"American Sniper" (USA 2015) Kritik – We Don’t Need Another Hero

Autor: Pascal Reis

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„You’re my husband, you’re the father of my children. Even when you’re here, you’re not here. I see you, I feel you, but you’re not here.“

Man kann sagen, was man will: Clint Eastwood gehört zu den letzten großen Hollywood-Ikonen, die sich ihren Ruf über all die Dekaden ihrer Zugehörigkeit in der so beflügelnden wie ruinierenden Branche noch nicht mit voller Breitseite demontiert haben. War der Kalifornier durch seine prägnanten Auftritte in diversen Western schnell zum Symbol verwegener Virilität herangewachsen, ist es sein Spätwerk, das Cineasten auf der ganzen Welt erst so richtig in Überschwang und Euphorie versetzte. Selbstredend hat Eastwood früher schon mit Filmen wie „Die Brücken am Fluss“ und „Perfect World“ viel Sensibilität bewiesen, mit „Million Dollar Baby“, „Mystic River“, „Gran Torino“ und „J.Edgar“ aber hat sich Eastwood endgültig eine Untersterblichkeit gesichert, die das Banner der Seriosität aus der obligatorischen Männerdomäne heraushob. Es sah so aus, als wäre Clint Eastwood tatsächlich vorangeschritten, als hätte er sich eine gewisse Altersreife angeeignet und im Privaten vielleicht auch seine politische Gesinnung so wie die angehörige rechtskonservative Agenda hinterfragt.

Denn wie wir alle wissen, zählt sich Clint Eastwood zur politischen Strömung der Republikanern und sieht die Amerikaner selbstverständlich als Herrenrasse, die ihr Land mit allem verteidigen würden, was dazu nun mal vonnöten scheint. Als der inzwischen 84-Jährige im Jahre 2012 im Zuge des US-Wahlkampfes auf dem Parteitag der Republikaner einem leeren Stuhl, auf dem ein imaginärer Barack Obama Platz genommen haben soll, die Leviten gelesen hat, änderte sich die internationale Sicht auf Clint Eastwood schlagartig: Die Delegierten vor Ort spendierten stehende Ovationen, zitierten „Dirty Harry“ lauthals, während dieser Auftritt bei vielen anderen reichlich Sympathie einbüßte und Clint Eastwood zu einem wohl etwas derangierten Großvater erklärte. Der Rettungsanker war nach diesem doch sehr befremdlichen Erlebnis die Berufung auf seine ersichtliche Klasse als Regisseur, schließlich hat er auch mit „J.Edgar“ vor allem eine sensitive Liebesgeschichte zweier Homosexueller dokumentiert, ohne seinen politischen Background in die Drehbuchvorlage von Dustin Lance Black einfließen zu lassen.

Nun widmet sich Clint Eastwood der kontroversen Autobiographie von Chris Kyle, dem Scharfschützen der Navy SEALS, der zwischen 160 und 255 tödliche Treffer in seinen vier Kriegseinsätzen im Irak abgegeben haben soll. Nachdem Steven Spielberg vom Projekt abgesprungen war, hatten seine Vorstellungen doch die Budgetgrenze von Warner Bros. gesprengt, übernahm Eastwood die Ägide, was grundsätzlich interessanter erscheint, hat Eastwood doch gerade mit „Letters from Iwo Jima“ bewiesen, wie feinfühlig er sich den Opfern wie Gepflogenheiten des Krieges annehmen kann. Doch mit „American Sniper“ ist nun etwas eingetreten, von dem wir uns eigentlich verabschiedet haben, wenn wir heutzutage auf Clint Eastwood zu sprechen kommen: Undifferenziertes Glorifizieren von amerikanischen Heroen. Als hätte es nicht gereicht, letztes Jahr mit Peter Bergs Debakel „Lone Survivor“ ganz mürbe von all dem unreflektierten Heroismus im Kopf zu werden, setzen Eastwood und Jason Dean Hall erneut genau an dieser Stelle an und zelebrieren den treffsicheren Cowboy aus Odessa.

Immer wieder hämmert sich eine Frage in den Kopf des Zuschauers: Ist „American Sniper“ letztlich womöglich doch nur die verstrahlte Nabelschau eines senilen Republikaners, der sich nach allerlei zwischenmenschlichen Diskursen inzwischen reichlich müde zeigt, sein jeweiliges Themenspektrum angemessen zu reflektieren. Wer ein nuanciertes Psychogramm erwartet und den von Bradley Cooper durchaus solide verkörperten Chris Kyle als den psychopathischen Massenmörder erleben möchte, zu dem er sich selber in seinen Schriften stilisiert hat, der täuscht sich gewaltig. Chris Kyle wird in seinen Taten fortwährend bestätigt, jeder Kopfschuss folgt dem Pfad der Tugend und Tapferkeit, ohne dabei auch nur einmal so weit zu voraus blicken, dass Kyle nicht nur Leben gerettet, sondern auch Leben genommen hat: Männer, Frauen, Kinder. „American Sniper“ aber hält nichts vom Verweis auf eine moralische Instanz im Gebaren der „Legende“, die Andeutungen vom posttraumatischen Stress wirken schrecklich alibimäßig, genau wie das langsam aus den Fugen geratene Familienleben unsagbar oberflächlich nach Strichliste abgearbeitet wird.

„American Sniper“ ist ein Film geworden, der die menschliche Größe Clint Eastwoods vermissen lässt und stattdessen den notwendigen Kampf der stolzen Amerikaner gegen die bestialischen „Wilden“ (darunter auch ein Iraker, den sie nur „The Butcher“ nennen, der Kindern mit einer Bohrmaschine in den Schädel bohrt und Frauen die Gliedmaßen abschlägt) anstrebt, um Chris Kyle ein Denkmal zu errichten. Inszenatorisch ist das, bis auf einige stilistische Ausrutscher, alles vollkommen in Ordnung, die staubigen Gefechte sind zum Teil wirklich großartig gefilmt wie geschnitten, aber all das rettet „American Sniper“ keinesfalls vor seinem über alle Maße verwerflichen Weltbild. Dass „American Sniper“ in den Vereinigten Staaten schon jetzt zum Box-Office-Phänomen gekürt wurde und ein Einspielergebnis erzielt, welches sonst nur Superheldenadaptionen vorbehalten ist, spricht wohl für sich.