Berlinale-Kritik: The Bar (ES 2017)

Der spanische Filmemacher Álex de la Iglesia (Mad Circus – Eine Ballade von Liebe und Tod) ist in diesem Jahr gleich mit zwei Filmen auf der Berlinale vertreten. Neben der von ihm produzierten Groteske Skins, dem Langfilm-Debüt des ehemaligen Soap-Sternchens Eduardo Casanova, das in der „Panorama“-Sektion gezeigt wird und eindeutig die Handschrift seines Produzenten trägt, steuert der spanische Regie-Exzentriker mit dem herrlich schrägen The Bar auch einen eigenen Film zur Berlinale bei. The Bar ist ein grotesker Genre-Mix, der irgendwo zwischen Kammerspiel, Thriller und Horrorkomödie einzuordnen ist und trotz einiger Längen im finalen Akt einen herrlich versifften Farbtupfer (wahrscheinlich Kackbraun) im diesjährigen Wettbewerb darstellt.

Es ist eine wahre Freude für Kopf und Augen, wenn man im sonst recht schwer verdaulichen Berlinale-Programm einen Film von Álex de la Iglesia ausmachen kann, denn der spanische Regisseur dürfte wohl so etwas wie die filmische Antithese zu den Slow-Cinema-/Arthouse-Dramen sein, die sonst maßgeblich den Spielplan des größten deutschen Filmfestivals bestimmen. Schräge Figuren, schrille Bilder und ein Hang zum blutig-derben Schabernack gehören zu den Markenzeichen des spanischen Regisseurs, der auch in The Bar seiner Erfolgsformel treu bleibt.

Es ist ein Morgen wie jeder andere in der belebten spanischen Metropole Madrid: In einer kleinen, leicht heruntergewirtschafteten Stadtbar kommen in morgendlicher Routine Menschen zusammen, um hier ihren Tag zu beginnen. Dieser Morgen ist jedoch überhaupt nicht wie jeder andere, denn beim Verlassen des Lokals wird einem Kunden in den Kopf geschossen. Vom Täter keine Spur. Als ihm einer der Lokalgäste zur Hilfe eilen will, erwischt es auch ihn. Die übrigen acht Bargäste verfallen in Panik und sind sich sicher, dass sie es hier mit einem Terroranschlag zu tun haben. Möglich wären jedoch auch ein Amokläufer, eine Regierungsverschwörung, Aliens oder vielleicht ist es letztlich doch alles nur ein böser Traum, aus dem man jede Sekunde erwacht? Ein Stöhnen aus der Toilette unterbricht die hitzige Diskussion…

Acht Menschen eingepfercht in eine kleine Bar, irgendwo in der Innenstadt von Madrid. Jeder von ihnen Vertreter einer gesellschaftlichen Schicht, einer Konfession oder eines politischen Lagers. Álex de la Iglesia lässt in The Bar menschliche Karikaturen einer maroden Gesellschaft aufeinandertreffen. In welche Richtung sich der Film nach dem blutigen Auftakt entwickeln wird, lässt der Regisseur bereits im Vorspann durchscheinen, der von gigantischen Schimmelpilzen, Bakterien und anderen ekelerregenden Mikroben bevölkert wird. Angst und Misstrauen finden in dieser eigenwilligen Gemeinschaft skurriler Figuren den perfekten Nährboden und können sich in rasender Geschwindigkeit ausbreiten. Vor wem oder was Angst bestehen sollte – Viren, Terroristen, Amokschützen, Aliens, der eigenen Regierung oder dem Nebenmann – wird in Zeiten der stetigen Paranoia absolut austauschbar und findet zusätzliche Bestätigung in hanebüchenen Verschwörungstheorien. Genauso unidentifiziert wird auch das Feindbild selbst: Vielleicht verbirgt sich hinter dem Hipster mit Coca-Cola-Werbegrinsen ein überzeugter Dschihadist oder der Anzugträger mit Aktenkoffer entpuppt sich als gemeingefährlicher Amokläufer.

Was diesem energetisch inszenierten Auftaktdrittel folgt, ist ein mit reichlich Zitaten bestücktes Mash-Up aus tiefschwarzem Humor, Horrorfilm und Thriller, das in Grundzügen an George A. Romeros Genre-Klassiker Night of the Living Dead mit einer Prise Hillbilly-Horror erinnert und mit einem Augenzwinkern das Konzept des Final Girls in all seiner voyeuristischen Widerlichkeit preist. Spannend ist das für viele Zuschauer sicherlich nicht, zumal nach dem Gesetz der Serie jedem Kenner der Materie schnell klar sein sollte, wie sich diese Extremsituation auflösen wird. Dennoch bleibt The Bar auf Grund des überdrehten und visuell gut inszenierten Humors stets ungemein unterhaltsam. Ausgerechnet das Finale, das in der überaus widerwärtigen in Szene gesetzten Kanalisation Madrids ausgetragen wird, besitzt jedoch einige Längen, da das Erzählte zunehmend in altbekannte Genre-Muster abzurutschen droht, ohne diese noch ironisch zu brechen.

Fazit: Álex de la Iglesia tanzt wie immer zwischen allen Stühlen und liefert mit The Bar einen unterhaltsamen Genre-Mix, dem auf der Zielgeraden etwas die Luft ausgeht. Nichtsdestotrotz ist The Bar einer der unterhaltsamsten und wohl definitiv der schrägste Wettbewerbsbeitrag der diesjährigen Berlinale.

The Bar wurde ihm Rahmen der Berlinale 2017 geschaut und hat bisher noch keinen deutschen Starttermin.