"All the Boys Love Mandy Lane" (USA 2006) Kritik – Amber Heard wird zum Objekt der Begierde

„Lass uns einfach Freunde sein.“

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Seitdem Wes Craven im Jahre 1996 mit dem Geniestreich „Scream“ das Slasher-Genre mit einem gewaltigen Knall wieder zum Leben erweckt hatte, kennt der filmische Output in diesem Bereich bis heute keinen Halt mehr und die Versuche, einen derartigen Hit wie einst Craven zu landen, scheitern mit nach wie vor zuverlässiger Regelmäßigkeit. Allgemein muss man mit aller Deutlichkeit sagen, dass der Horrorfilm an sich, einiges von seiner Qualität und Vielschichtigkeit über die seelenlose Jahre verloren hat. Heute zählen nur noch Blut und Gekröse, der Bodycount muss immer wieder getoppt werden und die aufgesetzten Grenzüberschreitungen verlaufen sich in ihrer schieren Maßlosigkeit jenseits von Gut und Böse. Ausnahmen, und dieses Wort muss man heutzutage betonen, bestätigen die Regel. Zuletzt haben Drew Goddard und Joss Whedon („The Avengers“) mit ihrer Meta-Glanzstück „The Cabin in the Woods“ wieder voll ins Schwarze getroffen und gezeigt, wie man ein eingeschlafenes Genre mit reichlich Drive zurück in alte Bahnen feuert. Bewegen wir uns ein paar Jahre zurück und stoppen im 2006, dann treffen wir auf Jonathan Levines („50/50 – Freunde fürs (Über)Leben“) Debütfilm „All the Boys Love Mandy Lane“ und dürfen mit Fug und Recht behaupten, dass Levine dem schnöden Genre hier schon eine mehr als überzeugende Frischzellenkur verpasst hat.

Mandy Lane ist das begehrteste Mädchen an einer amerikanischen Highschool, irgendwo im staubigen Texas. Ihre Mitschüler wünschen sich nichts mehr, als die Schönheit rumzubekommen, sprich mit ihr endlich im Bett zu landen. Doch die Lage ist äußerst verzwickt, denn Mandy lässt niemanden an sich ran und es scheint so, als hätte keiner der Schüler eine minimale Chance bei ihr zu landen. Einzig mit dem Außenseiter Emmet führt Mandy eine persönlichere Bindung, doch auch diese Freundschaft zerbricht, als Emmet einen von Mandys Verehrer dazu verleitet, vom Dach zu springen, nur um Mandy zu beeindrucken. Ganze neun Monate später erklärt sich Mandy bereit, mit einigen ihrer Mitschüler zu einer Ranch auf dem Land zu reisen, um den Schulabschluss gebührend einzuleiten. Dabei haben die Jugendlichen eigentlich nur ein Ziel vor Augen: Sex mit Mandy Lane und es wird sich schon darüber unterhalten, wer denn als Erster mit ihr in die Kiste hüpfen darf. Als das Reiseziel erreicht ist, fließt der Alkohol, die Joints qualmen und es werden auch einige Tabletten eingeworfen, doch die Truppe weiß noch nicht, dass außerhalb der scheinbar sicheren Unterkunft schon ein Killer wartet, der den Jugendlichen den Feierspaß so richtig verderben will…

Im Rampenlicht steht hier die 20 jährige Amber Heard („The Ward“), die sich inzwischen, gerade in der Männerwelt, einen überaus standhaften Namen machen konnte und mir ihrem Äußeren nach wie vor unheimlich entzückt. Und genau das war auch die Voraussetzung für die Rolle der Mandy Lane. Sie musste mit verführerischer Schönheit auftreten, durfte dabei aber nie einen schlampigen Eindruck machen. Ihre Reinheit durfte durch die offensichtlichen Reize nicht untergraben werden. Jonathan Levine weiß wie er Heard gekonnt in Szene in setzen muss und verleiht ihr eine wunderbare Präsenz, die nicht nur den Charakteren im Film den Kopf verdreht, sondern auch dem Zuschauer, der die Augen nie von ihr lassen kann und auf Schritt und Tritt folgt. Nahezu unmöglich ist es also für die anderen Darsteller, hier einmal wirklich aus dem goldenen Schatten Heards zu treten und eigene Akzente zu setzen. Michael Welch als Emmet bleibt durchaus in Erinnerung, während Gesichter wie Aaron Himelstein, Edwin Hodge, Whitney Able, Anson Mount oder Adam Powell, die ihren Job sicher nicht schlecht machen, schnell wieder verpufft sind.

Wenn man sich die optischen Spielereien von „All the Boys Love Mandy Lane“ ansieht, dann schleicht sich das alte Übel „Style over Substance“ schnell in die Köpfe des Zuschauers. Das wäre auch hier ohne Frage der Fall gewesen, wenn Regisseur Jonathan Levine die vielfältigen Stilmittel nicht so überzeugend in seine Inszenierung einfließen lassen hätte. Hier gibt es verwaschene Aufnahmen, grobkörnige Bilder, die schon fast eine Art rau-dreckige Western-Ästhetik einleiten könnten und durch die übersatten Farben eine derart dichte Atmosphäre erzeugen, die den Zuschauer schnell in ihren visuellen Rausch zieht. Kameramann Darren Genet leistet ganze Arbeit und weiß sich, gerade auch in Bezug der genannten Stilmittel, immer richtig zu positionieren und dem Geschehen einen ganz eigenen Anstrich zu verpassen, was sich letztlich auch durch den pochenden Schnitt und die prasselnde musikalische Untermalung von Mark Schulz auszeichnet. „All the Boys Love Mandy Lane“ kann in dieser Hinsicht sein altmodisches Gewand voller Stolz in den Genre-Himmel stemmen.

Das makellose Objekt der Begierde, der epochale Jahrhundertfick, die jungfräuliche Unantastbarkeit: Mandy Lane. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt, der Fokus aller Dingen, jeder ihrer Mitschüler träumt von einer gemeinsamen Nacht mir ihr, jeder möchte sie erobern, doch Mandy Lane ist unerreichbar. Genau das ist die Grundlage von „All the Boys Love Mandy Lane“ und die Einleitung zeigt uns, wie weit einer dieser Jugendlichen (unverhofft) gehen würde, um sie für sich zu gewinnen. Liest man sich die Handlung des Films weiter durch, dürfte man einen herkömmlichen Teenie-Slasher erwarten, bei dem die partywütige und sexgeile Truppe auf dem Land Stück für Stück von einem psychopathischen Killer dezimiert wird. Das stimmt auch auf den ersten Blick und das konventionelle Baugerüst des Genre-Standards wird genüsslich auf die Beine gestellt, um dann nach und nach in seine Einzelteile gelegt zu werden. Die Charaktere bewegen sich immer näher an der altbekannten Grenze der Klischees, nur um diese dann mit einem zynischen Haken zu umschiffen und immer wieder die eigentliche Richtung zu wechseln. In „All the Boys Love Mandy Lane“ werden wir zu Marionetten in einem abgekarteten Spiel: Es geht vor und zurück, hoch und runter, hin und her, bis der Punkt erreicht ist, an dem Levine sein aufgebautes Kartenhaus brachial zerstört und einen vollkommen neuen Ton anschlägt. Das hätte furchtbar in die Hose gehen können, passt aber durchweg genial ins Konzept und der Schlag in Richtung genretypischer Muster kennt in seiner rotzigen Geschwindigkeit keinen Halt.

Fazit: „All the Boys Love Mandy Lane“ ist eine mehr als gelungene Huldigung an das geliebte Slasher-Genre. Mit reichlich Zitaten, einer stylischen Aufmachung und einer Amber Heard, die alles an sich reißt, weiß Regisseur Jonathan Levine nicht nur die Genre-Fans zu begeistern, sondern auch Neulingen eine Welt zu eröffnen, die eigentlich für tot und begraben gehalten wurde. Zynisch, rotzig und immer auf den Punkt geht „All the Boys Love Mandy Lane“ einen unkonventionellen Weg und schlägt nicht nur einen ganz eigenen Ton an, sondern überzeugt auch mit jeder neuen Facette.