“Argo” (USA 2012) Kritik – Ben Afflecks Geschichtsstunde der etwas anderen Art

„Argo fuck yourself.“

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Nach seinem Meisterwerk „Gone Baby Gone“ und dem überdurchschnittlichen Cop-Thriller „The Town“ waren die Erwartungen an Ben Afflecks neuen Film hoch. Wie würde er ein eher kleines Kapitel amerikanischer Außenpolitik erzählen und dabei die Spannung zwei Stunden lang halten können? Affleck zeigt uns mit „Argo“ wie einfach das doch ist und serviert uns einen der besten Polit-Thriller der letzten Jahre, der primär als Lob- und Abgesang auf die Traumfabrik und auf zwischenstaatliche Beziehungen zu verstehen ist. Bei Afflecks offensichtlicher Leichtigkeit im Geschichten erzählen, der durchgehend anhaltenden Spannung und dem detailgetreuen Nachempfinden der späten 70er und frühen 80er sieht man dann auch sehr gerne über den ein oder anderen überdramatisierten Moment hinweg.

Am 4. November 1979 wurde die U.S. Botschaft in Teheran von iranischen Militanten gestürmt. Bis auf sechs Amerikaner, die sich durch einen Hinterausgang davon machen konnten, werden alle Angestellten der Botschaft gefangen genommen. Die sechs Flüchtlinge können in die kanadische Botschaft fliehen. Die amerikanische Regierung muss nun schnell handeln, wenn sie die sechs unbeschadet aus dem Iran retten will, denn auch die kanadische Botschaft stellt im politischen Umbruch Irans auf Zeit kein sicheres Pflaster dar. Ausgerechnet die „beste schlechte Idee“ soll nun zur Lösung der sogenannten „Geiselnahme von Teheran“ beitragen. Diese Idee beinhaltet, dass die sechs Flüchtlinge als kanadisches Filmteam eines Fake-Science-Fiction-Projekts getarnt sicher über die iranische Grenze geschafft werden sollen.

Von der Organisation des Fake-Films bis zum atemberaubenden Finale ist „Argo“ ein Paradebeispiel für pausenlose Spannung. Dabei setzt Affleck allerdings weniger auf großes Tamtam, sondern geht es eher klassisch an. Er setzt den Fokus auf die kleinen Dinge im Leben und lässt uns vor einem Telefonklingeln erschaudern, Hoffnungslosigkeit im Angesicht der Ausweglosigkeit in einem fremden Land spüren und lässt selbst eine gewöhnliche Passkontrolle zu einer nervenaufreibenden Tortur werden. Wie gekonnt dabei auch die Hürden einer solchen Mission, wie beispielweise das Erhalten einer Drehgenehmigung im Iran, das Arbeiten unter Zeitdruck oder die überzeugende Rollenfindung der Flüchtlinge als Filmemacher thematisiert werden und wie originalgetreu zeitgenössische Photographien nachgefilmt wurden, verdient eine extra Erwähnung. Und letztlich ist „Argo“ nicht nur als historisches Portrait absolut gelungen, sondern auch ein genereller Aufruf an die Völkerverständigung. Und wo wir schon bei politischen Anspielungen sind, auch Afflecks Parteilosigkeit muss man positiv hervorzuheben. Ob nun Regisseur, iranischer Beamter oder CIA-Agent, jeder geht seiner alltäglichen Arbeit nach und ob das nun richtig oder falsch, gut oder schlecht ist, das Urteilen überlässt Affleck lieber anderen Regisseuren.

Trotz der seriösen Thematik und einiger dramatischer Zuspitzungen ist „Argo“ aber vor allem eines: Bis zum Abwinken absurd. Iranische Frauen und Kinder, die Papierschnipsel von US-Geheimakten wie Puzzleteile zusammenlegen. Rasiermesserscharfe Dialoge, die den Zuschauer immer wieder zum Schmunzeln bringen – „If we wanted applause, we would have joined the circus.” Affleck zeigt uns mit seiner amüsant übertriebenen und gleichzeitig sehr authentischen Nachbildung der historischen Geschehnisse, wie man aus einem trockenen Thema das Maximum herausholen und daraus intelligente Unterhaltung zaubern kann.

Fazit: “Argo” ist souveränes Spannungskino, angelegt als Liebeserklärung an das Kino selbst. Dank einem blendend aufspielenden Cast, der sich aus gestandenen Schauspielern wie John Goodman und Alan Arkin zusammensetzt, ist „Argo“ ein Unterhaltungsfeuerwerk geworden, welches fast immer den richtigen Nerv trifft, das hohe Tempo über die volle Laufzeit halten kann und uns vor allem eines in Erinnerung ruft: Politik muss nicht immer todernst und wertend vermittelt werden. Und auch wenn man Genreklischees, die heroische Note und die historisch gesehen banale Einleitung nicht gänzlich abstreiten kann, „Argo“ hat ein triumphales Drehbuch zu bieten, dem eine Oscarnominierung sicher sein sollte. In summa hat uns Affleck einen der intelligentesten und lohnenswertesten Filme des Jahres beschert.