"Angst essen Seele auf" (DE 1974) Kritik – Fassbinder und der ewige Rassismus

„Nix weinen. Nix Angst. Angst essen Seele auf.“

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Rainer Werner Fassbinder wurde in seiner Blütezeit als Herz und Seele des deutschen Film bezeichnet. Gibt es Fassbinder nicht mehr, dann hört auch der deutsche Film auf zu atmen. Dem war zwar zum Glück nicht ganz so und Regisseure wie Werner Herzog oder Wim Wenders haben noch für das ein oder andere Meisterstück gesorgt, doch mit Fassbinder, der mit nur 37 Jahren an Herzversagen verstarb, ging im Jahre 1982 einer der ganz großen Filmemacher aus Deutschland. Der Bayer hatte es in seiner Karriere aber natürlich auch nicht immer einfach, sei es wegen seiner offenen Bisexualität, oder auch wegen der Art, wie er seine Filme der Welt vorgetragen hat. Fassbinder war seiner Zeit ein Mann, der nicht nur mit dem Zeigefinger auf Probleme gezeigt hat, sondern er ist an die gesellschaftlichen Missstände herangetreten und hat den Zeigefinger genüsslich in die sozialen Wunden gebohrt. Das war nicht nur den Kritikern oftmals unangenehm, sondern auch dem Kinopublikum, die sich immer wieder auf frischer Tat ertappt fühlten, allerdings wollte Fassbinder nicht bloßstellen, sondern zeigen und verändern, genau wie er es 1974 mit seinem Rassismus-Drama „Angst essen Seele auf“ stark versuch hat.

Emmi ist eine Witwe in den 60ern und verdient sich ihren Unterhalt damit, in dem sie als Putzfrau mit drei anderen Frauen in einer durchschnittlichen Fabrik arbeitet. Ihr Leben ist geprägt durch die Einsamkeit, bis sie eines Tage den viel jüngeren Einwanderer Ali in einer Kneipe kennenlernt, die sie nur aufgesucht hat, um sich vor dem prasselnden Regen zu schützen, und sich ihr Leben in zwei Richtungen klare Richtungen verändert. Ali und Emmi wachsen zusammen, doch das ihr Umfeld, selbst die Familie, sieht in der Beziehung nur abstoßenden Ekel und das ungleiche Paar trifft auf Ablehnung von allen Seiten. Als die Missachtung von außen etwas nachlässt, verläuft Ali sich in seinen eigenen Problemen und sucht seine ehemalige Geliebte Barbara auf…

Rainer Werner Fassbinder hat sich bei „Angst essen Seelen auf“ ganz klar und offen an den Vorlagen von Douglas Sirk orientiert und dennoch einen ungemein persönlichen Film inszeniert. Man muss den Film nur einmal unter dem Aspekt sehen, dass Fassbinder zur Zeit der Produktion selber mit dem Hauptdarsteller El Hedi Ben Salem liiert war und dieser hier als Ali auch gewissermaßen seine eigene Lebensgeschichte darstellt und die Dinge, die er während des Films erzählt, zum Beispiel das seine ganze Familie in den verschiedensten Ländern verstreut ist, sind wahr. Dementsprechend authentisch ist auch seine Darstellung des Kfz-Mechanikers Ali, der sich an den furchtbaren Umgang in Deutschland schon gewöhnt hat, aber keine Gedanken an sie verschwenden will, denn „viele Gedanken, viel weinen“. Die Rolle der älteren Putzfrau Emmi verkörpert Brigitte Mira, die ebenfalls eine persönliche Bindung zu diesem Thema hatte, denn Mira selbst pflegte zu dieser Zeit eine Beziehung zu einem 16 Jahre jüngeren Ausländer. Auch Mira versteht es, sich genau in die Rolle zu versetzen, nicht, weil sie eben eine tolle Schauspielern war, sondern auch, weil sie diese Situationen am eigenen Leib erfahren musste. Ihr Schauspiel beschränkt voll auf die ruhige Mimik und Gestik, die von den eingefrorenen Aufnahmen von Kameramann Jürgen Jürges unterstrichen werden.

„Wir müssen gut sein zueinander, sonst ist das ganze Leben nichts wert.“

Es ist schon äußerst tragisch zu sehen, dass Rainer Werner Fassbinders, der selber auch eine kleine Nebenrolle im Film spielt, „Angst essen Seelen auf“ nach fast 30 Jahren nichts von der Aktualität verloren hat. Rassismus ist nach wie vor ein schwieriges Thema unserer Zeit und Rassismus wird auch in der Zukunft ein brisantes Thema bleiben. „Angst essen Seelen auf“ ist natürlich ein Appell an die Toleranz und ein klarer Aufruf gegen diese unsterblichen Diskriminierungen. Fassbinders Inszenierung erweist sich durchgehend als nüchtern und gerne lässt er seinen Film an einem gewissen Punkt fast dem Stillstand nahekommen, doch der Spagat zwischen Distanz und Intimität macht genau die Intensivität und Konzentration Fassbinders aus, der seine Romanze in ein mehr als negatives Umfeld verlegt. Emmi und Ali werden mit herablassenden Blicken gestraft und das nur, weil Ali ein marokkanischer Gastarbeiter ist. Ali wird mit einem dreckigen Tier gleichgestellt: Nutzlos, ungepflegt und einfach nur abstoßend. Dabei ist „Angst essen Seele auf“ in erster Linie ein Film über zwei verlassene Seelen, die sich in ihrer endlosen Einsamkeit zusammenraufen und den Vorurteilen und der blinden Ignoranz den Kampf ansagen wollen. Das „Fremde“ und „Unbekannte“ will jedoch nicht akzeptiert werden und wenn Ali doch ein Lächeln geschenkt wird, dann nur aus eigendienlichen Gründen. Fassbinder entblättert die kleinbürgerliche Rassendiskriminierung, alles erscheint grau und kalt, doch die zweisame Schönheit, gefangen in der äußeren Hässlichkeit, wird zunehmend erdrückt von den eigenen Ängsten und Veränderungen erweisen sich nicht immer als Verbesserungen, sondern offenbaren neue, persönliche Probleme. „Angst essen Seele“ auf ist ein einfühlsames, zeitloses und deshalb erschreckendes Drama der wichtigsten Sorte.

Fazit: Natürlich arbeitet Fassbinder mit Klischees, allein seinem Hauptdarsteller den Namen Ali zugeben schöpft schon aus den Vollen, doch Fassbinder sagt selber: „Die einfachsten Geschichten sind meist die ehrlichsten.“ Unrecht hat der Regisseur damit sicher nicht und gerade bei „Angst essen Seelen auf“ kommt es auf die Aussage an, die der Film mitbringt und die jeden Zuschauer erreichen sollte. „Angst essen Seelen auf“ ist ein besonderes Melodrama, nach wie vor zeitlos und wachrüttelnd, und versteht es den Sprung zwischen nüchterner Bestandaufnahme und einfühlsamer Emotionalität ohne Mühe durchzuführen. Mit zwei tollen Hauptdarstellern und Fassbinders aufmerksamer wie ehrlicher Inszenierung wird „Angst essen Seelen auf“ zu einem deutschen Filmvertreter, den man gesehen haben sollte, denn das Thema des Rassismus muss immer wieder angesprochen werden, sonst verändert sich rein gar nichts.

Bewertung: 8/10 Sternen