"Beginners" (USA 2010) Kritik – Was bedeutet die Liebe?

„Lass es uns nicht an die große Glocke hängen.“

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Mancher beruflicher Werdegang eines Regisseurs, lässt sich gut und gerne als erstaunlich oder unvorhersehbar bezeichnen, denn inzwischen sollte klar sein, dass nicht alle heutigen Großregisseure von den Filmhochschulen kommen, sondern auch auf anderen Wegen in das große Geschäft einsteigen können. Ob es über den musikalischen Bereich ist, in denen die heutigen Filmemacher in ihren jungen Jahren als Cutter oder auch schon dort als Regisseure für Musikvideos arbeiteten, oder aus einem ganz anderen künstlerischen Beruf. Dass dabei aber auch nicht immer gute Langfilmregisseure geboren werden, zeigt sich zum Beispiel an Marcus Nispel, der die Filmwelt mit seinen unterirdischen Ergüssen immer wieder bestraft. Das Gegenbeispiel ist Mike Mills, der als Grafikdesigner anfing und über Musikvideos zum richtigen Film kam. Mit seinem Debütfilm ‚Thumbsucher‘ zeigte Mills, welches Talent in ihm schlummerte und im Indie-Kino wurde er schnell als neuer Diamant betitelt. 2010 kam es zum zweiten Film ‚Beginners‘ und Mills festigte seinen tollen Ruf erst Recht.

Nach 44 Jahren Ehe stirbt Olivers Mutter 1999 an Krebs und kurz nach ihrem Tod gesteht Olivers Vater Hal ihm, dass er schon immer schwul gewesen ist, doch seine Homosexualität verstecken musste. Hal erlebt seinen zweiten Frühling, doch vier Jahre später bekommt er Lungenkrebs und es geht langsam auf das Ende zu. Was Oliver jetzt nur noch bleibt, ist der Jack-Russell-Terrier Arthur seines Vaters und viele Erinnerungen an die gemeinsame Zeit. Noch während seiner Trauerzeit, lernt er die junge Schauspielerin Anna kennen, doch auch sie schleppt so ihre Vergangenheits- und Beziehungsprobleme mit sich rum und ob aus den beiden etwas werden kann, wird sich erst dann zeigen, wenn beide zu ihren Problemen und zu sich selbst stehen…

Wie sich schon Marc Webbs ‚500 Days of Summer‘ mit der schwierigen Liebe zwischen zwei verschiedenen Menschen befasste, geht auch ‚Beginners‘ erneut diesen Schritt. Doch auch hier stellt sich wieder Eingangsfrage, was Liebe überhaupt bedeutet und wie man sie am besten interpretieren sollte? Jeder von uns kennt die alten Sprüche „Liebe geht durch den Magen“ oder „Liebe macht blind.“ Aber was steckt hinter diesen losen Thesen? Schwer zu deuten, eigentlich unerklärbar, dieses Wort „Liebe“. Liebe ist immer da, ob in uns oder um uns. Ob an einen Menschen oder an ein Tier gerichtet, ob an einen Film oder ein Lied. Liebe belebt und zerstört. Manchmal stehen wir mit beiden Beinen fest im Leben, man fühlt und schwebt, und manchmal läuft alles an uns vorbei, alles wird zur rasenden Nebensache, die ohne Halt vorbeizieht und einem nicht mal die Chance gibt, sie mit dem eigenen verschwommen Blick wahrzunehmen. Liebe ist greifbar und doch so fern, anwesend, klar und doch unsichtbar und unverständlich. Liebe ist, wenn du gibst, aber auch genauso nimmst. Wenn du loslassen kannst und bereit bist zu gehen, wenn du den Mut besitzt und zu ihr stehst. Liebe ist überall und doch nirgendwo, sie schließt dich in die Arme und prügelt mit Fäusten auf dich ein. Man liebt, was man nicht lieben darf, man will, was man nicht bekommen kann und man verliert, was man nie besitzen und kontrollieren durfte. Liebe ist spontan, frei und ungebunden, unbeschreiblich und unergründlich. Liebe ist gefesselt, gefoltert und für immer in Ketten. Eines ist hier klar: trägst du ein Herz in deiner Brust, dann schmerzt es immer und immer wieder, denn wenn du wirklich gelebt hast, ist der Tod nur ein Teil vom Schmerz des Lebens.

Mit diesen unerklärlichen Unterschieden und Gegensätzen bekommen es auch die Hauptcharaktere von ‚Beginners‘ zu tun. An erster Stelle Oliver (wunderbar zurückhaltend und emotional: Ewan McGregor), dessen Beziehungen allesamt in die Brüche gegangen sind und er kann sich selbst nicht mehr eingestehen, ob er überhaupt noch in der Lage ist, irgendwann eine standhafte Beziehung zu führen. Seine Mutter, mit der Oliver eigentlich nie eine richtige Beziehung geführt hat und alles nur aus Kunstbesuchen oder gestellten Erschießungen Olivers bestand. Dann starb sie an Krebs und Olivers Vater Hal (Oscar prämiert und mit gefühlvoller Großleistung: Christopher Plummer), zu dem er eine gute Bindung hatte, kommt zu seinem Comingout. All die Jahre, Zeit seines Lebens, war Hal Homosexuell und musste es immer verschweigen, nur um keinen schlechten Ruf auf sich oder seine Familie zu ziehen. Jetzt kann er befreit leben, seinen Neigungen nachgehen, in Clubs gehen, House-Musik genießen und einen Lover haben. Als Hal jedoch auch am Lungenkrebs stirbt, steht Grafikdesigner Oliver ganz alleine da. Die einzige Bezugsperson, ist nur noch Terrier Russel, der Hal gehörte und die Brücke zur Vergangenheit noch aufrecht hält. Sie kommunizieren, auch wenn nur Oliver spricht, versteht Arthur ihn und umgekehrt. Nicht von ungefähr kommt es, dass Oliver dann Anna (hinreißend: Melanie Laurent) auf einer Kostümparty kennenlernt und er in seiner Trauer als Sigmund Freud angezogen die anderen Gäste analysiert, bis sich eben Anna auf seine Couch legt. Beiden kommen sich schneller als erwartet näher , öffnen ihre Seelen immer mehr, doch beide haben ihre Narben aus der Vergangenheit, die die gemeinsame Beziehung immer wieder ins wanken geraten lässt und kein Ganzes entstehen lassen will. Anna und Oliver müssen mit ihren Vorgeschichten abschließen können, genau wie mit ihren missglückten Beziehungen, denn sonst werden sie immer Anfänger bleiben und nie etwas wirklich Ernstes auf die Reihe bekommen.

‚Beginners‘ erzählt uns die Geschichte von Oliver und Anna, die sich kennenlernen, verstehen, angezogen fühlen, aber durch ihre schwere Vergangenheit nie vollkommen zusammenwachsen. Beide müssen mit dem Schmerz und der Trauer des Lebens kämpfen, wenn auch auf unterschiedlichen Wegen. Die Vater-Sohn-Beziehung zwischen Oliver und Hal wird uns durch Rückblenden verdeutlicht und gerade diese Momente können eine Emotionalität erzeugen, die eine intime Verbindung zum Zuschauer aufbaut und kaum loslassen will, genau wie Oliver selbst. Es geht hier um die Probleme der Alters, der Generationen und des Menschen selbst, der die Vergangenheit bewältigen will, aber ihr nicht entfliehen kann und so keinen Schritt in die neue Zukunft setzen wird, außer man löst sich von allen Zwängen, doch das geht nur, wenn man sein Leid teilen und ebenso verstehen kann. Dabei dreht sich alles um die Liebe, die dir wieder Kraft gibt, dich auflädt und dir genauso Stärke und Mut nimmt. ‚Beginners‘ ist in seiner Schönheit traurig und in seinem depressiven Klang immer hoffnungsvoll. Die Melancholie treibt die persönliche Note von Mills Regie immer an, doch auch die zarte Leichtigkeit, endet auf natürlichem Wege in der klaren Harmonie. ‚Beginners‘ bedeutet lachen und weinen, Lebensmut und Abschied, Zuversicht und Kummer. Ein einfühlsamer, nachdenklicher und ebenso stiller Film, der berührt und erfüllt.

Fazit: Mike Mills hat wieder bewiesen, dass er ebenfalls zu den klaren Hoffnungen des jungen Kinos gehört. ‚Beginners‘ ist nicht nur wunderschön, sondern auch ehrlich mit sich und ehrlich mit der Liebe, die genauso viele Rätsel aufwirft, wie der Mensch selbst. Man liebt, nicht weil man es kann, sondern weil es man es einfach muss. Mit den tollen Darstellern, dem feinen Soundtrack, den klaren Bildern und Mills schöner Inszenierung wird ‚Beginners‘ zu einem der großen Highlights des Indie-Genres und führt gleichermaßen zu Tränen, wie auch zum Lächeln.

Bewertung: 8/10 Sternen