57. Londoner BFI Filmfestival – 3. Recap: "The Sacrament", "All Cheerleaders Die" und "Sarah prefers to Run"

Autor: Conrad Mildner

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Das Festival erreicht seinen Zenit und mein vorletztes Recap ist da. Es geht um böse Sekten, untote Cheerleader und eine Frau, die es vorzieht zu laufen, also alles was das Filmherz begehrt. Mehr Spannbreite geht einfach nicht!

„The Sacrament“
von Ti West

Es bleibt unglaublich was für einen Genre-Doppelschlag Ti West in den letzten Jahren vollführt hat. Zuerst seine beeindruckende 80er-Horror-Replik „The House of the Devil“ und gleich danach der meisterhafte Haunted-House-Film „The Innkeepers“. Die Erwartungen an seinen neuen Film konnten nicht höher sein und vielleicht hat sich der Genre-Auteur (Regie, Buch, Schnitt) mit der absichtlichen Distanzierung zu den vorherigen Filmen durch Thema und Found-Footage-Setting auch einen Gefallen getan, so dass er eben nicht bloß an seinen letzten Meisterstücken gemessen wird. Reiner Genre-Stoff ist „The Sacrament“ auf dem Papier jedenfalls nicht. Der Film handelt von zwei VICE-Journalisten und einem Fotografen, die dessen Schwester (Amy Seimetz) aus den Fängen einer Hippie-Kommune befreien wollen. Als das Team dort in der abgeschotteten Siedlung ankommt, überrascht sie die friedliche Stimmung, die freundlichen Menschen und die Lebensfreude der vermeintlich Gefangenen. Alles scheint okay zu sein, auch wenn es seltsam ist, dass der Leiter der Siedlung (Gene Jones) von allen nur „Father“ genannt. Doch während der ersten Nacht zeigen sich schon die ersten Risse im Gefüge und wirklich frei ist hier niemand. Vielleicht wird der Film allein durch die Wahl der Found-Footage-Brille zu einem Horrorfilm. Welches Genre sonst hat dieses Konzept nicht bis zum Erbrechen ausgereizt? Warum sich West für dieses Korsett entschieden hat, bleibt fraglich. In einem Twitter-Beitrag wies der Regisseur selbst daraufhin, dass es doch weniger wie Found-Footage als wie eine Dokumentation aussehen sollte. Eine halbgare Entschuldigung; klar, gefunden wird das Footage hier nicht, sondern von den letzten Überlebenden in Sicherheit gebracht, aber welche Dokumentation lässt schon einfach mal die Kamera laufen, wackelt nervös und schneidet das am Ende auch in den fertigen Film rein? Zwar sehen die Bilder (anfangs jedenfalls) nicht halb so nervig und schlecht aus wie in den üblichen Filmen dieser Art, aber ästhetisch ist die Dokumentation noch sehr fern. Hätte „The Sacrament“ eine andere Erzählweise nicht besser gestanden? Bisauf den völlig langweiligen Hauptfiguren (Hipster-Vice-Reporter aus NY) hat der Film zumindest inhaltlich was zu bieten. Die Siedlung wirkt äußerst authentisch und erinnert absichtlich an bereits geschehene Sekten-Vorfälle. Besonders grausig und glaubwürdig ist Gene Jones als „Father“, der beim großen Interview alle Register seiner Schauspielkunst zieht. Auch von der wundervollen Amy Seimetz als fanatischer Schwester hätte ich gerne mehr gesehen. Am Ende fühlte sich der Film dann doch recht kurz an, zu kurz für die enormen inhaltlichen Ausmaße und hätte West sich noch weniger auf Found-Footage und New-Media-Huldigung konzentriert, dann wäre „The Sacrament“ auch nicht so weit von seinen zwei letzten Filmen entfernt.

Deutscher Kinostart: noch unbekannt

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„All Cheerleaders Die“
von Lucky McKee und Chris Sivertson

Lucky McKee gehört neben West zu den wenigen Hoffnungen des Horrorgenres. Bereits 2001 drehte er zusammen mit Kollege Sivertson einen ähnlichen Film mit dem gleichen Titel auf Video. Dieses selbst initiierte Remake ist natürlich ein professionelles Update. Zwischendurch haben die beiden Regisseure ganz andere Filme gemacht. Nach McKees düsterem Festival-Hit „The Woman“ wirkt „All Cheerleaders Die“ wie eine leicht verdauliche High-School-Komödie und das ist sie weitestgehend auch, aber nichtsdestotrotz unglaublich spaßig. Die Story: Nach einem tödlichen Unfall der Chief-Cheerleaderin bewirbt sich die sonst unauffällige Maddy (Caitlin Stasey) für den frei gewordenen Platz. Ihr Plan ist es die heile Welt der Cheerios und Jocks von innen zu zerstören, doch durch unerwartete Ereignisse haben Maddy, ihre Exfreundin Leena (Sianoa Smit-McPhee) und ein paar andere Cheerleader auf einmal ganz andere, blutige und übernatürliche Probleme. Im Vergleich zu allen anderen Filmen, die ich auf dem Festival gesehen habe und wahrscheinlich noch sehen werde, ist „All Cheerleaders Die“ wahrscheinlich der seltsamste. Stellen sie sich einfach eine überlange Folge „Buffy“ gepaart mit „Charmed“ vor und fügen sie eine große Portion „Cabin Fever“ dazu. Es ist ein lauter Film mit deftigem Soundtrack, saftigen Effekten und durchwachsenem Humor geworden, der zwar oftmals vorhersehbar bleibt, aber sichtlich Spaß hat bei allem was tut. Diese Laune hat sich auch auf mich übertragen und ein gleichgeschlechtliches Pärchen im Mittelpunkt finde ich eh immer toll. „All Cheerleaders Die“ ist also ein gelungener Partyfilm, nicht mehr und nicht weniger.

Deutscher Kinostart: noch unbekannt

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„Sarah préfère la course“
von Chloé Robichaud

„Sarah prefers to run“ lief bereits in der Sektion „Un Certain Regard“ dieses Jahr in Cannes. Das franco-kanadische Drama erzählt von der jungen Sarah (Sophie Desmarais), die es liebt zu laufen und nach Montreal ziehen will, um an der dortigen Hochschule ins angesehene Laufteam aufgenommen zu werden. Ihre Eltern sind nicht begeistert, aber als Sarahs Kollege Antoine (Jean-Sébastien Courchesne) ihr anbietet mit umzuziehen und ihr zu helfen, können sie auch nichts dagegen tun. In der neuen Umgebung sieht sich Sarah mit allerhand Eindrücken und Forderungen konfrontiert, ganz besonders Antoines Avancen machen ihr zu schaffen, denn eigentlich will sie nur laufen. In sehr kalten, fast sterilen Bildern fasst Robichaud ihre Geschichte. Orte werden anonymisiert, Handlungen nur angedeutet. Den ganzen Film erleben wir aus Sarahs Perspektive, die trotzdem bis zum Schluss recht fremd bleibt. Seltsamerweise ist es gerade Antoines Figur, die bis ins kleinste erschlossen wird, dabei ist er noch nicht mal sonderlich interessant. Sarahs andere Probleme, z.B. der soziale Druck, ihre Zuneigung zu einer Kommilitonin oder die körperliche Belastung des Sports, all diese spannenden Ideen verkürzt Robichaud auf ein Minimum und macht sie fast undeutlich, während die Beziehung zu Antoine wie in einer Soap Opera durchexerziert wird. Eigentlich hätte „Sarah prefers to run“ ein starker Film über soziale Entfremdung werden können, aber das ist nun es allenfalls als ein Glimmen wahrnehmbar.

Deutscher Kinostart: noch unbekannt

Beim nächsten und leider schon letzten Recap geht es um Jason Reitmans lang erwarteten, neuen Film „Labor Day“ mit Kate Winslet und Josh Brolin sowie dem Abenteuer-Drama „Tracks“ mit Mia Wasikowska und das französische Drama „Abuse of Weakness“ mit Isabelle Huppert.