Berlinale-Kritik: Wilde Maus (AT, DE 2017)

Die Wilde Maus ist ein bekanntes Rummelfahrgeschäft: Eine mittelgroße Achterbahn ohne Inversionen – mäßig spannend, trotzdem fast immer auf jedem Dorfkirmes, Weihnachtsmarkt oder ähnlich überfüllten Volksfesten zu finden. Für die meisten Besucher bleibt dieses „Fahrvergnügen“ jedoch nicht mehr als eine Notlösung, die man besucht, wenn man zwischen der dritten Bratwurst und dem fünften Bier nach einem kurzen Kick sucht. Auch der Protagonist in Josef Haders Regiedebüt Wilde Maus, das im Rahmen der diesjährigen Berlinale Premiere feiert, befindet sich in seiner ganz eigenen Wilden Maus, denn er steckt in einem holprigen Lebensabschnitt fest und droht mit jeder neuen Kurve vollends aus der Bahn geschmissen zu werden. Doch statt endlich einmal auszusteigen und sein Leben wieder in geordnete Bahnen zu lenken, dreht der ehemalige Musikkritiker Georg eine Extrarunde nach der nächsten und lenkt seine kleine Gondel unausweichlich Richtung Abgrund. Wilde Maus ist ein bitterböser und in wunderbar schräge Bilder gefasster Film, der nicht nur Fans des trockenen, lakonischen Hader-Humors begeistern dürfte.

Für Musikkritiker Georg (Josef Hader) bricht eine Welt zusammen, als er von seiner Zeitung überraschend vor die Tür gesetzt wird. Mit der neuen Lebenssituation kommt der Mittfünfziger nicht zurecht und will es auch gar nicht. Zu allem Überfluss liegt ihm seine langjährige Freundin Johanna (Pia Hierzegger) auch noch ständig mit ihrem verspäteten Kinderwunsch in den Ohren. Im Wiener Prater beim „Hau den Maulwurf“ oder beim Gondeln mit der kleinen Park-Eisenbahn vertreibt sich der arbeitslose Intellektuelle nun die neu gewonnene Zeit, denn irgendwo muss man ja bleiben. Die prekäre Situation seiner Freundin beichten, kommt für den langjährigen Musikkritiker nicht in Frage, denn der Mensch hat ja noch seine Würde. Im Prater trifft er auf Erich (Georg Friedrich), einen Tagelöhner, der sich in die fixe Idee verliebt hat, die parkeigene „Wilde Maus“-Achterbahn wieder in Betrieb zu nehmen. Georg beschließt kurzerhand, in diese Idee zu investieren…

Josef Haders Wilde Maus ist in erster Linie ein Film über die Irrungen und Wirrungen der Kommunikation. Man versteht sich nicht, auch wenn man sich bemüht. Es ist ein ständiges Miss- oder im schlimmsten Fall sogar gänzliches Nichtverstehen, egal ob nun im privaten oder beruflichen Rahmen, das hier von allen Beteiligten zum Vergnügen des Kinozuschauers ausgelebt wird. So können Georg und Freundin Pia erst nach ein, zwei Gläschen Wein ein ehrliches Gespräch führen, während Erich und dessen Freundin Nicoletta nicht einmal die gleiche Sprache sprechen und trotzdem irgendwie kommunizieren und über diese Nicht-Kommunikation sogar zeitweilig als Paar funktionieren. Auch wenn hier typischen Rom-Com-Elemente bedient werden, droht Wilde Maus nie in das Klischee abzurutschen. Zu vielschichtig sind die Charaktere, deren Handlungen und Haltungen meist nur eine Reaktion auf ihre Umwelt darstellen und zu gut pointiert die Dialoge, denen stets der typisch lakonische Witz des Josef Hader innewohnt.

Besonders gelungen ist die Darstellung von Georgs Midlife-Crisis, in die sich der Mittfünfziger mit Freuden zu stürzen scheint. Dessen Kündigung („Ich bin eine Instanz! Es wird Leserbriefreaktionen geben!“) trägt ebenso zur plötzlich aufkeimenden Lebensunsicherheit des einst so scharfzüngigen und unverwüstlichen Kritikers bei, wie die aufkommenden Zweifel an dessen Potenz, die von Freundin Pia in den Raum gestellt werden. Dennoch denkt Georg gar nicht daran, seine Probleme zu beheben und widmet sich stattdessen ausgiebig dem eigenen Müßiggang. Auf dem Rummelplatz, der hier zur letzten Zufluchtsstätte für die Außenseiter und Verlierer der Gesellschaft wird, schmiedet er Rachepläne gegen seinen Chef, der ihn so unsanft aus seinem bequemen Lebensalltag befördert hat. Die Abrechnung des ehemaligen Feuilletonisten mit der Gesellschaft fällt dabei herrlich kleingeistig und direkt aus: Mit einem Autoschlüssel bewaffnet, übt er Vergeltung am Lack des vom Chef so innig geliebten Autos. Dass dies nur der Anfang eines sich immer weiter hochschaukelnden Konflikts sein wird, an dessen Ende nur die totale Eskalation stehen kann, ist von Anfang an klar.

Fazit: Josef Haders erste Regiearbeit Wilde Maus ist eine wunderbar in Szene gesetzte und stellenweise herrlich schräge Abrechnung mit der Wiener Wohlstandsgesellschaft und gehört für mich schon jetzt zu den besten Beiträgen der diesjährigen Berlinale.

Wilde Maus startet am 09. März 2017 deutschlandweit in den Kinos