"Beasts of the Southern Wild" (USA 2012) Kritik – Ein kleines Mädchen verzaubert die Welt

„In a million years, when kids go to school, they gonna know: Once there was a Hushpuppy, and she lived with her daddy in The Bathtub.“

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Jedes Jahr aufs Neue trifft sich auf dem Sundance Film Festival in Park City und Salt Lake City die Elite der Independent-Filmindustrie. Und jedes Jahr aufs Neue gibt es auch wieder einen absoluten Überflieger-Film, der auf dem Festival gefeiert wird, als wäre er der alleinige Heilsbringer für die kränkelnde Kommerz-Kinoindustrie. 2012 war dieser Film das Neuzeit-Märchen „Beasts of the Southern Wild“ von Regie-Newcomer Benh Zeitlin, das mit Laienschauspieler, wunderschönen Landschaftsaufnahmen und einem mitreißenden Soundtrack das Sundance-Publikum verzaubern konnte. Doch vom Status eines Meisterwerks ist „Beast of the Southern Wild“ meilenweit entfernt, denn besonders in der Erzählstruktur und der Inszenierung hat der Sundance-Hit deutliche Schwächen aufzuweisen. Letztendlich ist der Film ein annehmbares Erstlingswerk, das besonders vom unglaublichen Süßheitsfaktor seiner Quvenzhané Wallis profitieren kann.

Abgelegen von dem Stress der Großstadt existiert ein Ort, an dem Menschen zusammenfinden, die in der Gesellschaft keinen Platz mehr haben. An diesem Ort, von den Einheimischen „The Bathtub“ getauft, verlebt die kleine Hushpuppy (Quvenzhané Wallis) eine abenteuerliche Kindheit zwischen Alligatoren und Krabben. Schon vor Jahren hat ihre Mutter die Familie verlassen, seitdem kümmert sich ihr unberechenbarer Vater Wink (Dwight Henry) um das kleine Mädchen, doch dieser hat eigentlich schon genug mit sich zu kämpfen. Doch als Wink plötzlich von einer seltsamen Krankheit befallen wird, verändert sich das Leben des jungen Mädchens drastisch.

Regisseur Benh Zeitlin ist mit seinem Cast ein großes Wagnis eingegangen. Zwei Laiendarstellern vertraute er die Hauptrollen an, um damit ein Zeichen gegen das „System“ Hollywood zu setzen, in der Stars und Gewinn alles diktieren. Doch mit der Besetzung hat Zeitlin einen echten Glücksgriff gelandet, denn zwischen Quvenzhané Wallis und ihrem barschen Film-Vater stimmt die Chemie einfach. Dies dürfte wohl in erster Linie daran liegen, dass der kleine Star bei dem Casting von Wink eine gehörige Portion mitzusprechen hatte, denn nur mit ihrer Zustimmung durfte ein Schauspieler engagiert werden. Nachdem bereits zwei Darsteller von der kleinen Quvenzhané abgelehnt wurden, fand Benh Zeitlin seinen Wink-Darsteller Dwight Henry schließlich in der Bäckerei gegenüber des Produktionsstudios. Und auch die Vorstellung bei der niedlichen Protagonistin des Films konnte der Bäcker mittels mitgebrachter Süßigkeiten und einem netten Lächeln für sich entscheiden.

Eine schöne Geschichte, fast märchenhafter als der Film selbst. Denn dieser möchte den Zuschauer zwar in eine magische Welt ziehen, verliert sich aber nach einiger Zeit in eine Vielzahl verschiedener Handlungsstränge und Problemfelder. Plumpe Ökobotschaft trifft hier auf unausgegorene Kapitalismuskritik – Zu halbherzig widmet sich Regisseur Benh Zeitlin den Thematiken, als dass diese wirklich beim Zuschauer Wirkung zeigen könnten. Zu sehr ist man damit beschäftigt, sich im melancholischen Soundtrack und den wunderschönen Landschaftsaufnahmen zu verlieren. Man lässt sich treiben und so treiben die einzelnen Etappen des Films an einem vorbei, ohne nennenswerten Eindruck zu hinterlassen.

Monsunartige Unwetter, Zwangsräumungen, plötzlich eintretende Krankheiten, das Leben und Sterben im „The Bathtub“, die Suche nach einem lange verschollenen Familienmitglied und aufgetaute Riesenschweine: Zeitlin gibt den einzelnen Elementen keine Zeit zur Entfaltung, denn hat man sich gerade mit dem aktuellen Status quo arrangiert, scheint dieser schon wieder überholt und verkommt zur Nebensächlichkeit. Vielleicht wäre hier, in Anbetracht der mit 93 Minuten äußerst knapp bemessenen Spielzeit, weniger mehr gewesen.

Zudem muss die Frage erlaubt sein, ob „The Bathtub“ wirklich so ein Idyll ist, wie es in diesem Film dargestellt wird. Zwar inszeniert Benh Zeitlin diesen Ort als ein kleines Paradies, als Asyl für all die gesellschaftlichen Aussteiger und Andersdenker vor den grauen Klauen des Kapitalismus, doch eigentlich ist der Hauptteil der „Bathtub“-Bewohner doch nichts weiter als ein Haufen reaktionärer Trunkenbolde ohne jeglichen Weitblick. Eigentlich kein guter Ort, um sein Kind großzuziehen, oder?

Fazit: Benh Zeitlins „Beast of the Southern Wild“ ist ein ambitionierter Film, keine Frage. Leider ist der Film stellenweise zu überfrachtet und kann so an keiner Front vollends überzeugen. Dennoch sorgen das bezaubernde Schauspielduo Quvenzhané Wallis / Dwight Henry und der großartige Soundtrack wenigstens für ein paar magische Kinomomente.