57. Londoner BFI Filmfestival – 2. Recap: "Nebraska", "The Zero Theorem", "The Double" und "Tom at the Farm"

Autor: Conrad Mildner

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Zeit für den zweiten Recap meiner Filmerlebnisse auf dem Londoner Filmfestival, der dieses mal nur so voller vielversprechender Titel strotzt, von Regiemeistern wie Payne und Gilliam bis zu Wunderkindern wie Dolan und Ayoade. Halten die großen Namen, was sie versprechen?

„Nebraska“
von Alexander Payne

Schauspiellegende Bruce Dern (u.a. „Lautlos im Weltraum“) meldet sich zurück in Alexander Paynes melancholischem Roadmovie „Nebraska“, der bereits in Cannes im Wettbewerb zu sehen war. Dern spielt Woody, einen Rentner und Trinker, der ein zwielichtiges Gewinn-Angebot als Ticket zu 1 Mio. Dollar missversteht und sich zusammen mit seinem Sohn David (Will Forte) auf den Weg nach Lincoln/Nebraska macht, um sein Geld abzuholen. Auf dem Weg dorthin trifft Woody alte Freunde sowie Familie wieder und die Nachricht, dass er Millionär sei, macht diese Wiedersehen nicht unbedingt leichter. Wie so oft bei Payne kommt auch „Nebraska“ mit einem begrenzten Vokabular filmischer Mittel aus, die größtenteils schon zu Genüge im Indie-Kino verbraten wurden. Das trifft insbesondere auf die zwar passende, aber auch recht gefällige Filmmusik von Mark Orton zu. Dennoch oder gerade weil sich Payne auf erprobtem Boden bewegt, nicht von ungefähr erinnert „Nebraska“ oft an „About Schmidt“, hat sein Film selten etwas „falsches“ an sich. Der Film weiß zu jeder Sekunde was er erzählt und ist bis in die kleinste Sprechrolle herausragend besetzt. Teilweise fühlen sich Woodys Erlebnisse, besonders seine Begegnungen mit Familie und Freunden, so echt an, dass sie Erinnerungen an ähnliche, selbst erlebte Situationen wecken. „Nebraska“ begibt sich nie ins Feld von Spekulationen. Er ist im besten Fall ein Film „mitten aus dem Leben gegriffen“, der souverän Sentimentalitäten oder der oftmals unerträglichen Verniedlichung älterer Menschen aus dem Weg geht. Woody ist kein Held. Manchmal ist er unerträglich und seine vernünftige aber harsche Frau Cate (Fantastisch: June Squibb) ebenso. Ausschließlich sein Sohn David behält die Sympathien für sich. Dass er trotzdem oftmals nur wie ein Guckrohr auf die weitaus interessanteren Charaktere funktioniert, konnte auch Payne nicht verhindern. Zwar versucht der Film zu Beginn Davids ganz eigene Lasten zu zeigen, aber spätestens in der zweiten Hälfte übernehmen die Daddy Issues sein Handeln. Interessant bleibt „Nebraska“ so oder so, nicht ausschließlich als Charakterdrama, sondern auch als Blick auf ein vernachlässigtes und längst vergessenes Amerika.

„The Zero Theorem“
von Terry Gilliam

Ohne Vorwarnung wirft uns Gilliam in seine mal wieder üppige Vision der Zukunft voller Anachronismen, Pop-Art und Hedonismus. Seit „Brazil“ warten Fans auf einen weiteren Film dieser Art und dennoch kann „The Zero Theorem“ von Gilliams Kultfilm nicht weiter entfernt sein. Er ist eine herbe Enttäuschung. Im Groben erzählt der Film über das Computergenie Qohen (Christoph Waltz), der sich weitestgehend isoliert und für eine mysteriöse Firma im virtuellen Raum agiert. Vom allgegenwärtigen Manager (Matt Damon) bekommt er den Auftrag, dass „Null Theorem“ zu lösen. Als Gegenleistung erhält Qohen den Anruf auf den er schon seit Ewigkeiten wartet. Am Anfang macht das Chaos, die Fülle an Verweisen, Informationen und Ideen noch Spaß, doch nach kurzer Zeit fühlt man sich genötigt, das alles auch verständlich zu strukturieren. Was für eine Figur spielt Christoph Waltz da eigentlich so enervierend? Worum geht es beim „Null Theorem“ und was will diese knapp bekleidete Frau (Mélanie Thierry) ständig bei ihm, die so spielt als wäre sie direkt einem Lolita-Porno aus dem Internet entstiegen? Gilliams überbordende Bilder bleiben letztendlich recht hohl, da weder die Dystopie greifbar, noch die Figuren glaubhaft sind. Es ist alles äußert hübsch anzuschauen und hält auch ein paar interessante Besetzungen bereit, wie z.B. Matt Damon als „Godlike Manager of All“ aber dennoch ist „The Zero Theorem“ allenfalls ein Traum von einem gelungenen Film. Wenn am Ende alle losen Fäden irgendwie zusammen geknotet werden, wird das umso deutlicher. Dann folgen die Erklärungen über den Sinn des Lebens und das Universum, die niemanden interessieren.

„The Double“
von Richard Ayoade

Der britische Schauspieler Richard Ayoade (Moss aus „The IT Crowd“) gelang mit seinem Regiedebüt „Submarine“ ein echter Publikumserfolg. Nun hat Ayoade seinen zweiten Film gedreht, der laut Wim Wenders angeblich ja der schwierigste in der Karriere eines Regisseurs sein soll. „The Double“ ist nicht nur mit Jesse Eisenberg und Mia Wasikowska prominent besetzt, sondern schlägt auch inhaltlich eine andere Richtung ein. Zusammen mit Harmony Korines Bruder Avi adaptierte Ayoade Dostorjewskis Erzählung „Der Doppelgänger“, die bereits oft verfilmt wurde. Was kann Ayoade dem Stoff abgewinnen? Simon (Jesse Eisenberg) ist ein unscheinbarer Angestellter einer ominösen Regierungsabteilung. Sein Kolleg_innen und besonders sein Schwarm Hannah (Mia Wasikowska) nehmen ihn kaum wahr. Simon ist zurückhaltend und will niemandem auf den Fuß treten, auch wenn die anderen es die ganze Zeit machen. Auf einmal taucht James auf; der zwar eine identische Kopie Simons zu sein scheint, allerdings mit einer ganz anderen Persönlichkeit gesegnet ist. James nimmt sich das, was er will und Stück für Stück nimmt er sich auch Simons Leben. Ayoade sucht die Verfremdung. Szenenbild und Kostüme erinnern an klassische Studiofilme. Es gibt keine einzige Tagesszene und die Lichtsetzung zitiert den deutschen Filmexpressionismus. „The Double“ stellt sich als Parabel, als caligarischer Traum dar, der glaubt eine profunde, menschliche Geschichte zu erzählen. Was Dostojewskis Vorlage über die Identität eines Menschen ist weiterhin eindringlich. Was macht uns zu Personen; wir selbst oder die Wahrnehmung anderer? Ayoades Querweise zu Kafka und Orwell sind nicht zu übersehen und bestätigen die Unselbstständigkeit des Films. Ein Stückwerk filmisch-literarischer Leichenteile, das zumindest audio-visuell mitreißend in Szene gesetzt wurde, nur inhaltlich läuft der Staub über.

„Tom at the Farm“
von Xavier Dolan

Jedes Jahr, ein Film, Auteur Xavier Dolan hat mit seinen 23 Jahren bereits die Produktivität eines Woody Allen. Seine Filme sind trotzdem keine Massenware und sein aktueller Streifen ist besonders widerspenstig. Das zugrundeliegende Theaterstück übersetzt Dolan in zahlreiche Handlungsellipsen. Jederzeit scheint mindestens ein wichtiges Stück Information zu fehlen, sei es der Background der Figuren, die Exposition oder schlicht die Szene direkt davor. Dolan spielt mal wieder selbst die Hauptrolle und geht als Tom eine sado-masochistische Beziehung mit dem Bruder seines verunglückten Geliebten ein, der Tom nötigt die Lebenslüge des Verstorbenen für die Mutter aufrecht zu halten. Der psychologischen Komplexität des Drehbuchs begegnet Dolan nicht nur mit verkürzenden Ellipsen, sondern auch mit einer stürmischen und leider auch sehr vordergründigen Filmsprache; typisch für den Regisseur, aber nicht unbedingt das Richtige für diesen Film. Auch die Stilmittel des Psycho-Thrillers wirken forciert und selten organisch, aber ohnehin scheint „Tom at the Farm“ kein Film zu sein, der die ästhetische Geschlossenheit sucht und letztendlich überwiegen die eindringlichen Momente, kleine Kabinettstückchen der Regie wie ein Tangotanz, ein Gesicht mit zugewachsenen Augen oder die Flucht vor der Lust daran beherrscht zu werden.

Beim nächsten Recap geht es u.a. um den neuen Film von Ti West „The Sacrament“ und Lucky McKees „All Cheerleaders Die“.