"Annabelle" (USA 2014) Kritik – Puppenterror aus der Retorte

Autor: Pascal Reis

null

„May God have mercy on your soul!“

Dass James Wan das kontemporäre Horrorkino für sich in Anspruch genommen hat, würde man zu gerne als Schnellschussgerücht herunterbrechen, doch es ist genau die Person des in Malaysia geborenen und in Australien aufgewachsenen Filmemachers, die in den letzten Jahren die kommerziellen Erfolge in diesem doch reichlich abgebrannten Genre einfahren durfte. Nachdem sein spottbillig produzierter Indie-Streifen „Saw“ 2004 auf reichlich Gegenliebe gestoßen ist und ein unsägliches Franchise auf den Plan rief, folgte im Jahre 2010 „Insidious“. Angelehnt an den altmodischen Grusel, wie man ihn in den ehrenvollen 1970er Jahren noch in qualitativer Verlässlichkeit um die Ohren geschlagen bekommen hat, bewies Wan mit „Insidious“ vor allem, dass in ihm vielleicht ein guter Handwerker steckt, der weiß, wie er die Kamera positionieren und scharfstellen muss, aber nicht, wie man einen Film mit einer adäquater, einer in sich stimmigen Atmosphäre auszukleiden hat. „Insidious“ war daher auch eher quälend laut, denn einnehmend schaurig.

Gleiches gilt auch für seinen grässlichen Nachfolger „Insidious: Chapter 2“ und den marginal besseren Blockbuster „Conjuring – Die Heimsuchung“, der mit einem unheimlich befremdlich wirkenden Hype versehen wurde. Und weil „Conjuring – Die Heimsuchung“ die Kassen klingeln lassen konnte, entschloss man sich selbstredend dazu, der belanglosen Vitrinenpuppe Annabelle aus „Conjuring – Die Heimsuchung“ eine Vorgeschichte zu spendieren. Ulkigerweise ist Annabelle ihrem – sollte man jedenfalls bei dem Titel NICHT vermuten – eigenen Film ähnlich egal, wie sie es schon „Conjuring – Die Heimsuchung“ war, wo sie in den ersten Minuten für den paranormalen Spuk sorgen durfte, anschließend aber brav im Schränkchen verharrte. „Annabelle“ schafft es zwar, ihrem vermeintlichen Antagonisten dahingehend zu etablieren, dass es einen „Sinn“ ergibt, warum sie in Verbindung mit so mancher übersinnlichen Tat gebracht werden könnte, er vergisst es aber vollständig, eine gewisse Bedrohung von ihr ausgehen zu lassen, weil sie den Film über schlichtweg nicht präsent ist – Und das soll schon etwas heißen.

Immerzu hockt sie in der Ecke, grinst debil durch die Gegend und wird dann eingeblendet, wenn sich „Annabelle“ mal wieder in den stupidesten Schocksequenzen ergießt, die ihre Wirkung natürlich wieder aus überlaut eingestreuten Toneffekten entziehen sollen. Wer Horror also als tosenden Krawall und planloses Geplärre definiert, der ist hier mal an der richtigen Baustelle angekommen, stilistisch hält sich John R. Leonetti, der zuvor die Kameraarbeit in „Insidious“, „Insidious: Chapter 2“ und „The Conjuring – Die Heimsuchung“ übernahm, ganz nah an Vorbild James Wan und besitzt ebenso keinerlei Verständnis für ein inspiriertes Gruselflair. Aber wo „The Conjuring – Die Heimsuchung“ immerhin noch mit seinem ansehnlichen Retro-Chic auffiel und in (weeeeenigen) Einzelmomenten zu punkten wusste, hat „Annabelle“ bereits der klinische Tod ereilt und die Spannungskurve lässt sich in einem ähnlichen Ausmaß von eingeschlafenen Füßen entdecken. Wenn sich „Annabelle“ dann auch noch an visuellen Referenzen zu „Rosemaries Baby“ versucht, denunziert sich dieses formelhafte Vehikel endgültig selbst.

Der Grund dafür, dass sich eine talentierte Schauspielerin wie Annabelle Wallis („Peaky Blinders“) für ein solch katastrophales Drehbuch verballhornen lässt, liegt auf der Hand, und doch ist es schade, weil Wallis durchaus in der Lage ist, sich in vergangenen Perioden vollends zu akklimatisieren. Hier agiert sie leblos und passt sich den Gebaren des gesamten Filmes an: Ungreifbar, steif, distanziert und lustlos. Die Einspielergebnisse aber werden am Ende des Tages schon stimmen und weitere Spin-offs zu „Conjuring – Die Heimsuchung“, von dem uns im nächsten Jahr auch eine Fortsetzung beehren wird, stehen mit Sicherheit schon bereit, um endlich in die Tat umgesetzt zu werden. Prost Mahlzeit.