"Babel" (USA 2006) Kritik – Iñárritus Gedicht über Leben und Tod

„Da, ein Auto! Was krieg‘ ich, wenn ich es treffe?“

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Kommen wir jetzt zum letzten Teil von Alejandro González Iñárritus Todes-Trilogie. Nach dem grandiosem ‚Amores Perros‘ und dem einmaligen Meisterwerk ’21 Gramm‘ dreht sich jetzt alles um den 2006 erschienen Abschluss ‚Babel‘. Mit ‚Babel‘ erreicht Iñárritu zwar nicht die meisterhafte Klasse seiner ersten beiden Filme, inszeniert trotzdem einen starken Episodenfilm rund um das Leben und den Tod.

Die dreckigen, körnigen und trostlosen Bilder von dem ‚Amores Perros‘ und ’21 Gramm‘ lebten, gehören der Vergangenheit an. Was ‚Babel‘ aber rein virtuell keinen Abbruch tut. Die klaren Aufnahmen der Marokkanischen Landschaft oder auch die Bilder der japanischen Welt, vor allem da zu erwähnen die letzte Einstellung des Films, sind stark eingefangen. Rodrigo Prieto leistet also wieder ganze Arbeit, nachdem er auch schon in Iñárritu’s anderen beiden Filmen die Kamera geführt hat, und zeigt kraftvolle Bilder der verschiedenen Episoden. Die Oscar prämierte Musik von Gustavo Santaolalla ist auch wieder ein absolutes Highlight und gibt den Szenen den richtigen dramatischen Klang und die feine Unterstreichung die sie auch benötigen.

Einen richtigen Hauptdarsteller gibt es auch hier wieder nicht. Mit Brad Pitt, Cate Blanchett und Gael Garcia Bernal sind bekannte Gesichter vertreten. Brad Pitt als amerikanischer Tourist Richard in Marokko, der seine kreiselnde Ehe in den Griff bekommen will, erlebt durch einen schrecklichen Vorfall die schlimmste Zeit seines Lebens. Pitt bringt wieder mal eine starke Leistung, auch in den recht spärlich gesehenen Szenen zeigt er eine äußerst intensive und authentische Leistung. Blanchett als Richards Ehefrau Susan, die vom Ehe-Chaos in diesen schrecklichen Vorfall gezogen wird, bringt ebenfalls eine solide Leistung. Gael Garcia Bernal als Santiago zeigt sich auch von keiner schlechten Seite, aber auch nicht von seiner besten. Seine Leistung ist zwar gut, aber nicht ansatzweise mit der von ‚Amores Perros‘ zu vergleichen. Die unbekannten Darsteller hingegen bringen durchgehend eine mehr als starke Leistung. Rinko Kikuchi spielt den taubstumme japanischer Teenager Chieko, die mitten in der Entwicklungsphase steckt und auf dem Weg zu sich selbst ist. Kikuchi sagt ohne Worte extrem viel und bringt eine der kraftvollsten Darstellungen des Films und bekam bei der Oscar Verleihung 2006 eine Nominierung. Dann Adriana Barraza, ebenfalls Nominiert, als Kindermädchen Amelia von Richard und Susan. Auch ihr Charakter zwischen Freude und purer Verzweiflung wird grandios von Barraza dargestellt und lässt den Zuschauer in ihrer mehr als schweren Situation mitleiden.

Nach Filmen wie ‚Amores Perros‘ und ’21 Gramm‘ erwartete ich mit Iñárritus Trilogie-Abschluss einen durch und durch pessimistischen und hoffnungslosen Film zu sehen. Doch was am Ende von Babel übrig blieb, ist quasi das komplette Gegenteil. Alles findet sein gutes Ende, alles ergibt wieder Sinn, alles gibt uns Hoffnung und eine Zuflucht und schenkt uns den Glauben am Leben. Das kann man natürlich nicht als Kritikpunkt ansehen, gestört hat es mich trotzdem, da ich mich auf einen depressiven Film eingestellt hatte. Die Episoden zwangen mich förmlich dazu immer mehr an kein gutes Ende zu glauben. Alles schien verloren, dem Ende nah. Was mir für einen Iñárritu Film dann irgendwie auch besser gefallen hätte. Aber naja. Das sieht mit Sicherheit jeder anders. An ganz anderen Kritikpunkt ist aber, dass ‚Amores Perros‘ und ’21 Gramm‘ dadurch begeistert haben, dass keine der Episoden zu kurz kam oder überladen wirkte. Das ist bei ‚Babel‘ auch anders. Vor allem hatte ich immer wieder das Gefühl, dass irgendwas fehlte. Irgendwie kam etwas zu kurz, dabei vor allem die Japan-Episode, die für mich die interessanteste gewesen ist. Schade, dass diese nicht noch mehr ausgebaut wurde und auf die Vater-Tochter-Beziehung eingegangen ist. Aber wir wollen die positiven Sachen des Films nicht vergessen, denn die überwiegen ganz klar. ‚Babel‘ scheint in jedem Fall Iñárritus reifste Inszenierung zu sein. Er zeigt uns einen Film der wie von ihm gewohnt unzählige Dinge thematisiert. Da wäre die Kindliche Naivität und Unüberlegtheit. Die Gefühle zu Menschen, die man erst in extremen Situationen wieder fühlt. Die Bindung zur Familie und die daraus entstehenden Komplikationen, ob in der Pubertät oder im hohen Alter. Der Schmerz des Erwachsenwerdens, die damit verbundene Sucht nach Anerkennung und das Verlangen nach unbekannten und neuen Dingen. Das richtige Ziel finden, das meistens über den falschen Weg führt. Dazu ist ‚Babel‘ ein Film, der uns zeigt, was es bedeutet durchzuhalten. Für das zu Kämpfen, dass man braucht und liebt. Zu dem zu stehen, egal wie schwer es in dem Moment auch scheinen mag. Wieder ist alles vertreten, von Liebe über Schmerz bis zum entdecken neuer Lebenslust. All das zieht, wie jeder von Iñárritu’s Filmen, einige der besten Filmmomente überhaupt nach sich. Zu erwähnen wäre das Telefonat zwischen Richard und seinem Sohn nach unglaublich schweren Tagen der Verzweiflung und Angst, oder die absolut perfekt inszenierte Szene in der Chieko durch eine Disco wandert und der Zuschauer dabei immer wieder in ihre Situation gepresst und genau das fühlt wie sie. Ein junges Mädchen in ihrer leisen Welt zwischen greller Farben und extremer Lautstärke. Aber man könnte an dieser Stelle jede Szene mit Chieko erwähnen, da diese zu den besten des Films zählen, das würde aber viel zu weit führen. Auch ‚Babel‘ wird wieder zu einem durchaus starken, gefühlvollen und streckenweise schmerzhaften Film.

Fazit: Mit ‚Babel‘ glückte Alejandro González Iñárritu für mich leider kein erneutes Meisterwerk. Dafür ist der Film für mich schlussendlich zu positiv und kommt an einigen Stellen der Episoden deutlich zu kurz daher. Doch ‚Babel‘ ist auf jeden Fall ein weiterer ausgezeichneter Film, der durch seine überwiegend starke Inszenierung, die tollen Darsteller, die kraftvollen Bilder und den einfühlsamen Soundtrack begeistern kann. Ein kraftvoller Film, der berührt, mitfühlen lässt und den Zuschauer am Ende nicht verlassen oder erdrückt zurücklässt.

Bewertung: 8/10 Sternen