"Armageddon" (USA 1998) Kritik – Amerika und der verlogene Nationalstolz

Autor: Pascal Reis

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„Ist doch toll! Wir haben Logenplätze für den Weltuntergang.“

Nachdem Knallcharge Nicolas Cage und Sean Connery, der Geheimagent ihrer Majestät, dem durch desillusionierten Marines angedrohten Gasangriff auf San Francisco Einheit gebieten konnten und die sagenumwobene Gefängnisinsel Alcatraz wieder zur vorherigen Touristenattraktion umfunktionierten, hatte auch Regisseur Michael Bay, den Rückenwind genießend, einen der besten wie kommerziell erfolgreichsten Action-Filme der 90er Jahre inszeniert zu haben, eindeutig größere Ziele in Aussicht. Es sollten keine greifbaren, aus persönlicher Motivation agierenden Gegner der menschlichen Rasse sein, die Amerika vor das ein oder andere Problem stellten, sondern ein Asteroid von der Größe des Bundesstaates Texas, der mit 40.000 km/h auf den blauen Planeten zurast und durch die Kollision die gesamte Erdbevölkerung in den Abgrund zieht. Eigentlich klingt dieses Szenario eher nach dem aufgeblasenen Budenzauber eines Roland Emmerichs, dessen persönliche Wichsvorlagen sich im Mantel der differenten wie einfältigen Weltuntergangsschemen liegen.

Qualitativ unterscheidet sich der 140 Million Dollar verschlingende „Armageddon“ aber tatsächlich wenig bis gar nicht von Emmerichs Abrissbirnen wie „The Day After Tomorrow“ oder „2012“, in denen der schwäbische Spielbergle gerne amerikanischer sein würde, als die meisten anderen Amerikaner in Wahrheit sind – bis auf Michael Bay. Was sich in seinen beiden Vorproduktionen „Bad Boys“ und „The Rock“ immer wieder abzeichnete, hat auch Onkel Bay sein Heimatland verdammt lieb, nur umging er die Überstilisierung immer gekonnt durch inszenatorische Kniffe, die nicht dazu dienten, im maßgeschneiderten Amerikanismus genüsslich auf die Nationalflagge zu ejakulieren. Mit „Armageddon“ schwenken diese unwesentlichen Andeutungen in ihren kompletten Gegenpart um, in dem Michael Bay dem universellen Publikum noch einmal in seiner ganzen Debilität vor Augen führt, dass die Vereinigten Staaten die verantwortliche wie anbetungswürdige Weltpolizei für unser Bestehen ist.

Klar, aufgesetzten und äußerst muffigen Nationalstolz gibt es in amerikanischen Produktionen immer wieder, prekär und riskant wird er nur dann, wenn er das eigentliche Sehvergnügen erheblich einschränkt – oder sogar komplett vernichtet. „Armageddon“ ist einer dieser Filme, der zwar jeden Amerikaner, der bis in die Haarspitzen mit seinem Land verwurzelt ist, zu tosendem wie befürwortendem Applaus animieren wird, doch wenn Michael Bay seinen Geschichte ohne jede Scham oder Rücksicht auf sein internationales Publikum kopfüber in das bis zum Rand gefüllte Pathosbecken drückt, dann ist das nicht nur unfreiwillig komisch, sondern auch ein absoluter und unausweichlicher Krampf. Wo die anfängliche Begeisterung für die Geschichte und die – für damalige Verhältnisse – wirklich tollen Effekte über sämtliche solcher Stolpersteine hinwegtäuschen, könnte man „Armageddon“ irgendwann als eine Art saublöden Propagandaschwamm bezeichnen, der sich im Laufe seiner Handlung mit dem selbstüberschätzenden und selbstverherrlichenden US-Patriotismus aufsaugt, nur um sich zunehmend in seiner mehr als fragwürdigen Ideologie zu wälzen.

Es ist hier so, dass es nur die Amerikaner und eine Handvoll Wissenschaftsheinis der NASA vollbracht bekommen, sich dem Asteroiden anzunehmen, während der Rest der Menschheit tumb zum Himmel glotzt und den ausgewählten Helden, ein Bohrteam, bestehend aus einem Haufen Chaoten mit Kämpferherz, ganz fest die Daumen drückt. Wahnsinn. „Armageddon“ ist verlogen und logikbefreit von Anfang bis Ende, doch wenn er sich auf seine Schauwerte konzentriert, dann hat er tatsächlich – hin und wieder – interessante und unterhaltsame Bilder zu bieten, gerade wenn die Truppe auf dem Asteroiden gelandet ist und das recht amüsante Astronautentraining im Schnelldurchlauf abgeschlossen hat. Da ist es dann auch wenig verwunderlich, dass die Charaktere in „Armageddon“ ein Sammelsurium an Prototypen bereithält, in denen Bruce Willis, Ben Affleck und Liv Tyler das entscheidende wie unglaubwürdige (Beziehungs-)Dreieck mit zuweilen hohem Fremdschämfaktor darstellen, um Michael Bay am Ende das Spiel auf der ekelhaften Affekt-Klaviatur gnadenlos zu ermöglichen – Von Aerosmith ganz zu schweigen.