Kritik: A Most Wanted Man (DE, GB, US 2014)

Autor: Conrad Mildner

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„Not only is this man wanted, I would dare to say that he is the most wanted.“

Es ist der erste Film seit dem Tod Philip Seymour Hoffmans, in dem wir den Ausnahmeschauspieler als Kinogeist erleben. Anfang des letzten Jahres schrieb ich noch eine Hymne auf Hoffman. Auch mir war zu der Zeit nicht bewusst in was für einer schwierigen Lage er sich befindet. Niemand konnte wohl erahnen, dass der Familienvater und Oscar-Preisträger plötzlich durch eine Überdosis Heroin von uns gehen würde. Und auch wenn die kommende Filmen, wie „A Most Wanted Man“, Hoffmans Tod ebenso wenig vorhersehen konnten, legt sich der noch frische Totenschleier wie ein weiterer Filter über die Bilder. Seine unangepasste Erscheinung in „Die Tribute von Panem – Catching Fire“ als Plutarch Heavensbee, scheinbar ungeschminkt und unkostümiert, erhält so zumindest eine düstere Motivation.

Auch in Anton Corbijns John-le-Carré-Verfilmung „A Most Wanted Man“ hängt sich Hoffmans Tod wie Blei an seine Figur des Günther Bachmann, dem Leiter einer inoffiziellen, deutschen Spionageeinheit in Hamburg. Bachmann ist wie auch George Smiley in Tomas Alfredsons kongenialer Verfilmung von „Dame König As Spion“ (2012) kein glamouröser Held à la James Bond. Er ist ein Getriebener, ohne soziale Verbindungen in die Außenwelt. Ja, er ist eine Art Geist, der sein altes Leben vor langer Zeit zurückgelassen hat und nun in der Schattenwelt der Spionage gefangen ist. Bachmanns alte Anzüge, die Zigarettensucht und sein bleiches Gesicht sind die Überbleibsel eines Lebens voller Verzicht und Pflichten. Seine traurigen Augen haben den Kalten Krieg gesehen und müssen nun den „Krieg gegen den Terror“ miterleben.

Der russisch-stämmige Tschetschene und Islamist Issa Karpov (Grigoriy Dobrygin) kommt nach Hamburg, um an das illegale Vermögen seines verstorbenen Vaters zu kommen. Die Anwältin Annabel Richter (Rachel McAdams) will ihm dabei helfen und verliebt sich in den jungen Mann. Beide werden von Bachmanns Einheit, dem BND und der CIA gleichermaßen ins Visier genommen, denn womöglich geht ihnen durch Karpovs Erbe noch ein weitaus größerer Fisch ins Netz.

Nach seinem hochgelobten Debüt „Control“ (2007), dem schwarz-weißen Biopic über Joy-Division-Sänger Ian Curtis und dem mit George Clooney hochkarätig besetzten Euro-Thriller „The American“ (2010), hat sich der niederländische Starfotograf Anton Corbijn als überaus visueller Erzähler etabliert. Das detaillierte und zugegeben staubtrockene Drehbuch von „A Most Wanted Man“ mit seinen vielen anonymen Schauplätzen, Büros und Wohnungen bildet da keine allzu leichte Herausforderung. Und so gelingt es Corbijn und Kameramann Benoît Delhomme leider auch nicht ästhetisch über den nächstbesten „Tatort“ hinauszuwachsen. „A Most Wanted Man“ verliert sich leider sehr schnell im Einheitsbrei konventioneller „Talking Heads“ vor grauem Hintergrund. Die dröge Erzählung wird dadurch natürlich kaum erträglicher und so fragte ich mich, ob bei der Laufzeit von 122 Minuten nicht noch Luft für mögliche Kürzungen gewesen wäre. Die minutiös chronologische Schilderung, Szene um Szene, schlägt sich kleinlichst zum „großen“ Finale durch, welches in seiner an „Chinatown“ (1974) gemahnenden Tristesse schon wieder reizend ist, aber den immens klimatischen Vorbau nicht wirklich rechtfertigen kann.

Zahlreiche Figuren sind Füllmaterial für den Plot. Angefangen beim Paar Karpov und Richter, die erst wie Hauptfiguren daherkommen und mangels Charakterzeichnung zunehmend im Hintergrund verschwinden, da die ganze Geschichte um Karpovs Vergangenheit bloß der Exposition dient. Auch die Liebesbeziehung mit Annabel Richter ist allenfalls ein typisches „Plot Device“. Ich würde noch nicht mal dem Schauspiel von McAdams und Dobrygin die Schuld dafür geben. Zugegeben, einem Charakterdarsteller wie Willem Dafoe gelingt es selbst in der knapp bemessenen Rolle des zwielichtigen Bankiers Brue zu glänzen. Ohnehin fällt es den jüngeren Schauspieler_innen schwerer Interesse zu wecken. „A Most Wanted“ ist ein Film der älteren. Herbert Grönemeyers Cameo hat mehr Gravitas als Bachmanns junges Spionageteam (u.a. Daniel Brühl) zusammen.

Das wirkliche Traumpaar des Films sind sowieso Hoffman und Nina Hoss. Die deutsche Schauspielerin hat hierzulande bereits alle Ehren errungen. International hat sie vor allem durch ihre letzten Arbeiten mit Christian Petzold (z.B. „Barbara“) auf sich aufmerksam gemacht. Die großen internationalen Rollen blieben allerdings noch aus und es bleibt zweifelhaft inwieweit „A Most Wanted Man“ daran etwas ändern kann, obwohl Hoss neben Hoffman das zweite schauspielerische Highlight ist.

Nina Hoss spielt ihre Rolle der Irna Frey (Was für ein Name!) so als wäre sie gerade vom Set des letzten Petzold-Films in die Kulissen von „A Most Wanted Man“ gefallen. Sie ist wieder einmal die blonde Unnahbare, die selbst Hitchcock zu kühl gewesen wäre. Das faszinierende an ihrem Spiel ist aber die subtile Wärme. Viele Schauspieler_innen können ihr Gesicht in eine kühle Mine verwandeln, doch nur wenige bleiben dabei menschlich fühlbar. Irna Frey, die rechte Hand Bachmanns, nicht so alt, aber auch nicht mehr so jung, ist ebenfalls verloren im Spionageapparat. Zwischen ihr und Bachmann herrscht eine professionelle Bindung. Und dennoch gibt es diese leisen Momente des Zweifels, wenn sie und er ein küssendes Paar am Straßenrand „spielen“, um nicht aufzufallen. Oder wenn sie der Anwältin erklärt, wie sie Karpov am besten verführen kann. Gefühlsregungen werden in ihren Augen zu Variablen und Werkzeugen des Geheimdienstes, doch ihre sowie auch Bachmanns traurige Augen weisen stets auf die großen Opfer hin, die dafür erbracht werden mussten. Weinen Spione eigentlich?