57. Londoner BFI Filmfestival – 1. Recap: "Captain Phillips", "Grand Central" und "Like Father, like Son"

Autor: Conrad Mildner

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Gestern startete das 57. Londoner BFI Filmfestival und ich bin dieses mal ganz nah mit dabei. Jedenfalls so nah, dass ich möglichst viele Filme zu Gesicht bekomme, worüber ich in den kommenden Tagen berichten kann. Als erstes gab es, wer hätte es gedacht, den Eröffnungsfilm zu sehen.

„Captain Phillips“
von Paul Greengrass

Der gefeierte Regisseur von „Das Bourne Ultimatum“ meldet sich mit einem Doku-Fiction-Hybriden in der Tradition seiner früheren Filme „Flug 93“ und „Sunday, Bloody Sunday“ zurück und hofft wohl insgeheim die herbe Enttäuschung über sein letztes Werk „The Green Zone“ wett zu machen. Eine Enttäuschung ist „Captain Phillips“ definitiv nicht. Der Film stellt einen Überfall somalischer Piraten auf ein amerikanisches Containerschiff im Jahre 2009 dar. Der damalige Captain Rich Phillips (Tom Hanks) wurde von den Piraten als Geisel genommen und konnte erst nach einer Hetzjagd mit der US-Army befreit werden. Seine Geschichte schrieb Phillips in einem Buch nieder, das wiederum als Vorlage für Greengrass‘ Film diente. Das Kluge an „Captain Phillips“ ist, dass er jedenfalls anfangs versucht seinen beiden Parteien, den Piraten sowie der Besatzung des Schiffes, auf Augenhöhe zu begegnen und ihnen gleichgroße Räume innerhalb seiner Rekonstruktion zugesteht. Leider, und das impliziert der Titel bereits, kann dieses Gleichgewicht nicht gehalten werden. Letztendlich versteift sich die Erzählung auf Phillips‘ Perspektive und die Sympathien verhärten sich auf amerikanischer Seite, obwohl sich Greengrass sichtlich bemüht die Ambivalenzen innerhalb der somalischen Piratengruppe klar zu machen. Der gewaltsame Aufmarsch des Militärs macht von vornherein klar, dass die Entführer, wie auch realpolitisch, keine Chance gegen diese Übermacht haben und dieser kurze Moment der Rebellion kann nur mit dem Tod enden. Tom Hanks fesselnde Darstellung lenkt aber allzu leicht von solchen Gedanken ab. Nach den 134 Minuten bleibt ein seltsam unentschlossener Film zurück, der zwar irgendwie versucht einen tieferen Einblick in den wahren Fall zu gewähren, sich aber in der Rolle des spannungsgeladenen Unterhaltungsfilm weitaus besser gefällt. Das hätte mir aber auch als rein fiktiver Film gereicht.

Deutscher Kinostart: 14.11.2013

„Grand Central“
von Rebecca Zlotowski

Nicht von ungefähr erinnert Zlotowskis Melodram an Jacques Audiards Meisterstück „Der Geschmack von Rost und Knochen“. Beide Filme erzählen über eine Liebe, die sich erst mühsam Schritt für Schritt und nicht ohne herbe körperliche Entbehrungen die Luft zum Atmen erkämpfen muss. Dazu kommt eine klare Verortung im Arbeitermilieu Frankreichs. „Grand Central“ erzählt über den jungen Gary (Tahar Rahim), der dringend Geld braucht und einen gefährlichen Job im Atomkraftwerk annimmt. Er kommt bei seinem Vorgesetzten unter und verliebt sich in die Verlobte seines älteren Kollegen. Zlotowskis Film ist immer ganz bei sich. Die Handkamera ist nüchtern und bleibt eng bei den Figuren, die allesamt hervorragend besetzt sind. Tahar Rahim („Ein Prophet“) macht den Film allein schon sehenswert, ebenso wie Léa Seydoux und Denis Menochet. Interessant ist auch der Arbeitsalltag im Atomkraftwerk, den Zlotowski sehr kritisch betrachtet und als kalte Maschinerie inszeniert, die jeden menschlichen Fehler mit tödlicher Strahlung bestraft. Auch die fantastische Filmmusik von Rob unterstreicht die spürbare Lebensfeindlichkeit und hüllt den Film in leicht entrückt-dissonante Klangteppiche; das Beste, was ich seit langer Zeit hören durfte.

Deutscher Kinostart: noch unbekannt

„Like Father, Like Son“
von Hirokazu Kore-eda

Es ist ein Motiv vieler Komödien: die Verwechslung. In Kore-edas Film können die Eltern des sechsjährigen Keito allerdings schwerlich darüber lachen. Ihr Kind wurde im Krankenhaus mit dem einer anderen Familie verwechselt und nun haben sie die schwierige Wahl. Behalten sie das „falsche“ Kind oder durchlaufen sie den harten Prozess ihr leibliches und dennoch fremdes Kind aufzunehmen. Der Film erzählt seine Geschichte äußerst behutsam und lässt viel Raum für die Gefühlswelten seiner Charaktere. Die präzise Kameraarbeit bleibt auffällig distanziert. „Like Father, Like Son“ sucht nicht die großen Emotionen. Es ist eine Wahrheitssuche, die oftmals an den Realismus eines Michael Haneke erinnert. Umso enttäuschender, dass die Figur von Keitos Vater (Singer/Songwriter Masaharu Fukuyamas Schauspieldebüt) zum Mittelpunkt erklärt wird. Sehr leicht verliert der Film die anderen Figuren aus den Augen und der Wandel des Vaters wird prominent in den Vordergrund gerückt. Am Ende hat man sogar das Gefühl dem Film wäre es nur darum gegangen, obwohl er davor auf beeindruckende Weise die familiären Strukturen sezierte. „Like Father, like Son“ ist ein angenehm offener und ruhiger Film, der zu vielen Gedanken anregt, diese aber zum Ende hin selbst versucht unter den Teppich zu kehren.

Deutscher Kinostart: noch unbekannt

Beim zweiten Recap geht es um „Nebraska“, „The Zero Theorem“, „The Double“ und „Tom at the Farm“.