"Aviator" (US/JP 2004) Kritik – Leonardo DiCaprio steigt auf in den Schauspielolymp

„The way of the future.“

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Zwei Jahre nachdem Martin Scorsese und Leonardo DiCaprio ihr für 10 Oscars nominiertes Historien-Epos „Gangs of New York“ 2002 in die Kinos brachten, kehrte das Dreamteam 2004 zurück in die Kinos. Ihre erste Zusammenarbeit war nicht das erhoffte Meisterwerk, welches auch dazu diente, Leonardo DiCaprio wieder zu einem ernstzunehmenden Darsteller zu machen, erwies sich aber dennoch als äußerst sehenswerter und kraftvoller Film. Nun standen DiCaprio und Scorsese mit „Aviator“ vor den Türen, eine Biografie über die amerikanische Legende Howard Hughes (1905-1976). Die Sorge, dass eine Biografie von einem Regisseur nich passend auf die Leinwand gebracht wird, ist immer groß, doch Scorsese bewies in der Vergangenheit Gegenteiliges. An erster Stelle steht natürlich sein Meisterwerk „GoodFellas“, in dem er das Leben von Henry Hill dokumentierte, oder auch „Kundun“, bei dem sich Scorsese um das Leben des 14. Dalai Lama von Tibet kümmerte. Bedenken muss man natürlich trotzdem immer hegen, denn auch die besten Regisseure haben schon enttäuscht. Im Fall von „Aviator“ lässt sich aber ganz eindeutig sagen: Scorsese hat ein weiteres Meisterwerk inszeniert.

Durch das gewaltige Erbe der Firma für Bohrköpfe seines Vaters, wurde Howard Hughes zu einem der reichsten Männer Amerikas. Dieses Geld wusste Hughes auch für seine zwei Leidenschaft zu genüge einzusetzen. Zum einen war er Filmproduzent und pumpte Unmengen von seinem Vermögen in seine Filme. Sein erster Film „Hell’s Angels“ betrug die Produktionskosten von knapp 4 Millionen Dollar, ein unbeschreiblicher Batzen für die 30er Jahre. Seine zweite Leidenschaft war das Fliegen, welche durch seinen Dreh zum besagten Fliegerfilm nur noch weiter antrieb. Er flog wann immer er konnte, investierte und wollte immer mehr und mehr, bis er sein Umfeld vollkommen aus den Augen verlor. Der Frauenschwarm hatte jedoch nicht nur das Problem, das ihm seine Leidenschaften über den Kopf wuchsen, sondern auch seine Phobien, die ihm sein Dasein nur noch weiter erschwerte. Der Visionär lief seinem Untergang immer weiter in die Arme…

Handwerklich ist „Aviator“ mal wieder die ganz große Kunst, wie auch in „Gangs of New York“ kann Scorsese mit einer beeindruckenden Optik glänzen und seinen Film dank der grandiosen Kulissen und Kostüme genau dieser Zeit anpassen und für den Zuschauer fühlbar machen. Nicht umsonst konnte der Film die Oscars in den Kategorien Beste Kamera, Bestes Szenenbild, Beste Kostüme und Bester Schnitt gewinnen. Und da kommen wir auch zu Kameramann Robert Richardson, einer der bekannteste in seiner Branche, der immer mit seinen wunderbaren Einstellungen überzeugt. Er versteht es, sowohl die langen Aufnahmen rundum Howard Hughes auf dem Boden in stilvolle wie anziehende Aufnahmen zu verpacken, genau wie er die Luftaufnahmen in ebenso fantastisch fotografiert. Für die musikalische Untermalung war Meisterkomponist Howard Shore zuständig und bei ihm ist inzwischen vollkommen klar, dass er immer hervorragende Kompositionen abliefert. Auch in „Aviator“ versteh er es wieder grandios, die Zeit, die Gefühle und die Augenblicke genauestens zu unterstreichen und zu begleiten.

Das große Highlight ist jedoch Leonardo DiCaprio als Howard Hughes. Was DiCaprio hier leistet, ist einfach nur atemberaubend und ohne zu übertreiben im Bereich der Perfektion. DiCaprio wird zu Hughes, atmet ihn in jeder Szene voll aus und bringt eine, wenn nicht sogar seine beste Performance überhaupt. Eine tiefgehende Meisterleistung. Neben seiner Präsenz zu bestehen ist hier nahezu unmöglich. Aber auch Cate Blanchett als Katherine Hepburn, die den Oscar für ihre Rolle gewinnen konnte, Kate Beckinsale als Ava Gardner, John C. Reilly als Noah Dietrich, Alec Baldwin als Juan Trippe, Jude Law als Errol Flynn und Alan Alda als Ralph Owen Brewester sind toll besetzt, wenngleich ihre Auftritte ab und an recht knapp ausfallen.

Den Menschen Howard Hughes in Worte zu fassen, ist schon eine Kunst für sich. Hughes war ein Playboy, der die Frauen ohne Probleme mit seinem jugendlichen Charme und der gestandenen Reife um seinen Finger wickeln konnte. Es war ein Visionär, der sowohl die Filmwelt veränderte, als auch die Fliegerbranche maßgebliche beeinflusste. Hughes wurde zu einer der großen Pilotenikonen. Er war ein Tycoon, ein Perfektionist, eine Koryphäe, ein unverwechselbarer Charakter und ein stinkreicher Geschäftsmann, der seine brennende Leidenschaft zur erdrückenden Besessenheit werden ließ, bis er schließlich seinen psychischen Problemen und tiefen Ängsten verfiel. Martin Scorsese führt uns in das Leben dieser Legende und stilisiert einen amerikanischen Helden, offenbart ihn dem Zuschauer an der Spitze seines Schaffens und lässt ihn dann nach und nach an seinen ausweglosen Obsessionen zerbrechen. Was blieb war ein isolierter, seelischer Scherbenhaufen, der in seiner schlussendlichen Einsamkeit das eigene Ende fand.

In 170 Minuten versteht Scorsese es, senen Film immer weiter zu entfalten, ohne aber das Erzähltempo zu verändern und den Zuschauer zu manipulieren oder mit unnötiger Effekthascherei zu betäuben. „Aviator“ wird zu einer eindringlichen Charakterstudie, geht dabei seinen Weg durchgehend mit der gleichen tiefgängigen Ruhe, weiß voll zu packen und den Zuschauer in jeder Minute zu fesseln. Was man Scorsese vorwerfen muss, ist die dilettantische Vereinfachung des Waschzwanges von Hughes, den wir zu Anfang des Filmes mit einer Szene klargemacht bekommen sollen. Das ist aber nur ein kleiner Schönheitsfehler. In Hughes Leben gab es nur einen wichtigen Menschen: Howard Hughes. Danach zählte nur die Eroberung der Lüfte und die glanzvolle Filmwelt, die natürlich einen Ruhm mit sich brachte, dem Hughes nicht gewachsen war, genau wie er es nicht wusste, wie man mit zwischenmenschlichen Bindungen umgehen muss. Das alles wird uns im hintergründigen Zeitraum der 30er und 40er Jahre detailliert, interessant und ebenso exzellent vorgestellt.

Fazit: „Aviator“ ist die Biografie um einen Menschen, der alles erreichen konnte und natürlich auch viel erreicht hat, sich aber durch seine grenzenlosen Süchte immer weiter ins Aus manövrierte. Hier geht es um die Liebe, um Konkurrenzkämpfe, Anerkennung, Verlust und den zweischneidigen Erfolg. Scorsese beweist seine erzählerische Brillanz und lässt Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio in den Olymp der Schauspiels aufsteigen, dazu gibt es noch eine herausragende Optik, einen fantastischen Score und wunderbare Kulissen, die das Feeling dieser Zeit genial einfangen. „Aviator“ ist eine meisterhafte Charakterstudie, die ein gewisses Grundwissen zu Howard Hughes voraussetzt und den Zuschauer ohne Halt in sich ziehen kann, ohne dabei aber auf große Effekte oder spannungsgeladene Höhepunkte zu setzen.

Bewertung: 9/10 Sterne