"7 Days" (FR 2010) Kritik – Die schwere Reise in eine geschundene Seele

„Madame wollte ja vögeln. Und während du deinen verdammten Orgasmus hattest, hat er unsere Tochter im Feld vergewaltigt! SO war’s!“

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Selbstjustiz, Rache und Vergeltung. In der Filmwelt sind das längst wichtige und beliebte Themen. Filme wie ’96 Hours‘, ‚Ein Mann sieht rot‘, ‚Kill Bill Vol. 1‘ & ‚Vol. 2‘, ‚Harry Brown‘, ‚The Horseman‘ und auch ‚Mystic River‘ sind einige Vertreter des Genres, die sich auf unterschiedlichen Wegen dieser schwierigen Thematik annehmen. Ob mit bloßer Gewalt und einem erbarmungslosen Feldzug durch Reihen von Gegnern, oder langsam, nachhaltig und emotional bis zum bitteren Ende. Sicher haben beide Seiten ihre Reize, doch die moralischen Fragen sind unumgänglich. Im Jahr 2010 schenkte uns Frankreich noch einen neuen Beitrag zum vielschichtigen Rache-Genre. Die Rede ist hier von Daniel Grous schwerem Drama ‚7 Days‘, das uns tatsächlich noch etwas Neues bieten kann.

Die achtjährige Jasmine Hamel wird zum Opfer eines brutalen Vergewaltigers und Mörders. Als ihr Vater Bruno Hamel ihre entstellte Leiche auf einem Feld findet und bemerkt, dass die Justiz nicht den richtigen Weg zur Gerechtigkeit einschlagen kann, nimmt er die Dinge selbst in die Hand. Er entführt den Vergewaltiger und kündigt an, ihn 7 Tage, bis zum eigentlichen neunten Geburtstag seiner Tochter, zu foltern und die Schmerzen zuzufügen, die er verdient hat. Doch 7 Tage werden zur Ewigkeit und Bruno zerbricht immer mehr…

In der schwerwiegenden Hauptrolle als Bruno Hamel sehen wir Claude Legault. Legault bringt eine dermaßen intensive Leistung, die den Zuschauer wie ein Stich mitten ins Herz trifft. In seinem Gesicht zeichnet sich die ganze Trauer und die unbändige Wut wie Verzweiflung ab. Extrem ausdrucksstark und unheimlich kraftvoll. Legault bekommt die große Bühne und reißt durch seine einnehmende Präsenz alles und jeden immer an sich. Aber auch Martin Dubreuil als Vergewaltiger Anthony Lemaire kann eine schmerzerfüllte Darstellung bringen und sein Leiden glaubwürdig ausspielen. Andere Schauspieler wie Rémy Girard oder Pascale Delhaes bleiben eher Randfiguren, die zwar ihre Momente bekommen, aber weder mit Leagult noch mit Dubreuil mithalten können.

Wie weit würde man gehen, wenn das eigene Kind verschwindet oder gar getötet wird? Wie weit würde man selbst als Elternteil gehen, um sein Kind zu rächen, das einem dieser Monster zum Opfer gefallen ist? Wie sehr können wir es verstehen, dass man als Vater den Mörder und Schänder seines Kinders aus der Welt treiben will? Ich denke, auf diese Fragen haben wir alle eine Antwort, die im Kern auf einen gemeinsamen Punkt trifft. Familie steht immer über allem und das eigene Blut muss man einfach schützen, egal was es kostet und wie sehr man sich selber in einen brutalen Sog ziehen lässt. Die Seele wird nach einem solchen Vorfall sicher nie mehr zu sich finden, doch vielleicht kann man, wenn man weiß, dass der Mörder seine Strafe bekommen hat, etwas ruhen. Bruno Hamel ist hier einer dieser Väter, die sich gezwungen sehen, einen eigenen Weg einzuschlagen und die Gerechtigkeit, die Lemaire so nie bekommen hätte, selber durchzuführen. Doch je näher der eigentliche Geburtstag seiner Tochter kommt, desto schwerer wird sein Vorhaben. Der klare Kampf, den Hamal aufgenommen hat, wird plötzlich zu einem Kampf gegen sich selbst und gegen die Außenwelt, die weiß, was er tut. Was bleibt ihm am Ende noch übrig, jetzt, wo er diesen Schritt gegangen ist und es kein Zurück mehr gibt? Genugtuung? Reue? Leere? Zufriedenheit? Eines bleibt in jedem Fall immer: die tiefste, unvorstellbare und schmerzhafte Trauer.

David Grou setzt zu keinem Zeitpunkt auf überzogene oder verherrlichende Gewaltdarstellungen. Sicher sind die auch da und brennen sich ins Gedächtnis, wenn Hamal dem Vergewaltiger das Knie mit einem Hammer zerschmettert oder ihn mit einer Eisenkette bearbeitet und tiefe Löcher in seinen Körper reißt, doch ‚7 Days‘ ist ganz klar eine intensive und authentische Charakterstudie über einen zerrissenen Mann, der vom Opfer zum Täter wird. Und das macht die ausgefeilte Eindringlichkeit dieses Films aus. Wir sehen in die beiden Männer hinein, die eigentlich auf den entgegensetzten Seiten stehen, aber diese Seiten immer wieder wechseln. Ist die Rache gerechtfertigt? Wahrscheinlich. Ist sie aber auch sinnvoll? Darauf bekommen wir keine Antwort. Wir blicken in die geschundene Seele eines Vaters, der in dieser Zeit langsam zerbricht und von Innen zerfressen wird. Grou erzählte ‚7 Days‘ langsam, benötigt keine unnötigen Schockeffekte und überschlägt sich nicht im Bruchteil einer Sekunde. Wir werden in eine eiskalte Welt geführt, in der niemand unschuldig ist und unser eigener Standpunkt gerät immer weiter ins Schwanken. Am Ende bleibt nur der eiskalte Schmerz und der wird noch lange anhalten.

Fazit: ‚7 Days‘ ist unverblümt, bretthart und erschreckend intensiv. Eine eindringliche Charakterstudie über einen Vater, der immer mehr aufgibt und sich selbst unterliegt. Grandios gespielt, vor allem von Claude Legault, die eiskalte Atmosphäre und die unaufgeregte, aber komplexe Inszenierung von Grou machen ‚7 Days‘ zu einem wichtigen Film, den man lange Zeit nicht vergessen wird. Harter Tobak.

Bewertung: 8/10 Sternen