"Antikörper" (DE 2005) Kritik – Wotan Wilke Möhring erkennt seine eigenen Abgründe

„Das Böse ist ein Virus. Absolut ansteckend, absolut vernichtend. Du bist schon infiziert.“

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Wenn wir die USA und Deutschland rein aus dem filmischen Blickwinkel vergleichen wollen, dann sollte schnell deutlich werden, dass Deutschland in so gut wie jedem Punkt unterlegen ist. Sei es der finanzielle Standpunkt, oder auch der qualitative. Vermeidlich oder erschreckend ist es in diesem Fall also kein Stück, das sich deutsche Regisseure am Stoff der Vereinigten Staaten versuchen, ihn irgendwie abkupfern und Hollywood in das heimische Land holen wollen, um endlich den eigenen Horizont zu erweitern, denn schließlich sollte jedem bewusst sein, dass wir mit ZDF-Krimis und zotigen Komödien weltweit keine Treffer landen können. Die Moderne verlangt nach einem frischen, aber immer noch seriösen Wind, der nicht nur das deutsche Publikum beflügelt, sondern auch die produzierenden Großmächte außerhalb der eigenen Ländergrenzen anspricht. Der hessische Filmemacher Christian Alvart versuchte 2005 mit dem Psycho-Thriller „Antikörper“ sein Glück, scheiterte dabei jedoch am eigenen Übermut.

Gabriel Engel. So heißt einer der Serienkiller, den die Polizei schon lange ganz oben auf der Fahndungsliste hat. Seine mörderische Vorliebe fällt dabei immer auf Pubertierende, die der Psychopath in bestialischer Art und Weise ermordet. Als ein Berliner Hochhaus gestürmt wird, mit der Vermutung, Engel würde sich hier verstecken, trifft die Polizei sogar den Nagel auf den Kopf und Kommissar Seiler schafft es, den Mörder festzunehmen. Die Freude ist groß, gerade bei Seiler, der sich von allen Seiten bejubeln lässt, doch mit der Festnahme Engels geht das Chaos erst richtig los, denn an dieser Stelle kommt der Dorfpolizist Michael Martens ins Spiel, weil es in seinem Heimatdorf ebenfalls einen brutalen Mord an einem Mädchen gab. Verbunden wird dieser Vorfall natürlich schnell mit Engel, doch Martens muss der Sache auf den Grund gehen. Aus dem Kuhkaff geht es dann direkt in die Hauptstadt und Martens lernt den vermeidlichen Täter kennen und dieser zieht ihn direkt in sein psychisches Katz-und-Maus-Spiel, in dem der strenggläubige Martens seine eigene Abgründe erfährt…

Wer also auf Hollywood machen will, der braucht eine würdige Truppe an fähigen Schauspielern, die mal zeigen, dass sie auch international einiges reißen könnten. Allerdings hinterlässt „Antikörper“ hier einen äußerst geteilten Eindruck, der seinen unklaren Schleier über jeden der Akteure legt, anfangen mit Wotan Wilke Möhring, der den Dorfpolizisten Michael Martens verkörpert. Möhring hat ohne Wenn und Aber das Zeug, einer der besten Darsteller aus Deutschland zu sein und beweist das auch immer wieder wunderbar. Als Martens findet Möhring jedoch keinen klaren Halt, was auch am unausgegorenen Drehbuch liegt, und pendelt immer wieder unschlüssig von Situation zu Situation, die nicht seinen Fall in den eigenen Abgrund symbolisieren, sondern immer wieder einen leichten Hang zur Unglaubwürdigkeit besitzen. Schlecht ist der gebürtige Detmolder allerdings sicher nicht. Dieser Kritikpunkt lässt sich auch ohne Probleme auf André Hennicke als Gabriel Engel, Heinz Hoenig als Kommissar Seiler und Hauke Diekamp als Sohnemann Christian projizieren, die sich durchaus anstrengen, ihre Rolle gut auszuspielen, aber den unübersehbaren Drehbuchschwächen zuweilen ausgeliefert sind.

In „Antikörper“ treffen die Welten in ihrer ganzen plakativen Kraft aufeinander. Wir haben den prüden und strenggläubigen Dorfpolizisten Michael Martens, der in seinem vertrauten Kaff mit einigen privaten Problemen zu kämpfen hat, die die ganze Familiensituation ins Stottern geraten lassen und den Wunsch von der allseits bekannten „Heile Welt“ immer wieder zerbricht. Ihm gegenüber steht der Psychopath Gabriel Engel, der allem Anschein nach ein grausamer Mörder ist und sich immer wieder an Minderjährigen vergreift. Die wortgewandte Perversion trifft auf den steifen Katholizismus, und wer hier wem überlegen ist, erweist sich schon nach dem ersten Aufeinandertreffen der beiden Charaktere. Aber auch das Heimatdorf von Martens und das pochende Berlin glänzen in verschiedenen Lichtern. Während Martens in seinem Kaff für Recht und Ordnung sorgt, niemals ficken würde, sondern ausschließlich Liebe macht, und seinem ungehorsamen Sohn mit der Schreibstrafe abfertigt, weht in der Großstadt schon ein anderer Wind. Die Polizisten besuchen gerne den Puff, auch auf Betriebskosten, und die Frauen hier sind schon mit anderen Wassern gewaschen. Sieht man sich diese Gegenüberstellungen an, so wird auch schnell klar, was Regisseur und Drehbuchautor Christian Alvart hier bezwecken will: Er will mit aller Offensichtlichkeit Gut und Böse verdeutlichen.

Die menschliche Natur ist von Grund auf schlecht, jeder trägt seine bösen Geheimnisse mit sich herum und es ist immer nur eine Frage der Zeit, bis sich diese unscheinbaren Abgründe offenbaren. Diese altbekannte Tatsache ist allerdings schon ewig keine brisante Besonderheit mehr, deswegen kommt es, wenn man denn einen Film über diese Thematik macht, rein auf die Inszenierung und Darstellung an, und in diesem Fall zerbricht „Antikörper“ vollkommen an sich selbst. Christian Alvart setzt sich hohe Ziele und will einen Psycho-Thriller entwerfen, wie man ihn nie aus Deutschland hätte erwarten können, vergreift sich dabei jedoch fast durchgehend im Ton und lässt seine amerikanischen Vorbilder gnadenlos durchsickern. Wird am Anfang sogar noch eine ironische Spitze gegen Hannibal Lecter geschossen, verliert sich „Antikörper“ wenig später auch schon in einer ähnlichen Geschichte: Ein überlegener Psychopath möchte seinen zurückhaltenden Gegenspieler an die eigenen Grenzen führen. Wir tauchen danach in ein ungeordnetes Mischmasch aus religiöser Hau-Drauf-Symbolik und grober Langatmigkeit. Martens wird in einen sexuellen Strudel gezogen, in dem Frauen gerne auch mal härtere Bettaktivitäten bevorzugen und sogar zum Analverkehr nicht nein sagen. Wow. Wen diese Tatsache nun wirklich aus den Schuhen hauen sollte, der ist entweder irgendwo in der staubigen Vergangenheit stehengeblieben, oder will seine rosarote Realitätsseifenblase nicht verlassen, die das goldene Kruzifix als schützendes Aushängeschild trägt.

Dazu möchte „Antikörper“ uns noch mit einer aufgesetzt-vulgären Sprache beweisen, zu welch schmutziger Wortwahl ein mordender Psychopath doch in der Lage sein kann, mit Vorliebe wird dabei auf den Satz „An was denken Sie, wenn sie ihre Frau ficken?“ geschätzte 50 Mal zurückgegriffen. Natürlich denkt unser braver Dorfbubi dabei an das Ehegelübde, nur um kurze Zeit danach in einen wahren Stoßrausch zufallen. Wenn dann auch noch der Verdacht auf ein Mitglied von Martens Familie gelenkt wird, machen sich die Probleme des schwachen Drehbuches erst so richtig deutlich, denn die beiden Handlungsstränge wollen sich dabei einfach nicht verknüpfen. Die Familien-Problematik bleibt immer distanziert und erzeugt einfach keinerlei emotionale Wucht, genau wie die Tätersuche, die immer reizlos dargestellt wird und in ihrer gewollten Besonderheit einfach nur große Vorbilder plagiiert, ohne sie auch nur im Ansatz zu erreichen und mündet dann schlussendlich in einem derart abstrusen Finale, welches dem Zuschauer wirklich die Sprache verschlägt.

Fazit: „Antikörper“ ist der anstrengte Versuch, einen deutschen Psycho-Thriller zu inszenieren, der auch international etwas reißen könnte. Doch diesen Ansprüchen ist Christian Alverts Film zu keiner Zeit gewachsen: Die Geschichte ist konfus zusammengewürfelt, die Schauspieler geben sich zwar Mühe, unterliegen aber immer wieder dem schwachen Drehbuch und die Schnitttechnik selbst ist ebenfalls ein missglücktes Unterfangen, dem Film ein ganz eigenes Tempo zu verleihen. Sicher ist „Antikörper“ kein Totalausfall, aber wirklich anspruchsvolles oder spannendes Genre-Kino made in Germany sieht ganz anders aus.