"Adams Äpfel" (DK 2006) Kritik – Zwei Welten prallen aufeinander

„Das ist aber ein gutaussehender Mann! Ihr Vater?“ – „Das ist Hitler.“

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Das skandinavische Kino ist angesagter denn je. Kein Wunder, denn was uns Länder wie Schweden und Dänemark regelmäßig vor den Latz knallen, ist schon auf einem ganz hohen Niveau. Ob es die Millenium-Trilogie ist, ‚So finster die Nacht‘, ‚Evil‘, ‚Dogville‘ oder ‚Walhalla Rising‘. In diesen Ländern steckt extrem viel Qualität, auf die wir uns auch in den kommenden Jahren noch freuen können. Zu den großen Regisseuren gehören da Nicolas Winding Refn, Lasse Hallström und natürlich der unvergessene Meister Ingmar Bergman. Aber auch Anders Thomas Jensen zählt zu den gefragtesten und interessantesten Filmemachern seines dänischen Heimatlandes. Mit Filmen wie ‚Flickering Lights‘ oder ‚Dänische Delikatessen‘ bewies er sein Talent, als Drehbuchautor zu ‚Nach der Hochzeit‘, ‚In China essen sie Hund‘ oder ‚In einer besseren Welt festige er seinen Ruf erst recht. Sein riesiges Können vereinte 2006 in der Tragikomödie ‚Adams Äpfel‘, der nicht nur klar zu den stärksten Vertretern des dänischen Kinos gehört, sondern allgemein ein tolles Highlight ist.

Der brutale Neonazi Adam soll an einer Art Resozialisierungsmaßname teilnehmen, um sich wieder in die Gesellschaft einfügen zu können. Er wird der ländlichen Kirchengemeinde des immer gutgelaunten Pfarrers Ivan zugeteilt, der bereits zwei andere Verbrecher auf den richtigen Weg gebracht hat. Nicht grade erfreut tritt Adam seinen Dienst an und sieht sein Ziel darin, einen Kuchen zu backen. Die Tage vergehen und Adam merkt immer mehr, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Die gute Laune des Pfarrers stört ihn zunehmend und er versucht mit allen Mitteln seine positive Art zu zerstören. Gerade in dieser Zeit, in der sich die Auseinandersetzungen immer weiter zuspitzen, scheint noch eine andere Kraft in das Geschehen einzugreifen…

In ‚Adams Äpfel‘ sehen wir zwei der großen Stars des skandinavischen Kinos, die sich allerdings auch schon längst international zu angesehen Schauspielern etabliert haben. An erster Stelle Mads Mikkelsen als gutgläubiger und verständnisvoller Pfarrer Ivan, der in allem nur das Beste sieht. Mikkelsen wächst über sich hinaus und bringt eine facettenreiche Darstellung, die nicht nur mit ihrer sorgfältigen Ausarbeitung beeindruckt, sondern auch durch Mikkelsens einmaliges Potenzial, dass den Charakter Ivan zu einer Einzigartigkeit macht. Neben ihm glänzt Ulrich Thomsen als Neonazi Adam, der mit seiner hervorragenden Mimik vollkommen mit Mikkelsen mithalten kann und ebenfalls eine Glanzleistung bringt. Beide sind die wichtigsten Figuren im Film und entfalten sich so gekonnt, dass es wirklich Spaß macht ihnen bei der Arbeit zuzusehen. Aber auch die Nebenrollen sind mit Nicolas Bro als Gunnar, Ali Kazim als Khalid und Paprika Steen als Sarah toll besetzt.

Die eindeutige Besonderheit in ‚Adams Äpfel‘ sind die fantastisch gezeichneten Charaktere, die so vielschichtig erscheinen, dass man sie in jeder Szene neuentdecken und erneut kennenlernen kann. Das fängt bei Pfarrer Ivan an, der eine kleine Kirchengemeinde in einer ländlichen Gegend führt und in jedem Menschen nur das Gute erkennt. Er nimmt jeden an, so wie er ist, würde niemanden verurteilen oder beschuldigen, sondern nur sachlich diskutieren und von seiner Meinung überzeugen. Ivan ist gut für diese Welt. Doch das hat einen ernsten Hintergrund, denn Ivan hatte eine mehr als harte Vergangenheit, der er nun mit allen Mitteln verdrängend will und mit der Schönheit des Lebens bedecken, die allerdings die Wahrheit auf extremste verfälscht. So sieht er seinen spastisch gelähmten Sohn nicht als solchen an, sondern redet sich ein, dass dieser gerade noch ein Völkerballspiel locker bestreiten konnte. Dem Vergewaltiger Gunnar konnte er helfen, dessen Leben durch einen Ausball bei einem Tennisspiel aus den Fugen geriert, genau wie der Drogenabhängigen Sarah oder dem Tankstellenräuber Khalid. Jetzt bekommt er es allerdings mit einem harten Fall zu tun und der Neonazi Adam zieht in die Behausung ein. Adam hält sich für einen schlechten Menschen und kann mit dieser heilen Welt rein gar nichts anfangen. Als Ziel nimmt er sich, aus den Äpfeln im Garten einen Kuchen zu backen, doch schon bald stört ihn alles nur noch. Er will den Pfarrer brechen und mit der ernüchternden Realität konfrontieren, die in umbringen könnte. Dieses Aufeinandertreffen und erkunden der beiden unterschiedlichen Charaktere stellt sich als ein einzigartiges Erlebnis heraus.

Mit ‚Adams Äpfel‘ bekommen wir einen Film, der sich sicher um Gott, den Teufel und die Religion dreht. Doch Jensen prügelt niemanden seine religiöse Meinung ein, er nimmt keine Stellung ein um irgendjemanden zu überzeugen. Er verpackt seine Botschaft unaufdringlich und setzt zu keiner Sekunde auf plumpe Offensichtlichkeit, die schnell nervig werden hätten können, sondern verdeckt sie so, dass der Zuschauer zwar nach ihr greifen kann, aber es nicht muss, denn ‚Adams Äpfel‘ funktioniert auf allen Ebenen. Mit dem gutherzigen, aber verwirrten Pfarrer Ivan und dem groben Neonazi Adam prallen zwei Welten aufeinander. Die eine will helfen, die andere will brechen und zerstören. Doch Gegensätze ziehen sich an und verschiedenen Menschen können ohne einander gar nicht existieren, denn ohne das Gute gibt es kein Böses. Zwei Leben, von Grund auf verschieden verbinden sich und füllen ihre Leere mit Farbe. Das inszeniert Regisseur Jensen in erster Linie so rabenschwarz, das die Lacher manchmal aus einem herausgeschossen kommen und gelegentlich auch im Halse stecken bleiben. Soll man lachen, oder tun einem die Charaktere nun doch viel zu Leid? ‚Adams Äpfel‘ ist skurril und irgendwie seltsam, aber doch so menschlich, gefühlvoll, rührend, schön und verdammt ehrlich. Klischees werden aufgezogen und gerne auf albernen und naiven Wegen verdreht, ohne aber das Niveau zu verlieren oder respektlos zu erscheinen. Ein Film über Wiedergutmachung, Ziele im Leben und die ewige Versuchung. Ein lustiges Drama, eine dramatische Komödie. ‚Adams Äpfel‘ ist beste Unterhaltung, etwas für das Herz und doch tiefgängiger als man es auf den ersten Blick für möglich gehalten hat.

Fazit: Mit ‚Adams Äpfel‘ gelang Anders Thomas Jensen eine Perle unter den filmischen Besonderheiten. Ein Film mit Herz und Verstand, der zum Lachen bringt und genauso nachdenklich stimmt. Die tollen Darsteller, der feine Score, die schönen Bilder und Jensens feinfühlige Inszenierung machen ‚Adams Äpfel‘ zu einem der liebesvollen Höhepunkte in der frischen Filmgeschichte, welchen man gesehen haben sollte und das nicht nur einmal.

Bewertung: 9/10 Sternen