Berlinale-Kritik: The Dinner (USA 2017)

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Der einzige amerikanische Wettbewerbsbeitrag stammt dieses Jahr von Oren Moverman (The Messenger- Die letzte Nachricht) und dieser kredenzt seinen Zuschauern mit The Dinner seinen eine bitterböse Satire auf Moral, Schuld und Familiensinn, die trotz einiger Schwächen zu den bisher interessantesten Festivalbeiträgen gehört.

Wenn die Verwandtschaft ruft..: Paul Lohman (Steve Coogan) und Ehefrau Claire (Laura Linney) erhalten von Pauls Bruder Stan (Richard Gere), seines Zeichens einer der aufstrebenden Politsterne des Landes, und dessen besserer Hälfte Katelyn (Rebecca Hall) eine Einladung zu einem sündhaft teuren Abendessen in einem der exklusivsten Nobelrestaurant der Stadt – natürlich nicht ganz ohne Grund. Während eines mehrgängigen Edelmenüs soll der Familienrat tagen, denn die Kinder der beiden Paare haben sich in Schwierigkeiten gebracht. Doch vielen der Anwesenden wäre es wohl lieber, wenn sie die Probleme einfach totschweigen könnten…

Wenn man an Oren Movermans bisherige Regiearbeiten denkt, kommen einem zuerst bleischwere und hochbrisante Politdramen in den Sinn. Umso erstaunlicher ist es da natürlich, wenn sich die Eröffnung von The Dinner als köstlich und vor allem leicht verdauliche Abrechnung mit der leidigen Verwandtschaft gibt. Dass unter der Oberfläche jedoch mehr schlummert, als ein böser Stich ins Herz der amerikanischen Familienidylle, lassen bereits die Misstöne erahnen, mit denen der visuell äußerst „schmackhafte“ Vorspann ausklingt. Sowieso nutzt Moverman eine ganze Palette an verschiedenen auditiven wie visuellen Mitteln, um stets ein Gefühl des Unbehagens beim Publikum auszulösen, seien es nun Störgeräusche in der musikalischen Kulisse oder unerwartet albtraumhaft-psychedelische Montagen.

Erst langsam offenbaren sich dabei die bereits seit Jahren vor sich hinköchelnden Konfliktherde: Rassismus, psychische Erbkrankheiten, verfehlte Lebensziele und unerfüllte Kinderwünsche sind nur einige der Problemfelder, die Regisseur Moverman in seinen Film einarbeitet. Bedauerlicherweise muss jedoch angemerkt werden, dass sich der Film in dem schieren Überfluss der familiären Streitigkeiten zunehmend verzettelt und viele der Probleme nicht mehr bleiben, als eine bloße Randbemerkung. Dennoch offenbart allein schon die pure Masse der Streitigkeiten, ein tief zerrüttetes Familienbild.

Wenn letztlich jedoch des Pudels Kern während der Verköstigung der sündhaft teuren Nachspeisen zutage tritt, wirken all die festgefahrenen, bestehenden Konflikte fast schon wie eine Nichtigkeit. Um was genau es dabei geht, soll an dieser Stelle nicht verraten werden, da gerade der schleichende Offenbarungsprozess den Zuschauer zu fesseln vermag. In Kürze sei nur gesagt, dass der Nachwuchs der ungleichen Paare in ein grausames Verbrechen verwickelt scheint und nun gemeinsam entschieden werden soll, wie mit der Angelegenheit umzugehen ist – und dies ohne die Anwesenheit der eigentlichen Hauptschuldigen.

Kein Wunder also, dass bereits in vielen Kritiken bereits Parallelen zu Polanskis Der Gott des Gemetzels gezogen werden, auch wenn diese nur einem oberflächlichen Vergleich standhalten. Wo dieser im Epilog schlussendlich zu verstehen gibt, dass überambitionierte Eltern dann und wann doch besser damit beraten sind, sich aus den Problemen ihrer Kindern herauszuhalten, kann es im Falle der Vorkommnisse in The Dinner keine Passivität geben. Der Wunsch nach der Unschuld und die Sorge um die Zukunft der Kinder stehen hier gegen den Glauben an den Rechtsstaat und die Überzeugung, dass nur eine gesellschaftliche Offenlegung und gesetzmäßige Aufarbeitung des Verbrechens auch wirkliche Läuterung bringen könne. Erstaunlicherweise ist es dabei für den Zuschauer nur allzu einfach, sich eine moralisch korrekte Meinung zu bilden, denn als stummer Zeuge der Tat, hat er ein genaues Bild von den folgenschweren Ereignissen bekommen. So fällt es mit zunehmender Spieldauer immer schwerer, sich in die extremen Positionen der beteiligten Parteien hereinzudenken. Einziger Ankerpunkt bleibt dem Zuschauer dabei lange Zeit lediglich Paul Lohman, der von einem großartig aufspielenden Steve Coogan verkörpert wird, wobei dieser auf Grund der eigenen psychischen Probleme eigentlich die irrationalste Stimme des Films sein müsste. Hin- und hergerissen zwischen dem eigenen moralischen Leitbild und dem Wunsch eines funktionierenden Familiengefüges trifft dieser jedoch letztlich eine Entscheidung, die dem Film einen äußerst bitteren Abgang beschert.

Fazit: Oren Movermans The Dinner ist schwer verdauliche Kost: Zwar ist dieses aufgebrochene und äußerst manipulative Kammerspiel keineswegs frei von Fehlern, gehört aber dennoch (oder vielleicht gerade deswegen) zu den sehenswerteren Wettbewerbsbeiträgen der diesjährigen Berlinale.

The Dinner startet am 08. Juni 2017 in den deutschen Kinos.