"Der Adler der neunten Legion" (GB/US 2011) Kritik – Channing Tatum und Jamie Bell auf der Suche nach Wahrheit

Ich hasse alles wofür Ihr steht, alles was Ihr darstellt.

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Das Jahr 140 nach Christus: Das römische Imperium leidet unter einem schweren Schock, denn die neunte Legion, ganze 5.000 Soldaten, sind bei ihrem Feldzug im Norden Kaledoniens ohne jeden Anhaltspunkt verschwunden. Unter diesen tapferen Männern war auch Marcus Aquilas Vater, einer der angesehensten Soldaten der Legion. Doch nicht nur die Armee ist unauffindbar, sondern auch das goldene Standarte, das Feldzeichen der Neunten. Marcus sinnt darauf, die Wahrheit aufzudecken, doch bei einem schweren Angriff wird er im Südwesten Britanniens in einer kleinen Festung schwer verletzt und soll aus der Armee ehrenhaft entlassen werden. Er geht dem Ratschlag niedergeschlagen nach, doch als ihm zu Ohren kommt, dass die Standarte, der goldene Adler, im Norden gesehen wurde, macht er sich zusammen mit dem mutigen Sklaven Esca auf die gefährliche Reise, jenseits des Hadrianswalls…

Den ersten großen Fauxpas leistet sich Regisseur Kevin Macdonald bereits mit der schwachen Besetzung seiner Hauptfiguren. Ausgerechnet Milchbubi Channing Tatum gibt den angesehenen Soldaten Marcus Aquila, der sich zum Feldherren aufarbeiten möchte und mit dem Ansehen seiner Männer überschüttet wird. Rein körperlich gibt es an Tatum natürlich rein gar nichts zu meckern und die muskulöse Statur weist in die richtige Richtung, doch wenn es um das Schauspiel selbst geht, erweist sich der Frauenschwarm als offensichtlicher Totalausfall. Seine mimische Eingeschränktheit wird vor allem in den eigentlich emotionalen Szenen unübersehbar, einfach weil sich sein Ausdruck nie wirklich ändert und Tatum durchgehend mit eintöniger Mühe durch den Film glotzt. Jamie Bell als drahtiger Sklave Esca macht seine Sache zwar besser, denn machen wir uns nichts vor, Bell ist im Vergleich zu Tatum schon der deutlich bessere Darsteller. Und doch reicht es nicht, dass Bell wirklich ansprechend spielt und die Ambivalenz seiner Figur durchgehend überzeugend offenbart. Es hapert vor allem an der Präzision und Genauigkeit, die der Brite gerne mit dem Holzhammer übergeht. In den Nebenrollen werden dann noch hochklassige Leute wie Tahar Rahim, Mark Strong und Donald Sutherland ohne weiteres verschenkt.

Dabei verfügt „Der Adler der neunten Legion“ einen klaren Punkt, der sich als durchaus gelungen bezeichnen lassen kann: Die Optik. Kameramann Anthony Dod Mantle arbeitet mit rohen Grundtönen, die den (zuweilen vorhandenen) Realismus großartig unterstreichen und ab und an eine gewisse Atmosphäre erzeugen, die sich nicht nur authentisch wirkt, sondern auch Lust auf ein grobes Historien-Spektakel machen. Da hört es dann aber auch schon so ziemlich auf mit dem verdienten Lob, denn der durchaus talentierte Regisseur Kevin Macdonald weiß in seiner zweistündigen Laufzeit eigentlich nie über einen längeren Zeitraum wirklich zu überzeugen. Ein typisches Problem der Traumfabrik, die sich einem historischen Stoff annimmt und ihn vollkommen fragwürdig und unsachgemäß in die Tat umsetzt. Genügend Mythen und Theorien kreisen um die sagenumwobene neunte Legion der römischen Armee. Die Verlust und das Schamgefühl dieser „Niederlage“ waren für Kaiser Hadrian jedenfalls in einem solchen Ausmaß, dass er eine Mauer, heute bekannt als Hadrianswall, aufstellen ließ, um die bekannte Welt vom Feindgebiet abzutrennen. Aber um historische Korrektheit geht es Regisseur Macdonald hier nicht im Ansatz. Wie auch, wenn niemand die Wahrheit kennt. Die zweite Lösung wäre also gewesen, einen unterhaltsames Spektakel, ohne wirklichen Tiefgang, aber mit einem festen Fundament.

Wenn man wirklich auf eine fesselnde Geschichte mit Spannungskurve und nennenswerten Höhepunkten hofft, dann ist man mit „Der Adler der neunten Legion“ an der vollkommen falschen Adresse gelandet. Sicher schneidet Kevin Macdonald Themen wie Unterwerfung und Bestimmung an, genau wie die Selbstfindung in dunkelster Stunde und das Zusammenfindung gegensätzlicher Weltansichten. Jedoch wurden die Charaktere so träge gezeichnet, dass es weder zu einer Entwicklung kommt, noch zur passenden Chemie zwischen Marcus und Esca. Mal grummeln sie sich an, mal stellen sie sich gegenseitig ein Beinchen und dann wird gemeinsam gelacht. Ein weiteres Problem ist die schleppende Handlung, die von einem Fleck Erde zum neuen Setting kraxelt, aber keinen ansprechenden Treffer in Sachen Unterhaltung landet, denn genaugenommen passiert die ganze Zeit über rein gar nichts. In den besten Momenten blitzt ein Funke Realismus auf, wird dann im Bruchteil weniger Sekunden wieder in den Dreck gedrückt, nur um sich immer weiter mit überzogenem Pathos einzudecken und in peinlicher Heroisierungen aufzuplustern. „Der Adler der neunten Legion“ ist ein schnarchig inszenierter Schritt in die Vergangenheit, der genauso in Vergessenheit geraten darf, wie die Namen der verschwundenen Soldaten.

Bewertung: 3/10 Sterne