"Der Baader Meinhof Komplex" (DE 2008) Kritik – Ein dunkles Kapitel

„Protest ist, wenn ich sage, das und das passt mir nicht. Widerstand ist, wenn ich dafür Sorge, dass das, was mir nicht passt, nicht länger geschieht.“

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Jedes beliebige Land unserer Erde kann ganz eigene dunkle Kapitel der Vergangenheit aufweisen. Treffender als mit dem Satz: „Geschichte wird mit Blut geschrieben“, kann man es wohl kaum zusammenfassen, denn blickt man auf die Menschheits- und Gesellschaftsentwicklungen zurück, so wird man relativ schnell feststellen, das Veränderung zwangsläufig immer mit Toten und Gewalt zusammenhängt. Deswegen ist es nicht verwerflich, sondern unbedingt dienlich, wenn an ein Land sich an die eigene Vergangenheit heranwagt und versucht, diese in seriöser und informativer Art und Weise aufzuarbeiten. Dass das nicht immer der Fall ist, sehen wir zum Beispiel bei den unzähligen Kriegsfilmen, die Jahr für Jahr in die Kinos kommen und sich nicht immer mit dem notwendigen Realismus schmücken können, sondern gerne die Heroisierung und die historische Verlogenheit als Deckmantel benutzen, um sich selber als geheilt oder bessere Menschen darzustellen. Entfernen wir uns jedoch einmal von den Weltkriegen und widmen uns der deutschen Nachkriegsgeschichte, dann treffen wir unweigerlich auf ein neues und furchtbares Kapitel: Die Zeit der Roten Armee Fraktion (RAF). Auch zu diesem Thema gab es bereits einige Filme, doch gerade im Jahr 2008 war es ein deutscher Film, der sich nicht den unbedingt um die Beteiligten kümmerte, sondern um die Taten und so eine mehr als interessante Sichtweise aufgestoßen hat: „Der Baader Meinhof Komplex“ von Uli Edel.

Als im Jahre 1967 der Schah von Persien in die deutsche Hauptstadt einreist und von feindseligen Aufrufen der studierenden Protestierenden begrüßt wurde, bricht das Chaos aus: Eine Gruppe Perser, die sich vor den Protestierenden frei aufhalten konnte, schlägt mit Gegenständen auf die wütende Menge ein und die Polizeikräfte vor Ort helfen den Persern tatkräftig, in dem sie ebenfalls zu den Schlagstöcken greifen. Es kommt zum schrecklichen Zwischenfall, bei dem der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen wird, angeblich unbeabsichtigt. Rudi Dutschke kann derweil eine außerparlamentarische Opposition formieren und immer größere Wellen schlagen. Ulrich Meinhof, die sich während der Ausschreitungen im Familienurlaub befindet, erkennt die Anfänge der neuen Bewegung und startet den Versuch, in einer Fernsehdiskussionsrunde die Hintergründe zu offenbaren, doch für Gudrun Ensslin und Andreas Baader ist die Zeit der Gespräche abgelaufen, denn nur noch Taten können etwas bewirken. Der erste Sprengsatz wird in einem Warenhaus positioniert und die beiden Drahtzieher verhaftet, nur um kurz danach wieder die Freiheit genießen zu können. Die linksextremistische Gruppe vergrößert sich zunehmen und auch Ulrike Meinhof steigt mit ins Boot…

Für den deutschen Erfolgsproduzenten Bernd Eichinger stand schon seit Anbeginn seiner Karriere fest, dass er irgendwann, wenn er die nötige Reife in der Branche gesammelt hat, einmal einen Film über den RAF-Mythos machen wird. Das Drehbuch zum Film „Der Baader-Meinhof-Komplex“ schrieb Eichinger daraufhin selber und lehnte sich vollkommen an die gleichnamige Buchvorlage von Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust, dessen Buch auch heute noch als populärstes Nachschlagewerk zum Thema selbst betitelt wird. Mit Uli Edel hatte man dann auch einen Regisseur ins Boot geholt, der sich durch Sachen wie „Christiane F.“ oder „Twin Peaks“ einen Namen machen konnte und das Projekt fand seinen langersehnten Startschuss. Dabei sollte es sich auch als äußerst kompliziert erweisen, eine authentische Besetzung zu finden, die den realen Figuren gerecht wird und nicht zu Karikaturen verkommen lässt. Mit Moritz Bleibtreu als Andreas Baader, Martina Gedeck als Ulrike Meinhof und Johanna Wokalek als Gudrun Ensslin hat man ein hervorragendes Duo gefunden, die sich nicht nur ihren Rollen blendend anpassen, sondern sie auch optisch ausfüllen. Die unzähligen Nebenfiguren hier zu erwähnen wäre ein unendliches Unterfangen, doch auch bekannte Gesichter wie Jan Josef Liefers als Peter Homann, Tom Schilling als Josef Bachmann, Bruno Ganz als Horst Herold oder Heino Ferch als Herolds Assistent zu vertreten.

Eine wichtige Warnung sollte man vorweg unbedingt aussprechen: Wer sich nie für die Zeit der RAF interessiert hat und dementsprechend auch keinerlei Hintergrundinformationen zu diesem Thema besitzt, der ist mit „Der Baader-Meinhof-Komplex“ schnell aufgeschmissen und wird den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr erkennen können, denn hier geht es weniger um eine Charakterisierung der Täter, sondern um die Taten, die Ausführung und die Folgen selbst. Hier werden Figuren wie zum Beispiel Klaus Rainer Röhl, Siegfried Buback, Jan-Carl Raspe, Irmgard Möller und Rudi Dutschke ins Geschehen geworfen, um dann wieder aus dem Film zu verschwinden. Dabei bekommt „Der Baader-Meinhof-Komplex“ das Problem, dass er mit zunehmender Laufzeit immer größere Sprünge betätigen muss und man durchaus immer wieder das Gefühl bekommt, einige wichtige Sachen nicht erzählt bekommen zu haben, oder das bestimmte Handlungen von Charakteren, die eigentlich die Geschichte bereichern würden, verschwiegen wurden. Dafür gibt es jedoch unzählige Informationen, quasi im Minutentakt wird der Zuschauer gefüttert, und kann sich anhand dieser Fakten immer weiter durch die Jahre bewegen.

„Der Baader-Meinhof-Komplex“ konzentriert sich also auf den Aufbau, auf die Ideale der RAF und die Anschläge, die von der Gruppierung ausgeführt worden. Man muss sich vorstellen, dass die linksextremistische Terrororganisation das klare Ziel einer egalitären Gesellschaft vor Augen hatte und den Faschismus, den Kapitalismus und den Imperialismus bis aufs Letzte verabscheute. Sie hatten Angst davor, wieder in eine Form des gefürchteten Nationalsozialismus gedrängt zu werden und die elterliche Generation, der sie eigentlich den Rücken zukehren wollten, wieder die Oberhand gewinnt. Der Mythos der RAF wuchs und wuchs, doch die politischen Hintergründe, die zur Entstehung dieser Organisation geführt haben, verloren sich mit der ständigen Erweiterung aus den Augen, bis sie schließlich an einem Punkt angekommen waren, in dem es nur noch um das Töten und den Schrecken ankam. 34 Tote, über 200 Verletzte und ein Schaden von über 250 Millionen waren das Ergebnis.

Uli Edel versteht es, den Hauptfiguren, also Andreas Baader, Ulrike Meinhof, die eine extreme Entwicklung durchmacht und sich im Laufe der Zeit immer wieder selbst infrage stelle muss, und Gudrun Ensslin keinerlei Sympathie zu schenken. Es gibt keine Glorifizierung und der der romantische Mythos der RAF wird in seine Einzelteile zerbrochen. Chronologisch begeben wir uns durch die Geschehnisse von 1967 bis 1977 und die Authentizität, die währenddessen auf den Zuschauer übertragen wird, resultiert nicht nur aus dem Auslassen von Lichteffekten und der Handkameraaufnahmen, sondern ebenfalls aus der äußerst dynamischen Inszenierung, die keinen Halt vor der Gewalt macht und gekonnt zwischen Archivausnahmen und nachdrehten Szenen umherspringen kann. Ebenso wird der Druck, der auf der Bundesregierung und Helmut Schmidt gelastet hat, nicht zum Thema gemacht. Wer hier also eine äußerst detaillierte Abhandlung erwartet, die sowohl auf jeden einzelnen Charakter eingeht, als auch auf die Geschichte der RFA, wie auch auf die Reaktionen und Anstrengungen von außerhalb, der ist sich wohl kaum darüber im Klaren, wie komplex dieses Thema eigentlich ist und deswegen schier unmöglich, es in einen Spielfilm von gut dreistündiger Laufzeit (Extended Version) zu packen.

Fazit: Uli Edel hat mit „Der Baader-Meinhof-Komplex“ einen überaus starken Blick in die Zeit der RAF geschaffen. Er verzichtet auf Glorifizierungen und Romantisierungen und inszeniert einen kalten, brutalen und durch und durch informativen Film, in dem die Charaktere zwar nicht die Tiefe verliehen bekommen, die sie durchaus gehabt hätten, sondern in dem es voll um die extremen Taten der linkextremistischen Organisation geht und wie sie sich mit der Zeit selbst aus den Augen verlor. Großartig gespielt, eine packende Atmosphäre und eine äußerst dynamische Inszenierung machen „Der Baader-Meinhof-Komplex“ zu einem starken, aber sicher nicht perfekten Film.

„Die Menschen in unserem Land und in Amerika, die müssen fressen, fressen und einkaufen. Damit sie ja nicht auf die Idee kommen nachzudenken. Damit sie bloß nicht zu Bewusstsein kommen. Sonst müssten sie vielleicht irgendwann mal was tun.“