aber getrennte Wege gehen müssen. Dabei verkommt Webbs Inszenierung jedoch zu keinem Zeitpunkt zum Hau-Drauf-Pessimismus, der den Zuschauer mitrunterzieht, sondern bewahrt sich durchgehend seine klare Form, die zwar in ihrer Art tragisch ist, aber niemandem schmerzt. ‚500 Days of Summer‘ ist ein wunderbarer Film und eben doch ein Liebesfilm, allerdings einer der ganz besonderen Sorte.

Fazit: So muss ein lockerer und ebenso ernstzunehmender Film über das Scheitern der Liebe aussehen. Originell, unverbraucht, liebesvoll und fühlbar. Regisseur Marc Webb hat gezeigt, zu welcher Großtat er in der Lage ist und man darf auf seinen weiteren Werdegang mehr als nur gespannt sein. Die ausgezeichneten Schauspieler, der tolle Soundtrack, die fantastischen, nie deplatziert wirkenden Stilmittel und Webbs feinfühlige Inszenierung machen ‚500 Days of Summer‘ zu einem klaren Muss.

Bewertung: 8/10 Sternen