„Der Aufsteiger“ (FR 2011) Kritik – In den Fängen der Politik

„Das Volk hat das Recht misstrauisch zu sein, solange es nicht selbst politische Macht besitzt.“

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Wenn ein Regisseur fast sieben Jahre an einem Film arbeitet, dann ist das entweder ein schlechtes Zeichen oder eben das genaue Gegenteil. Im Falle von „Der Aufsteiger“ dürfen wir uns darüber freuen, dass es sich um Letzteres handelt, denn Pierre Schoeller hat mit seiner dritten Regiearbeit den vielleicht besten Politfilm seit Jahrzehnten abgeliefert, der uns einen kompromisslosen Einblick in den Arbeitsalltag eines Ministers liefert – surreal, schockierend, lehrreich, aber zum Glück niemals belehrend.

Ein Busunfall zwingt den französischen Verkehrsminister Bertrand Saint-Jean (Olivier Gourmet) mitten in der Nacht aufzustehen und zum Unfallort zu fahren. Er soll sich dort vor den Medien und somit vor der Öffentlichkeit dazu rechtfertigen, wie es zu dem Unglück kommen konnte. Diese schlaflose Nacht stellt den Anfang eines politischen Umschwungs dar, der zig Gefahren, unerwartete Begegnungen, Machtkämpfe und Korruption mit sich bringt, denn Saint-Jean hat eine Vision von einem besseren Frankreich. Er träumt von einer Reform, die jedoch – wie in der Politik üblich – viele Gegenstimmen besitzt.

Ohne sich in gängigen Genremustern zu verlieren, eröffnet uns Schoeller ab der ersten Szene prägende Impressionen aus dem Alltag der Politik. Dank seiner jahrelangen Recherche kann uns Schoeller einen intimen und detaillierten Einblick in das westliche Politsystem garantieren. Gleichzeitig bringt er aber auch das Kunststück zu Stande, kritische Distanz zu halten, von der man in US-Filmen nur träumen kann. Wie bereits in David Cronenbergs neuestem Streich „Cosmopolis“, wird auch in „Der Aufsteiger“ das Dienstauto zu dem Ort, an dem der Protagonist die meiste Zeit der Handlung verbringt. Zu Hause ist Saint-Jean wenn überhaupt in der Nacht, und die Korrespondenz mit seiner Ehefrau geschieht zumeist über seine Sekretärin. Damit verdeutlicht Schoeller, dass eine hohe politische Position das Ende eines Privatlebens und den Anfang von Einsamkeit bedeutet. An einer Stelle scrollt Saint-Jean auf seinem Handy durch die Kontaktliste. 1000 Bekannte, aber einen wirklichen Freund hat er keinen.

In größtenteils eiskalten, künstlerisch angehauchten Bildern, die mit voller Absicht immer mal wieder an Melvilles gesellschaftskritische Krimis wie „Der eiskalte Engel“ erinnern, muss der Zuschauer unweigerlich vor den Fängen der Politik und davor, was diese mit ihren Bediensteten und der Bevölkerung anstellen, erschaudern. Sowieso ist „Der Aufsteiger“ eine unberechenbare Demontage unserer westlich geprägten Politik. In einer Schlüsselszene lässt Schöller die Politik und hart arbeitende Bürger im Dialog gegeneinander antreten. Diese Szene treibt er gekonnt auf die Spitze, mit der Schlussfolgerung, dass der eine nicht ohne den anderen kann. Ironischerweise entfremden sich Politiker und Bürger trotzdem immer weiter, lassen Vorurteile wachsen, bis keiner mehr den anderen verstehen kann oder verstehen mag. Das geht vor allem aus den Gesprächen zwischen Bertrand Saint-Jean und seinem Chauffeur Martin Kuypers hervor. Sehr lange brauchen die beiden, um dem jeweils anderen wenigstens ein paar persönliche Details zu verraten. Dann wiederum beweist Schoeller sein Fingerspitzengefühl für dramaturgische Momente und lässt den Film in einer der gelungensten Szenen des Kinojahres gipfeln.

„Der Aufsteiger“ setzt allerdings nicht nur mit Hilfe der Inszenierung und des Drehbuchs bedeutende Akzente. Es ist vor allem die minuziöse Figurenzeichnung, welche den Film in unerreichbare cineastische Sphären hebt. Mit Oliver Gourmet wurde genau dem Richtigen die Rolle des Verkehrsministers anvertraut, denn er ist dafür absolut prädestiniert. Ab dem ersten Augenblick spiegelt sich das harte Politikleben in seinen Augen und seiner Körpersprache wieder, als ob er schon sein ganzes Leben der Politik gewidmet hätte. Schockierend wird dabei vor allem, wenn man erkennen und einsehen muss, dass kein Politiker der Welt seine Vision von einer besseren Welt durchsetzen kann, ohne dabei körperlich und geistig ans Äußerste zu gehen und ohne dabei Prinzipien zu brechen, die er doch eigentlich einhalten wollte.

Fazit: Pierre Schoeller. Pierre wer? Ja diesen unbekannten Regisseur, der mit „Der Aufsteiger“ erst seinen dritten Spielfilm in die Kinos gebracht hat, sollte man dringend im Auge behalten, denn sollte es ihm gelingen, auch andere Genres mit solch einer Leichtigkeit umzukrempeln, neu zu definieren und zu revolutionieren, dann wird dieses Politdrama wohl nicht sein letztes Meisterwerk gewesen sein. Was wir daraus lernen: In der Politik hat selbst die größte Freundschaft ihre Grenzen.