Kritik: All Is Lost (USA 2013)

Autor: Pascal Reis

All is Lost

© Lionsgate

I’m sorry. I know that means little at this point, but I am.

Es gibt rein gar nichts, was der generalisierten Weltbevölkerung so überdeutlich die kollektive Hilflosigkeit gnadenlos vor Augen hält, wie die destruktive Macht der Natur und der erbarmungslose Einfluss differenter Witterungsverhältnisse auf unsere behütete Existenz. Naturkatastrophen jeder Couleur, von brachialen Tornados in den Vereinigten Staaten, die ganze Landstriche verwüsten über Tsunamis in Südostasien, die tausende Menschenleben unter sich begraben, bis hin zu Vulkanausbrüchen in Island, die uns die Hölle auf Erden darbieten, sind natürlich die erste Anlaufstelle und sorgen reflexartig für Angstzustände. Doch auch die Tiefen des Dschungels in ihrer unberührten Form, die mit Schneestürmen verknüpften Gipfel der höchsten Gebirge und die peitschenden Weiten der Weltmeere, beherbergen in ihrem bloßen, unverfälschten Anblick gleichzeitig Gefahr und Faszination und wecken nicht selten den in uns allen verwurzelten Entdeckungsdrang. Diese Abenteuerlust, der Überlebenskampf und Selbsterfahrung – wie natürlich auch die Auswirkungen erwähnter Naturkatastrophen, Roland Emmerich lässt grüßen – sind weitreichende Themen der Filmgeschichte, jedoch in ihrer Interpretation und Visualisierung interessanterweise gänzlich unterschiedlich anzusiedeln.

Dass ein Film wie J.C. Chandors „All Is Lost“ aus inhaltlicher Sicht nie zum falschen Zeitpunkt den Weg in die Kinos finden könnte, ist von vornherein eine vollkommen klare Sache, schließlich sind Survival-Dramen immer ein kommerzielles Fressen und lassen die Kinokassen klingeln. Die Liste der Vertreter dieser Gattung ist lang und wenn wir uns weiter in unserer naturverbundenen respektive auf realistischem Niveau befindenden Klassifikation bewegen wollen, fällt der nächstliegende Verdacht nicht nur auf Alfonso Cuarons „Gravity“ mit George Clooney und Sandra Bullock in den Hauptrollen, sondern gewiss auch auf Danny Boyles „127 Hours“ mit James Franco, Sean Penns „Into the Wild“ mit Emile Hirsch, Robert Zemeckis‘ „Cast Away – Verschollen“ mit Tom Hanks und John Boormans gesellschaftskritisches Meisterwerk „Beim Sterben ist jeder der Erste“ aus dem 1972. Das Motiv, in dem der Mensch gegen die Natur antreten muss, ob an Land oder im Wasser, fehlt inzwischen zweifelsohne der originelle Pepp. Es kommt in diesen Filmen allerdings weniger auf die sprudelnde Flut an Ursprungskreativität an, denn um die Form der eigentlichen Umsetzung und das resultierende Evozieren einer mitreißenden Atmosphäre.

In „All is Lost“ ist es nun Robert Redford, der zuletzt selber noch vor und hinter der Kamera mit seinem nostalgischen Polit-Thriller „The Company You Keep“ glänzen konnte, der als namenloser Skipper auf hoher See mit seiner Yacht „Virgina Jean“ mit einem durch die Wellen treibenden Container kollidiert und unseren Protagonisten unsanft aus dem Reich der Träume manövriert. Was folgt ist altbekannt und genaugenommen arbeitet sich Chandor allein an den festgeschriebenen Eckpunkten des Survival-Films ab, die der gradlinigen Dramaturgie durchgehend unter die Arme greifen sollen und die Konzeption in ihre dramatischen Winkelspitzen treibt. Das mag nun zwar klischeehaft anmuten, zehrt aber von einer inszenatorischen Intensität, die jeden bremsenden und entbehrlichen Schnickschnack hinter sich lässt und es so ermöglicht, dass Geschehen aus den Augen des Skippers zu betrachten und den Fokus dabei niemals in despektierliche Sphären abzurücken. Robert Redfords Charakter nämlich ist ein Kämpfer ohne Vergangenheit, bei dem zusätzlich darauf verzichtet wird, ihm eine psychologische Komponente einzuflößen und seine Figur unnötig aufzuplustern.

Die lineare Narration erlaubt sich dabei keine Schnitzer und folgt in ihrer Konstellation dem Prinzip einer standesamtlichen Klimax, ohne in einen grobschlächtigen Gestus zu verfallen. Nachdem sich nicht nur die Elektronik, darunter natürlich auch das überlebenswichtige Navigationssystem wie auch das Funkgerät, also der Kontakt zur Außenwelt, verabschiedet haben, sondern auch das Schiff des Skippers langsam geflutet wird und sich durchaus diplomatisch wie talentierte Reparaturversuche als nichtig erweisen, muss er seine „Virgina Jeam“, nachdem die Lage aussichtslos erscheint, verlassen und sein Dasein auf einem aufblasbaren Gummiunterschlupf fristen, sich orientieren und den weiteren Verlauf stringent koordinieren. „All Is Lost“ setzt dabei auf seinen fühlbaren Realismus, verzichtet auf Dialoge und weiß den Zuschauer einheitlich in das existenzialistische Gefecht einzubinden. Sicher sollte man von „All Is Lost“ nun kein Jahrhundertwerk erwarten, seiner generischen Intention aber folgt Chandor kompromisslos bündig und weiß seine anspannende Geschichte immer packend auf den Punkt zu formulieren. Und Robert Redfords nuancierte One-Man-Show ist nun wirklich absolut sehenswert.