"Bad Lieutenant" (USA 2009) Kritik – Nicolas Cage im Drogenrausch

„Was haben diese scheiß Leguane auf meinem Couchtisch verloren?“

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Inzwischen haben wir so einige Reisen durch die Filmlandschaft mit Werner Herzog gemacht. In seinen Besten sind wir dem Fieberwahn verfallen, haben versucht einen Dampfer durch die Gegend zu schleifen, die Unsterblichkeit ausgekostet und sind in vietnamesische Gefangenschaft geraten. Nicht nur einmal hat Herzog die Filmwelt zum Beben gebracht, aber ab und an hat er seine Filme auch zum Stillstand geführt. Jetzt begeben wir uns ins Jahr 2009 und gehen mit Herzog in ein ihm völlig fremdes Genre: dem Drogen-Drama-Cop-Thriller-Irgendwas. Leider ist Herzog auch hier wieder weit vom Meisterwerk entfernt, inszeniert aber einen überdurchschnittlichen Drogen-Trip in eine verlorene Seele.

Ich wiederhole mich zwar, aber in diesem Fall tu ich das gerne. Optisch sind Herzogs Filme eigentlich immer ohne jegliche Mängel. So auch ‚Bad Lieutenant‘. Landschaftsaufnahmen, die den Bildschirm sprengen gibt es hier nicht, denn es wird eine kühle Düsternis aufgebaut, welche New Orleans in pure Dunkelheit hüllt und das heißt schon was. Peter Zeitlinger beweist wieder sein Gespür für Einstellungen und Bilder und überzeugt als Kameramann auf ganzer Linie. Dazu arbeitet ‚Bad Lieutenant‘ mit Herzog-Untypischen Motiven, zum Beispiel eine Slow-Motion-Szene bei einer wilden Schießerei. Die Musik von Mark Isham passt soweit schon und auch stimmig ist sie meistens, aber als besonders gut würde ich sie nicht bezeichnen. Irgendwie unschlüssig und unausgegoren. Was die eigentlich tolle Atmosphäre im Gesamten leicht ankratzt, aber nicht zerstört, denn dicht bleibt sie in jedem Fall.

‚Bad Lieutenant‘ kann man wohl als Prominent Besetzten Film betrachten. Mit Nicolas Cage, Eva Mendes und Val Kilmer ist er durchgängig mit bekannten Namen besetzt. Dazu noch Michael Shannon, Xzibit und Brad Dourif die auch nicht unbekannt sind. Nicolas Cage darf die Hauptrolle übernehmen. In letzter Zeit hat man irgendwie das Gefühl, wobei das Gefühl sich inzwischen auch bestätigt hat, das Cage sich für jeden Scheiß hergibt und auch eine dementsprechende Leistung abliefert. Doch Cage als Bad Lieutenant Terence McDonagh ist bei weitem keine Fehlbesetzung. Im Gegenteil, Cage der durch sein bekanntes Overacting immer wieder zu unfreiwilligen Lachern gebeten hat, setzt hier sogar noch einen drauf und spielt sich um Kopf und Kragen. Das zerstört aber nicht die „Seriosität“ des Films, sondern passt genau ins Bild des Korrupten und Süchtigen Cops der immer tiefer fällt. Eva Mendes als Freundin Frankie kann vor allem eins perfekt: gut aussehen. Das war es dann aber auch irgendwie für mich. Richtig überzeugen konnte sie mich noch nie und geht total neben Cage unter, der wie ein Wirbelsturm durch den Cast wütet. Val Kilmer als Kollege Stevie setzt nur wenige Akzente, kriegt aber auch kurze Szenen zugesprochen. Shannon als Mundt, Xzibit als Big Fate und Dourif als Ned überzeugen in ihren Rollen, aber die Bühne ist ganz klar für Cage aufpoliert worden.

Was ich hier an erster Stelle erwähnen möchte und auch schon in meiner Kritik zu Abel Ferrara’s ‚Bad Lieutenant‘ gesagt habe: Herzog inszeniert hier in keinem Fall ein Remake! Die Filme sind nur im Ansatz der Figur des Lieutenants verbunden. Das korrupte Verhalten und der extreme Absturz sind die Gemeinsamkeiten.

Mit ‚Bad Lieutenant‘ erweitert Herzog in jedem Fall wieder einmal seinen Horizont. Herzog, der schon durch viele Genres geturnt ist, nimmt sich nun dem abgründigen Verhalten eines Vertreters des Gesetzes an. Wenn man sich die Handlung durchliest könnte man wieder eine Standard Krimi-Story erwarten mit einem verdorbenen Polizisten. Aber Herzog pfeift auf den Krimi-Plot und schiebt diesen ganz an den Rand des Filmes. In erster Linie geht es nur um die Zeichnung des Charakters McDonagh, der Vicodin, Kokain und Sexsüchtig ist. Bestimmt wird sein Leben nur noch durch Korruption und die Suche nach dem nächsten Trip. Moral und Ehre sind schon lange über Bord gegangen und er kennt kein Richtig oder Falsch mehr. McDonagh lebt in seiner eigenen Welt, deutlich abgehoben und irgendwie träumerisch erscheint er die ganze Zeit. Völlig neben sich stehend und tief im Moloch gefangen. Helfen kann ihm keiner mehr, der Zug ist abgefahren. In der Szene, in der McDonagh ein Paar nach einem Discobesuch abfängt und nach Drogen fragt um dann völlig im Rauschzustand mit der jungen Frau Sex zu haben, wird klar wie tief dieser Mensch bereits gesunken ist. Die Nebenfiguren rücken hier deutlich in den Hintergrund und ihre Geschichten werden nebensächlich. Alles dreht sich um den Lieutenant und Cage zieht den Zuschauer mit seiner absolut übertriebenen Darstellung schnell in den Bann und sorgt nicht nur einmal für Lacher. Denn mit Ironie und Witz geizt Herzog im Film keinesfalls. Da zu erwähnen ist wohl die Szene mit der tanzenden Seele. Das alles klingt ja gut und schön, wären da nicht diese altbekannten Längen. Irgendwie geht dem Film Streckenweise die Luft aus, vor allem bemerkbar macht sich das nach der starken ersten halben Stunde. So zieht sich die gut zweistündige Laufzeit immer wieder und büßt einiges an Interesse und Aufmerksamkeit ein. Irgendwie fehlte mir auch das typische Herzog-Feeling. Wenn ich mir einen Herzog-Film angucke, dann will ich ihn auch in jeder Szene erkennen, so wie es bis jetzt immer der Fall war, aber naja, das sind dann wieder persönliche Dinge die mich stören und den Film schlechter abschneiden lassen. Dazu muss man auch sagen, dass Herzog das Drehbuch hier Ausnahmsweise nicht selbst verfasst hat, das trägt natürlich auch noch seinen großen Teil zur Stimmung selbst bei. ‚Bad Lieutenant‘ als Mainstream zu bezeichnen wäre wahrscheinlich zu viel, aber es ist wohl Herzogs zugänglichster Film. Obwohl, das ist dann auch Zuschauerabhängig ist und tut auch irgendwie nichts zur Sache. Die wirklich großen Zeiten von Herzog sind wohl gelaufen, die Filme für den ich den Mann verehre bleiben aber zum Glück für mich unantastbar, egal wie schlecht seine nächsten Filme auch werden mögen, und ich gebe die Hoffnung vorerst nicht auf, denn ‚My Son, My Son What Have Ye Done‘ muss ich noch sehen.

Fazit: ‚Bad Lieutenant‘ ist auf der einen Seite wirklich unterhaltsam und liefert einige starke Szenen. Auf der anderen Seite ist er einfach nur schleppend und hängt viel zu sehr an uninteressanten Szenen fest. Cage holt durch sein abgedrehtes Schauspiel noch einiges raus, dazu die tolle Optik und am Ende bleibt ein Film, den man sich mal ansehen kann, aber in keinem Fall muss. Schade Werner, du kannst es besser, Freunde bleiben wir aber trotzdem.

Bewertung: 7/10 Sternen