"Die Behandlung" (BE 2014) Kritik – Belgien bereitet sein persönliches Stigma auf

Autor: Pascal Reis

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„Ich habe ein Recht auf Behandlung!“

Wer sich mal wieder bis in den Erdboden und noch tiefer herunterziehen lassen möchte, dem sei Hans Herbots „Die Behandlung“ ans Herz gelegt. Der auf dem gleichnamigen Roman der englischen Schriftstellerin Mo Hayder basierende Krimi sorgte schon im Zuge des Fantasy Filmfests für bedröppelte Minen, als er dem nach kinematographischer Phantastik lechzenden Publikum vor die Nase gesetzt wurde. Man muss sich aber erst einmal mit dem globalen Ansehen Belgiens befassen, um die tiefgreifende Dimension einzusehen, die sich hinter „Die Behandlung“ befindet: Durch den wallonischen Triebtäter Marc Dutroux, der sich an mehreren Kindern und Jugendlichen vergangen hat und den Pädophilen-Ringen, die immer wieder durch Razzien gesprengt wurden, musste sich Belgien kurzerhand zum Hort des Kindesmissbrauchs verklärt sehen. Jeder kennt einen geschmacklosen Witz, der sich auf jene Zustände bezieht und selbst in „Austin Powers in Goldständer“ wird Dr. Evil seinem Namen nur deswegen gereicht, weil ihn ein Belgier zusammen mit seiner 15-jährigen Liebessklavin aufgezogen hat.

Nach „Die Behandlung“ ist einem aber nicht mehr zu Späßen gelegen, und – es sei noch einmal erwähnt – wer wirklich den Drang verspüren sollte, sich einen gezielten Schlag in die Magengrube verpassen zu lassen, der ist hier an der richtigen Adresse angelangt. Belgien, das, angesichts seiner filmischen Schärfe, Quasi-Skandinavien Europas, zeigt sich mit „Die Behandlung“ in der dringlichen Verfassung, ein nationales Stigma aufzubereiten und mit der nötigen Intensität darzubieten: Die Pädosexualität. Ein pathologisches Verbrechen, welches zwangsläufig Reaktionen im Zuschauer zu Tage fördert. Alles beginnt mit einer Rückblende in die Kindertage unseres Hauptakteurs, Inspektor Nick Cafmeyer (Geert van Rampelberg), der mit seinem jüngeren Bruder an einer Bahnhofstrasse Cowboy und Indianer gespielt hat. Besuch stattet ihnen ein älterer Mann namens Ivan Plettinckx (Johan van Assche) ab, der zu Anfang noch mit den beiden Jungen herumtollt, gute Laune verbreitet, bis er Nicks Bruder an der Hand packt und vor seinen Augen verschleppt: Von dort an werden die Brüder für immer getrennt sein.

Gezeichnet vom Leben, hat Nick Cafmeyer insgeheim nie die Hoffnung aufgegeben, vielleicht doch noch einmal in Kontakt mit seinem Bruder zu treten. Sein Entführer Ivan Plettinckx scheint sich auch 25 Jahre später nach dem Vorfall noch eine Freude daraus zu machen, Nick zu quälen, in dem er ihn immer wieder aufsucht, erdrückende Briefe schreibt und mit grauenhaften Gesten an den Tag erinnert, der ihn in seinen Grundfesten erschütterte. Als eine Familie von einem Triebtäter heimgesucht wird, geht das Gerücht vom „ominösen“ Troll herum, der sich des nachts an den Hausfassaden entlanghangelt und einen Blick in die Kinderzimmer wirft, um sich ein neues Opfer auszusuchen. Schon bald wird eine neue Familie in Lebensgefahr schweben, für Nick Cafmeyer wird die detektivische Ermittlungsarbeit zur Bewältigungstherapie und Zerreißprobe, die ihn zunehmend mit seinen traumatischen Erfahrung konfrontiert und ein so persönliches Maß an Bereitschaft heraufbeschwört, dass Nick Cafmeyers Motivation – auch aufgrund der Zusammenhänge der Tatbestände – beinahe an Selbstjustiz grenzt.

„Die Behandlung“ geht einen stringenten Weg: Er weiß, dass er sich einem Genre-Typus verpflichtet hat, bauscht die kriminalistischen Plateaus allerdings nicht mit reißerischen Elementen aus, wie man bei dieser Grundthematik schon oftmals erlebt hat, sondern setzt auf bleiernen Realismus. In kalt-düsteren Fotografien wird der manische Nick Cafmeyer durch seine individuelle Hölle geschleust, um am Ende seiner Suche auf den reflektorischen Widerpart seiner Selbst zu stoßen: Auch der Antagonist, der, den sie „Troll“ und „Beißer“ nennen, weil er den Kindern ein Stück Fleisch aus dem Rücken beißt, nachdem sie vergewaltigt wurden, versucht sich durch eine autotherapeutische Verfahrensweise zu behandeln und den innerseelischen Schmerz zu lindern: Das Recht auf Behandlung steht ihm zu, die Mittel, die er angesetzt hat, stehen unlängst jenseits von Gut und Böse. Hans Herbots Inszenierung macht dabei nicht den Fehler, die Dramaturgie mittels aufflackernder Klimaxen aufrecht zuhalten, sondern bleibt einem gleichbleibend ruhigen Erzähltempo treu, das sich damit beschäftigt, Puzzlestücke zu sammeln und den verseuchten Nebel zu lichten. Ein auslaugender Brocken von Film. Nichts für schwache Gemüter.