„After Earth“ (USA 2013) Kritik – Will Smith und der überforderte Kindersoldat

Autor: Jan Görner

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„Danger is real. Fear is a choice.“

Im Vorfeld des ontologischen Alien-Dramas „Signs“ machte das US-Magazin Newsweek 2003 mit einer Coverstory über Regisseur M. Night Shyamalan auf. Der Titel: „The Next Spielberg“. Wie sich die Zeiten ändern. 2012 musste Newsweek nach fast 80 Jahren endgültig die Segel streichen und auch Shyamalans Nachruhm aus „The Sixth Sense“-Tagen ist längst verweht. Nach einigen brachialen Bruchlandungen, die von selbstbeweihräuchernd („Lady in the Water“), konfus („Die Legende von Aang“) bis zu ergreifend einfältig („The Happening“) reichten, versucht der Anfang 40-Jährige mit „After Earth“ nun an alte Erfolge anzuknüpfen, aber bleibt sich doch treu.

Nach einer Bruchlandung finden sich der junge Kadett Kitai Raige (Jaden Smith) und sein Vater und kommandierender Offizier Cypher (Will Smith) als einzige Überlebende einer Weltraummission auf einem fremden und lebensfeindlichen Planeten wieder – der Erde. Doch um Hilfe zu rufen ist aussichtslos, es sei denn Kitai gelingt es sich durch 100 Kilometer dichten Dschungel zu schlagen und ein Signal abzusetzen während der schwer verletzte Cypher im Wrack bleibt und ihn durch die Wildnis lotst. Dabei muss sich der Teenager nicht nur der gefährlichen Umwelt stellen, sondern auch aus dem langen Schatten seines Vaters treten.

Im April schrieb ich im Fazit meiner ernüchterten Besprechung von Joseph Kosinskis „Oblivion“, nicht ganz ernst gemeint, dass die Hoffnungen der CinemaForever-Redaktion nun auf „After Earth“ ruhen, seien beide Filme doch thematisch ähnlich gelagert. Doch in der Tat haben beide Filme, abgesehen von ihrem post-apokalyptischen Setting wenig miteinander gemein. Ergötzt sich Joseph Kosinskis Charaktersuche hauptsächlich an ihrer technischen Perfektion, bildet ein menschliches Drama den Kern von „After Earth“. „Oblivion“ geht es um die ganz großen metaphysischen Themen, Shyamalan hingegen blickt ins Innere seiner Figuren. Dafür wäre der ganze Aufwand allerdings gar nicht nötig gewesen, den die 130-Mio.-Dollar-Produktion betreibt.

Zum Universum von „After Earth“ gehört eine 300 Seiten starke „Bibel“, für welche sich unter anderen die bei Sci-Fi-Fans nicht unbekannten Autoren Peter David und Michael Jan Friedman verantwortlich zeichnen. Die dichte Backstory erzählt die Geschichte des Millenniums seit der Evakuierung der Erde: Wie die neue Heimatwelt Nova Prime gefunden und kolonisiert wurde, wie es zum Kontakt mit einer außerirdischen Zivilisation und schließlich zum Krieg mit dieser kommt. Im Verlauf der Feindseligkeiten entfesseln die Fremden mit den Ursa ihre ultimative Waffe. Eine genetisch manipulierte Rasse von Monstern, nur zu dem Zweck gezüchtet, die menschliche Spezies zu vernichten. Obwohl faktisch blind, spüren sie ihre Beute mittels der Pheromone auf, die Menschen ausschütten, wenn sie Angst empfinden. Smiths Seniors Rolle als General Raige ist die eines Soldaten, der seine Angst völlig besiegen und damit für die Ungeheuer unsichtbar werden kann. ‚Ghosting‘ nennt sich das und ist eine Fähigkeit, die nur sieben Menschen beherrschen. Die Kommunikation mit seinem Sohn ist nach einem tragischen Familienunglück jedoch völlig gestört.

Hervorzuheben ist das Produktionsdesign, dem anzusehen ist, dass hierauf viel Sorgfalt gelegt wurde. Die Zukunft von „After Earth“ hebt sich deutlich vom derzeit angesagten glatten Stil à la Apple ab. Vielmehr gehen die Entwürfe von derzeit bereits angedachten Entwicklungen wie Graphen-Oberflächen aus, welche kein starres Material, sondern Tuchbahnen sind und dennoch widerstandsfähiger als jede Metalllegierung. Dies verleiht dem Streifen einen teils gewöhnungsbedürftigen, aber wenigstens eigenständigen Look.

Unglücklicherweise nimmt es der Rest von „After Earth“ mit der Wissenschaft nicht ganz so genau. Die schlichte Tatsache, dass Angst als Urinstinkt eine evolutionär enorm wichtige Rolle für die Arterhaltung zukommt, hat im auf einem Story-Konzept von Will Smith‘ persönlich basierenden Drehbuch keinen Platz. Generell scheint niemand am Script mitgewirkt zu haben, der auch nur grundlegend verständig ist, wenn es um Entwicklungstheorie geht. Denn wie eine Evolution auf der Erde stattgefunden haben soll, die dazu führte, dass Flora und Fauna auf das Töten von Menschen spezialisiert sind, wenn dieser Umwelteinfluss doch seit mindestens 1000 Jahren keine Rolle mehr auf dem Planeten spielt, bleibt ein Rätsel. Wer jedoch dachte, dass eine Öko-Botschaft nach „The Happening“ nicht unbeholfener sein könnte, wird in „After Earth“ eines Besseren belehrt.

Die gute Nachricht indes ist, dass M. Night Shyamalan diesmal auf sein ehemaliges Markenzeichen, die zur Selbstparodie verkommene Pflicht, einen Storytwist einzubauen, ebenso verzichtet wie auf die meisten seiner angestammten Kameraspielereien. Shyamalans Name als Werbeträger ist beim Publikum ohnehin (bis auf weiteres) verbrannt. Aus dem Möchtegern-Autorenfilmer ist ein Auftragswerker für das Familienunternehmen Smith geworden. Denn der Star von „After Earth“ soll ganz klar Jaden Smith sein, welcher sogar vor seinem berühmten Vater auf dem Filmposter genannt wird. Versucht da jemand den Markenkern der Showbiz-Dynastie aufzupolieren? Dass Jada Pinkett Smith und Ehemann Will bei „After Earth“ beide als Produzenten agieren, muss ein glücklicher Zufall sein.

Doch der zu Drehbeginn gerade einmal 13-Jährige Jaden besitzt weder die schauspielerischen Fähigkeiten noch das Charisma, um ein Projekt dieser Größenordnung zu tragen. Den Großteil der Handlung bildet Smith Juniors Solotour in der Wildnis, während er mit seinem außer Gefecht gesetzten Vater lediglich über Funk in Kontakt bleibt. Hier erweist sich letztlich auch die Wahl des Regisseurs als Missgriff, ist Shyamalan doch für vieles bekannt, nicht jedoch für eine souveräne Führung seiner Schauspieler. Will Smith seinerseits scheint sich bei der Entwicklung seiner Rolle in die Idee verrannt zu haben, dass jemand, der keine Angst verspürt, gleich völlig emotionslos sein muss. Was stoisch wirken soll, ist nur kalt und unbeteiligt. Eine Herangehensweise, welche durchaus legitim wäre, würde der Charakter irgendeine Wandlung in der Beziehung zu seinem Sohn durchmachen. Doch misslingt „After Earth“ der emotionale Kern der Vater-Sohn-Geschichte letztlich vollends, wenn der Filius am Ende Papas Respekt lediglich als (Kinder-) Soldat erringt, nicht aber als Familienmitglied.

Fazit: „After Earth“ wäre gerne ein familienfreundliches Sci-Fi-Survival-Drama mit großen Schauwerten. Ein löchriges Script stehen dem Visuellen trotz einiger brauchbarer Ansätze jedoch zu sehr im Weg. Was bleibt, ist ein aufgeblasenes Projekt mit einem Will Smith, der weit hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt und seinem Sohn, der den an ihn gestellten Forderungen schlicht (noch?) nicht gewachsen ist.