Kritik: 96 Hours – Taken 2 (FR 2012)

„Hör mir bitte zu Kim! Deine Mutter und ich werden entführt.“

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Es kommt nicht oft vor, dass man einen Film sieht, der die eigenen Erwartungen mehr als übertrifft. „96 Hours“, oder schlicht „Taken“, war damals so ein Film. Wer hätte gedacht, dass der bisher einzig auf Charakterrollen adressierte Liam Neeson glaubhaft zum Sly Stallone der Gegenwart avanciert. Die klare Regie und ein Drehbuch ohne viel Firlefanz machten den astreinen, schlanken, aber äußerst kompromisslosen Vigilante-Thriller erst möglich. Der Erfolg war enorm, eine Fortsetzung wohl unausweichlich. Der Ironie des Schicksals ist es nun auch geschuldet, dass meine Erwartung dem zweiten Teil gegenüber weit untertroffen wurde. Nicht, dass ich etwas genauso gutes vermutet hätte, aber dass „96 Hours – Taken 2“ genauso unbeholfen ist wie sein Titel klingt, hat mich doch schwer verwundert, wobei die Gründe offensichtlich sind. Zwei entscheidende Dinge haben sich geändert.

Zwar haben Luc Besson und Robert Mark Kamen wieder das Drehbuch geschrieben, doch von der chemischen Reinheit des ersten Films sind sie dieses mal weit entfernt. Während „Taken“ noch gänzlich um Liam Neeson herum geschrieben war und die geradlinige Handlung zunehmend eskalierte, da sich Neesons Figur Mills vor den Augen des Publikums unaufhaltsam vom Verlierer zum brutalen Mörder wandelte, ist der zweite Teil gezwungen eine andere Richtung einzuschlagen, da die Zuschauer_innen mit Minute eins bereits wissen wozu dieser Mann fähig ist. Die nötigen Geheimnisse, die Teil eins so unvorhersehbar machten und Besson/Kamen auf eine simple Story zurückgreifen ließen, fehlen nun völlig und so musste das Drehbuch zwangsläufig komplexer werden, mehr Figuren und mehr Wendungen mussten her. Aus der Vater-rettet-Tochter-aus-den-Händen-fieser-Menschenhändler-in-Paris-Geschichte wurde nun ein symmetrischer Selbstjustiz-Film. Einer der Väter der von Mills im ersten Film ermordeten albanischen Menschenhändler sinnt nun auf Rache und macht sich mit einem Killertrupp auf den Weg nach Istanbul, wo Mills gerade einen Bodyguardjob hat. Unerwartet bekommt er dort Besuch von seiner Tochter und seiner Exfrau. Es kommt wie es kommen musste. Mills und seine Ex werden entführt und nun muss die Tochter zur Tat schreiten um ihre Eltern zu retten. Dazu gesellen sich noch andere wirre Handlungselemente, wie das ausgestellt kluge Spiegeln der beiden Selbstjustiz-Seiten und eine unnötig lange Exposition, die nur erzählt, dass Töchterchen jetzt einen Freund hat und Papa lernen muss loszulassen, was aber nicht so schlimm ist, da seine Exfrau wieder eindeutige Avancen macht. Das nächste weibliche Wesen zum beschützen steht also bereits in den Startlöchern. Ärgerlich wie die Autoren mit diesen konservativen Heile-Welt-Abziehbildern bereits zu Beginn die ganze Klasse des ersten Teils in die Tonne kloppen.

Dennoch darf man dem Drehbuch nicht vorwerfen es würde nicht genügend Möglichkeiten für Actionsequenzen bieten. Die gibt es zuhauf, doch leider greift da der zweite folgenschwere Faux-Pas des Films, das Engagement Olivier Megatons als Regisseur. Der Kopf hinter u.a. „Transporter 3“ ist nicht im geringsten ein so guter Actionregisseur wie sein Kollege Pierre Morel. Kameramann Romain Lacourbas, den Megaton gleich mitgebracht hat, filmt fast alles mit dem übersichtsarmen Teleobjektiv und der Schnitt ist mehr damit beschäftigt dem Tempo des UpBeat-Soundtracks zu folgen als wirklich Bilder in Bezug zueinander zu stellen. Teilweise fängt man wirklich an die berüchtigte Zeitlupe zu vermissen, um überhaupt einmal hinterher zukommen. Man will doch eigentlich nur verstehen, wie der Mann da gerade gestorben ist, woher die Schüsse kamen oder wo überhaupt wer im Raum steht. Megaton findet das nicht wichtig. Hauptsache es knallt.

Das gelingt dem Film an einer Stelle sogar auf komische Art, wo das alberne Drehbuch und die planlose Regie Hand in Hand arbeiten. In einer Szene rennt die Tochter über die Dächer Istanbuls und versucht ihren Vater mithilfe von Granaten zu finden. Sie wirft eine nach der anderen irgendwohin und aufgrund des Explosionsschalls, sagt ihr Vater am Telefon wie weit sie noch entfernt ist, quasi GPS auf islamistisch oder so, was ganz gut ins islamfeindliche Weltbild von Besson und Co passt. Während der erste Film nur mit Mühe rassistisch gedeutet werden konnte, legt der zweite eine Schippe drauf. Der Ausflug nach Istanbul nimmt hier schon fast Slowakei-Ausmaße wie in Eli Roths „Hostel“ an, nur ohne dessen ironische Brechungen. Bei Besson trägt wirklich jede Frau in Istanbul ein Kopftuch, niemand ist hilfsbereit oder kommunikativ und wenn, wie in der Szene davor Granaten explodieren, dann interessiert sich dafür auch niemand, ist man ja gewohnt im Orient, oder was? Auch die folkloristische Musik, die laut über jede Stadt-Totale gelegt wird und einem Klagelied ähnelt, verdichtet nur das Bild eines Istanbuls als fremde Hölle aus dem es für die amerikanische Mittelstandsfamilie kein Entkommen gibt. Im ersten Film war noch das Geld an allem Schuld. Da waren die albanischen Menschenhändler nur am Ende der Kette aus bösartigen Menschen, die sich durch alle gesellschaftlichen Schichten zog. „96 Hours – Taken 2“ macht es sich da ein wenig einfacher. Da ist einfach jeder böse, der „Salam Aleikum“ sagt, ekelhaft.

Bewertung: 2/10 Sternen