"Die Abenteuer von Tim und Struppi" (USA 2011) Kritik – Schändung der meisterlichen Comicvorlage

„Nobody takes MY ship!“

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Das war dann wohl der beste Beweis dafür, dass manche Vorlagen besser unangetastet bleiben sollten, vor allem, wenn es sich dabei um eine der größten Comicreihen aller Zeiten handelt. Hergés „Tim und Struppi“-Geschichten sprühen nur so vor Witz, Abenteuer, Ideen und wunderbarer Figuren. Steven Spielberg hat davon allerdings fast gar nichts verstanden.

Dass die Story rein gar nichts mit den Comics zu tun hat, hätte ich sicherlich verkraftet. Allerdings fehlt dem Film jedwede Spannungskurve. Da wird eine aberwitzige Szene an die nächste gereiht, ohne ansatzweise die Figuren zu charakterisieren. Aber nicht nur das, Hauptcharakter Tim wird sogar zu einer Nebenfigur dekradiert, ebenso der süße Struppi. Auch die Chemie zwischen den beiden funktioniert zu keinem Augenblick. Das liegt erstens daran, dass die beiden absolut mies animiert sind (die Motion Capture Technik hat mich von nun an endgültig zum Feind), sodass die beiden mit den Comicabbildern fast gar nichts mehr gemein haben. Die Sängerin Bianca Castafiore wirkt ebenfalls billig animiert und ihr Auftritt absolut fehlplatziert. Aber lassen wir die Charaktere ein wenig in Ruhe und wenden uns anderen Ärgernissen zu.

Spielberg kann sich zu keinem Zeitpunkt entscheiden, welchen Stil er nun benutzen möchte. Irgendwo zwischen kindlicher, dümmlicher Action, Film Noir und Comicanleihen. Die Schnitte sind zu hektisch, sodass man sich kaum richtig mit einem Schauplatz anfreunden kann. Diese Schauplätze sind zwar allesamt pompös inszeniert, aber dennoch schien hier die Priorität gewesen zu sein, so viele Handlungsorte wie möglich abzuklappern, denn einem roten Faden zu folgen. Für die Kids zu brutal und zu viel Alkohol mit im Spiel. Für die Erwachsenen wenig spektakulär. Das hat sich auch im Kino bestätigt, denn Lacher gab es selten. Die Action ist laut, aber besitzt, abgesehen von der Motorradverfolgung, null Charme.

Wie bereits anfangs erwähnt ist nicht Tim der Protagonist, sondern sein dauersaufender Weggefährte Captain Haddock. Um diese Figur und seinen Wiedersacher wird eine absurde Geschichte um Rache gesponnen, die keinerlei Spass bringt. Zugegeben, über wenige Aktionen musste ich echt lachen. Allerdings wurden diese direkt aus den Comics übernommen und sind keineswegs den Machern zu verdanken. Die Spannung fehlt konstant, da die Geschichte weder intelligent noch unvorhersehbar in Szene gesetzt wurde. Meiner Meinung nach eines der schwächsten Drehbücher dieses Jahres, welches in seiner Einfallslosigkeit sogar „Transformers – Dark of the Moon“ Konkurrenz macht. Die Lächerlichkeit stellt dabei das absurd actionreiche Finale dar, in dem sich Andy Serkis und Daniel Craig mit Kränen einen Kampf liefern.

Warum ich bei all der Kritik nur die Note schwach vergebe, ist vor allem dem genialen Andy Serkis, der Captain Haddock mit sehr viel Humor und Leichtigkeit verkörpert und der Kurzweiligkeit des Films zu verdanken. Null Langeweile, umso mehr Ärgernisse und sobald man glaubt, der Film würde nun richtig beginnen, läuft bereits der Abspann über die Leinwand. Nein, Mr. Spielberg, in aller Freundschaft zu einigen Ihrer Filme, diese Adaption ist absoluter Unfug und die größte Enttäuschung des Kinojahres 2011.

Fazit: Eine Schändung, welche den Charakteren, der Story und dem Begriff „Abenteuer“, welche die Comicvorlage so sehr prägten, nie und nimmer gerecht wird. Man möchte glauben, dass Spielberg es besser wüsste, denn er hat mit der „Indiana Jones“-Trilogie immerhin die besten Abenteuerfilme aller Zeiten geschaffen.

Bewertung: 4/10 Sternen