"Angel Heart" (US/CA/GB 1987) Kritik – Eine diabolische Suche nach der Wahrheit

„Das Fleisch ist schwach, Johnny, nur die Seele ist unsterblich.“

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Wenn man an einen Superstar denkt, der seine extreme Karrierebruchlandung selbst verursacht hat, dann hämmert sich sofort Mickey Rourke ins Gedächtnis. In den 80er Jahren ein Vorbild, von der Frauen umschwärmt, von den Männern als kerniger Draufgänger akzeptiert und von den Kritikern für seine Präsenz und Authentizität hochgelobt. Doch Rourke hatte noch eine andere Leidenschaft neben dem schauspielern: Das Boxen. Und mit dem Kampfsport begann dann auch sein Fall. Er ließ sich sein Gesicht immer wieder aufs Neue demolieren, wollte sich dieses dann durch unzählige Schönheitsoperationen wieder richten lassen und erkannte sich kurze Zeit darauf selber nicht mehr im Spiegel wieder. Ein straffer Rourke, dessen Gesicht jegliche Natürlichkeit verloren hat, stand nun der Filmwelt entgegen. Der attraktive Mann von damals, war nur noch ein Schatten seiner selbst. Aber nicht nur das waren seine Probleme, denn auch der Alkohol, die Drogen und die eigene Großschnauzigkeit wurden ihm zum Verhängnis. Heute wissen wir zum Glück, dass Rourke in „The Wrestler“ mit einem Donnerwetter zurück in die Filmwelt polterte, in dem er auch irgendwie sich selbst verkörpert. Wenn wir uns jedoch zurück in die goldenen 80er Jahre begeben und uns dem Film annehmen wollen, in dem Rourke sein damaliges Können kongenial darstellte, dann treffen wir auf Alan Parkers „Angel Heart“ aus dem Jahre 1987.

Privatdetektiv Harry Angel ist alles andere als ein glühender Stern in seiner Branche. Angel ist eher ein abgebrannter und armer Schnüffler, der sich am liebsten um Ehekrisen kümmert. Als der mehr als mysteriöse Louis Cyphre jedoch eines Tages einen Auftrag für Angel hat, ändert sich sein Leben immer weiter: Cyphre verlangt von ihm, den Schnulzensänger Johnny Favorite ausfindig zu machen. Eigentlich ist das nicht Angels Metier, doch er nimmt den Auftrag an und dringt bei seinen Ermittlungen in seinen teuflischen Kreis, in dem immer die Menschen sterben, mit denen Angel zuvor noch in Kontakt getreten war. Angel will den Job fallenlassen, doch Cyphre erhöht seine Bezahlung unwiderstehlich und Angel wird ein Gefangener der ausweglosen Suche…

Wenn er uns an Parkers „Mississippi Burning“ aus dem Jahre 1988 erinnern, dann bleibt uns ganz besonders diese unglaublich schwüle Atmosphäre im Gedächtnis, die sich in ihrer ganzen Vitalität eindrucksvoll auf den Zuschauer legen konnte. In Sachen Dichte toppt „Angel Heart“ „Mississippi Burning“ allerdings nochmal um eine gute Länge. Alles scheint schmutzig, dreckig und abgründig. Jeder Moment ist mit bleierner Wucht geladen und das geniale Spiel aus Licht und Dunkelheit erzeugt eine einzigartige und unausweichliche Stimmung. Dass diese Atmosphäre so exzellent übertragen wird, liegt auch an Michael Seresins Kameraarbeit, der „Angel Heart“ unbeschreiblich präzise fotografiert hat und jede Einstellung zu einer bebenden Besonderheit macht. Und dann wäre da noch Trevor Jones‘ eindringlicher und intensiver Score, der sich aus enigmatischen und energiegeladenen Klängen zusammensetzt und jede Aufnahme, jede Emotion und jede Facette des Filmes fantastisch umkreist.

Auch die toll ausgewählten Schauspieler laufen zu Hochform auf. An erster Stelle der erwähnte Mickey Rourke als Harry Angel. Rourke spielt mal wieder in einer gewissen Form sich selbst, jedoch ist das nicht negativ oder böse gemeint, sondern genau richtig für den Charakter des Harry Angel. Der mittelmäßige Detektiv hat eine gewisse schludrige Arroganz, die er mit dem Charisma und dem verborgenen Emotionalität verknüpft. Rourke spielt diese mehr als interessante Figur in seiner facettenreichen wie ausdrucksstarken Performance hervorragend aus. Dann Robert De Niro als diabolischer und schmieriger Louis Cyphre, ebenfalls fantastisch. De Niro bekommt zwar vielleicht nur 10 Minuten Screentime, doch die nutzt er so, wie es nur Legenden schaffen. In dieser kurzen Zeit besitzt De Niro eine angsteinflößende Faszination und Aura, die ihresgleichen sucht. Dann wäre da noch Lisa Bonet, die den meisten wohl als Denise Huxtable in der Serie „Die Bill Cosby Show“ bekannt sein dürfte. Als Epiphany Proudfoot gibt sie ihrem Serien-Image jedoch einen kräftigen Arschtritt, der ihr fast die Karriere versaut hätte und das nur wegen ihrer freizügigen und aufopferungsvollen Darstellung, die wirklich stark ist.

„Dafür wirst du brennen, Angel.“ – „Ich weiß, in der Hölle…“

Verschiedene Genre-Elemente zu verknüpfen, kann ja immer einen ganz eigenen Reiz haben, bei dem die Rechnung glücklich aufgeht, oder es gewaltig nach hinten losgeht, weil sich die verschiedenen Komponenten einfach nicht verbinden wollen. Um dieses Problem braucht sich Alan Parkers Film jedoch zu keinem Zeitpunkt sorgen und der Noir-Krimi weiß die den brodelnden Okkult-Horror immer wieder erschreckend genau einfließen zu lassen. Wir steigen zusammen mit dem Hauptcharakter Harry Angel in den feurigen Aufzug, der uns direkt in die abgründigsten Kammern der eigenen Seele fährt. In einer Welt, in der es keine rettenden Fluchtmöglichkeiten mehr gibt und die Hölle sich in allem und jedem verankert hat, wird „Angel Heart“ zum paralysierenden Grauen. Zwischen Unzucht, Triebhaftigkeit, Seelenhandel, Passion, Obsession und bitterer Selbstfindung, treffen wir auf eine der detailliertesten und teuflischsten Inszenierungen überhaupt. Parker will den Zuschauer zu keiner Zeit mit dumpfen Schockeffekten verschrecken, sondern setzt ihn dauerhaft in ein unbehagliches Gefühl, bei dem Angst, Neugierde und Anspannung verschmelzen und nicht nur einmal einen eiskalten Schauer über den Rücken jagen. Gänsehaut ist mehr als nur garantiert. „Der Teufel steckt im Detail.“ Treffender war das Sprichwort selten, denn wie Parker hier in so gut wie jeder Szene die unzähligen Andeutungen, Symbole, Geheimnisse und Hinweise verstreut, ist nicht nur beeindruckend, sondern auch hochinteressant. „Angel Heart“ ist hypnotisierendes, hochspannendes und infernalisches Psychokino, mit einem unvergesslichen Finale.

Fazit: Alan Parker hat sich mit „Angel Heart“ bereits selbst ein Denkmal gesetzt und nicht nur einen der besten Filme der 80er Jahre inszeniert, sondern auch einen der besten Okkult-Krimis überhaupt. Die Atmosphäre ist eine Klasse für sich, die Schauspieler zeigen sich in Bestform, die Optik eine Wucht, der Score grandios und Parker selbst beweist, wie man einen Film aufbaut und die Bombe erst im letzten Moment richtig platzen lässt. Hochspannend, unglaublich diabolisch, durchzogen von okkulten Symbolen und erschreckend Intensiv.

Bewertung: 9/10 Sternen