Die besten Filme des Kinojahres 2013: Philippe von CinemaForever stellt seine Top 20 Spitzenreiter vor

Autor: Philippe Paturel

nullDer Großteil der obligatorischen Jahreslisten ist bereits an uns vorbei gezogen. Etwas später, aber sicherlich nicht schlechter, präsentieren nun die Autoren von Cinema Forever ihre Lieblinge des Jahres. Dafür reicht uns nicht nur eine Top-20, sondern es werden auch noch Preise verliehen. Die Oscar-Saison ist ja bereits eröffnet. Da darf also mit Awards locker um sich geworfen werden. Zum Abschluss gibt es noch einen kleinen Ausblick auf das Kinojahr 2014, wo ich euch verraten werde, auf welche Filme ich mich am meisten freue. Na dann mal ran an die Buletten!

Erstens muss ich wohl sagen, dass es sich wieder einmal für mich bewahrheitet hat, dass sich am Ende des Jahres nicht unbedingt diejenigen Filme unter den persönlichen Lieblingen wiederfinden, von denen ich es eigentlich erwartet hatte. Neben den üblichen Überraschungen gab es für mich auch wieder unvermeidbare Enttäuschungen, wozu ich in diesem Jahr besonders Pedro Almodóvars Tiefflug „Fliegende Liebende“, den inszenatorisch ganz netten, doch erzählerisch haarsträubenden „Gravity“ und das Musicaldrama „Les Misérables“, auf das ich vor einem Jahr noch meine Filmsammlung gesetzt hätte, zähle.

Doch ich möchte mich nicht an den Rückschlägen aufhalten, denn das Kinojahr 2013 hatte schließlich genügend Filme zu bieten, die mich auf die eine oder andere Weise bewegt und vollkommen in ihren Bann gezogen haben. Dieses Kinojahr werde ich aber vor allem als eines in Erinnerung behalten, welches sich auf zahlreiche Weisen mit unserem modernen Zeitgeist auseinandergesetzt hat. Da hätten wir das immer noch brandaktuelle Thema Depression, welches selten so gekonnt thematisiert wurde wie in Ti Wests neuem Horrorfilm „The Innkeepers“; die Coen-Brüder schickten uns dieses Jahr ins New York der 60er Jahre und ließen uns mit einem erfolglosen Musiker bangen, der vergebens nach einer besseren Zukunft sucht; und in „Frances Ha“ gingen wir dieses Jahr durch dick und dünn mit der chaotischen Frances, auch wenn der Film mehr daran interessiert war, Konflikte zu präsentieren als sich mit diesen weiter auseinanderzusetzen und nach glaubhaften Lösungen zu suchen. Aber auch Filme wie „Spring Breakers“ oder der in Cannes groß gefeierte „La Grande Bellezza“ setzen sich allesamt auf ihre Art mit den Menschen von heute auseinander. Zudem möchte ich das Lesbendrama „Blau ist eine warme Farbe“ nicht unerwähnt lassen, aber dazu mehr an späterer Stelle.

Von allen knapp 140 Filmen, welche ich also dieses Jahr sehen konnte, habe ich nun meine 20 persönlichen Favoriten ausgewählt und möchte euch diese kurz vorstellen. Dabei habe ich natürlich nur Filme berücksichtigt, die innerhalb des Jahres 2013 ihren deutschen Kino- oder Veröffentlichungsstart feierten. Zu den jeweiligen Filmkritiken gelangt ihr über die Verlinkung in den Titeln.

Platz 20: “Sightseers”

nullvon Ben Wheatley, mit Alice Lowe und Steve Oram

“Sightseers” ist eine der Komödien des Jahres, ein durch und durch schwarzhumoriges Unterfangen, welches der klassischen „Bonnie und Clyde“-Erzählung einen neuen Anstrich verpasst und uns eines der ungewöhnlichsten Leinwandpaare des Jahres schenkt: Zwei durch und durch gestörte Persönlichkeiten, die man einfach nur lieb haben kann.

Platz 19: “Wuthering Heights”

nullvon Andrea Arnold, mit James Howson und Kaya Scodelario

„Wuthering Heights“ ist ein leiser Film, manchmal so zärtlich flüsternd, dass die emotionalen Zwischentöne bestimmter Augenblicke dem Zuschauer entfliehen könnten. Die zwei Akte – Jugend und Erwachsenenalter -, in die die bestürzende Lebensgeschichte eingeteilt wurde, zeichnen sich durch die brodelnde Transition von liebevoller Neugier bis hin zur obsessiven Missgunst aus. Arnold entsagt dem Standardmuster des historischen Kostümfilmes und offenbart die emotionalen Regungen mit zerbrechlicher Ruhe und natürlicher Geräuschkulisse, die erst im Abspann durch Mumford & Sons und die adäquaten Worte „But I came and I was nothing. And time will give us nothing.“ gebrochen wird.

Platz 18: “Blue Jasmine”

nullvon Woody Allen, mit Cate Blanchett und Alec Baldwin

Zu seiner alten Form zurückgefunden hat Woody Allen mit „Blue Jasmine“ zwar leider immer noch nicht, doch schenkt er uns mal wieder eine der stärksten Frauenfiguren der jüngeren Filmgeschichte. Der Oscar dürfte Cate Blanchett für ihre unglaubliche Darbietung zumindest sicher sein. Und auch sonst ist Woody Allen ein mehr als nur sehenswertes Gesellschaftsportrait gelungen, welches uns glaubhaft vor Augen führt, was mit Menschen passieren kann, die plötzlich ihren ganzen Wohlstand verlieren und wie jeder andere Bürger mit den üblichen Alltagsproblemen zu kämpfen haben.

Platz 17: “Die Jagd”

nullvon Thomas Vinterberg, mit Mads Mikkelsen und Thomas Bo Larsen

Das Drehbuch kann sich zwar nicht gänzlich Klischees und unnötiger Schockmomente entziehen, doch Regisseur Thomas Vinterberg ist mit „Die Jagd“ trotzdem ein kraftvolles und nachhallendes Drama gelungen, welches uns vor Augen führt, wie schnell eine Lüge das Leben eines Menschen zerstören kann. Wir sollten eben nicht jede Geschichte glauben, die uns erzählt wird. Mads Mikkelsen läuft in dieser modernen Hexenjagd mal wieder zur Höchstform auf und sichert sich endgültig seinen Platz unter den besten Schauspielern seiner Zeit.

Platz 16: “Die Tribute von Panem – Catching Fire”

nullvon Francis Lawrence, mit Jennifer Lawrence und Woody Harrelson

Der erste Teil “Die Tribute von Panem – The Hunger Games“ war nicht viel mehr als ein „Battle Royale“ für Twilight-Generation, mit interessanten, aber leider nicht überzeugend umgesetzten Ideen. „Catching Fire“ macht an dieser Stelle (für mich überraschend) einiges besser, erzählt seine Geschichte konsequenter und kreiert eine futuristische Welt, die nicht weit von unserer jetzigen entfernt zu sein scheint. Viele in „Catching Fire“ thematisierte Probleme sind brandaktuell, moralische Patzer aus dem ersten Teil werden direkt ab der ersten Szene revidiert und auch auf anderen Ebenen kann der Film mehr als nur punkten. Damit ist „Catching Fire“ ein intelligentes, überzeugend gesellschaftskritisches und bewegendes Blockbusterdrama, welches Lust auf die beiden Fortsetzungen macht.

Platz 15: “Silver Linings”

nullvon David O. Russell, mit Jennifer Lawrence und Bradley Cooper

Jennifer Lawrence zum Zweiten. Nicht nur mit ihrer Darstellung in „Tribute von Panem – Catching Fire“ konnte sie mich mit ihrem nuancierten Schauspiel begeistern. Auch in „Silver Linings“ beweist sie ihre schauspielerische Vielseitigkeit und bekam dafür sogar verdienterweise den Oscar. Davon abgesehen ist „Silver Linings“ eine der gelungensten Romantikkomödien der vergangenen Jahre, welche überzeugend Tiefgang mit lockerem Humor verbindet. Ich freue mich schon auf David O. Russells neuen Oscarkandidaten „American Hustle“, ebenfalls mit Jennifer Lawrence.

Platz 14: “Inside Llewyn Davis”

nullvon Ethan & Joel Coen, mit Oscar Isaac und Carey Mulligan

Vom wilden West in die New Yorker Musikszene der 60er Jahre. Es ist erneut ein radikaler Genre- und Themenwechsel, den die Coen Brüder vollziehen und mal wieder beweisen sie, dass sie für Geschichten jedweder Couleur ein gutes Händchen haben. Dabei ist zwar für mich keiner ihrer besten Filme herausgekommen, doch was heißt das schon, wenn wir es mit den Coens zu tun haben. Diese beiden könnten, selbst wenn sie es möchten, keine schlechten Filme drehen.

Platz 13: “Ich und du”

nullvon Bernardo Bertolucci, mit Tea Falco und Jacopo Olmo Antinori

Fast zehn Jahre blieb Altmeister Bernardo Bertolucci („Der letzte Tango in Paris“) dem Kino fern. „Ich und du“ ist nach seinen eigenen Worten seine „Rückkehr ins Leben“, da er seit über zehn Jahren im Rollstuhl sitzt. Seine Rückkehr zum Film ist dabei gleichsam seine Rückkehr zum italienischen Kino und den Neuanfang des Lebens verarbeitet er in „Ich und du“ als emotionsgeladenes Coming-of-Age-Drama. Ein wichtiger Film eines wichtigen Regisseurs.

Platz 12: “Captain Phillips”

nullvon Paul Greengrass, mit Tom Hanks und Barkhad Abdi

„Captain Phillips“ ist für mich der Blockbuster des Jahres, wenn man den Film überhaupt noch als simplen Blockbuster sehen möchte. Das hier ist für mich ohne Bedenken der intelligenteste Action-Thriller des Jahres, politisch brandaktuell, grandios geschauspielert und Greengrass-typisch fantastisch in Szene gesetzt. Da verzeiht man ihm gerne, dass der Film die wahre Geschichte, auf welcher er basiert, zum eigenen Vorteil anders erzählt.

Platz 11: “Laurence Anyways”

nullvon Xavier Dolan, mit Melvil Poupaud und Suzanne Clément

Dolan zeigt in „Laurence Anyways“ die Möglichkeit einer geschlechterlosen Liebe, ohne sie jedoch unreflektiert zu propagieren – spätestens jetzt hat Dolan die Phase der unbedarften Adoleszenz hinter sich gelassen, wodurch ihm ein erstaunlich reifes und unparteiisches Werk gelungen ist. Scheinbar spielend leicht meistert er die schwierige Gratwanderung zwischen Respekt und schmerzhafter Ehrlichkeit vor seinen Figuren, präsentiert sie als fehlerhafte, verletzliche Wesen. Unsere Mitmenschen bestimmen, ob wir akzeptiert werden oder als Aussätzige leben müssen, wenngleich wir in unserem Inneren doch alle gleich sind. Leider scheinen die Menschen auch dieser Tage noch nicht gänzlich bereit für sexuellen Nonkonformismus; womöglich werden sie es nie sein. Alles, was bleibt, ist die Akzeptanz gegenüber uns selbst. Und die Hoffnung, irgendwann das berauschende Wunder der bedingungslosen Liebe am eigenen Leib erfahren zu dürfen.

Platz 10: “Die wilde Zeit”

nullvon Olivier Assayas, mit Clément Métayer und Lola Créton

Stark an die eigene Jugend angelehnt (und somit partiell mit autobiographischem Habitus), entwirft der Regisseur und Autor Olivier Assayas mit „Die wilde Zeit“ (OT: Après mai) das vielschichtige Zeit-Portrait einer Dekade, deren Motto „Widerstand“ lautete. Das Resultat ist ein fantastisch gespieltes, geschriebenes und inszeniertes Drama über die Post-68er-Ära.

Platz 9: “Himizu”

nullvon Shion Sono, mit Shôta Sometani und Fumi Nikaidô

„Himizu“ zeigt erneut, warum Shion Sono der vielleicht wichtigste japanische Regisseur seiner Zeit ist. Erneut nimmt sich der Exzentriker eines wichtigen Themas, in diesem Falle der Jugend im Post-Katastrophen-Japan, an und liefert dabei mal wieder ein Drama ab, welches es absolut in sich hat und nicht nur seine Figuren an ihre Grenzen bringt. So haben Filme auszusehen, welche sich mit realen Vorfällen und deren Auswirkungen beschäftigen, ohne sich schlicht mit dem Aufsatz „Basierend auf einer realen Geschichte“ zu rühmen. „Himizu“ ist kein aufmerksamkeitsheischendes 0815-Drama, sondern ein Film, welcher, ohne zu verschönigen, der westlichen Welt vor Augen führt, wie es in Japan momentan wirklich aussieht.

Platz 8: “The Master”

nullvon Paul Thomas Anderson, mit Joaquin Phoenix und Philip Seymour Hoffman

Kino als Sekte? Damit hat Paul Thomas Anderson nichts am Hut. Zwar scheint es, dass „The Master“ spürbar unzugänglicher ist als seine anderen Filme, aber emotional funktioniert diese eigenartige Geschichte zweier Männer immer noch sehr gut. Es sind zwar keine leichten 138 Minuten, die uns der amerikanische Autorenfilmer schenkt, aber dafür belohnt er uns mit den eigenen Gedanken. Wir müssen nicht schlucken, was hier gesagt und gespielt wird. Anderson ist eben kein Hubbard und so wird auch das diffuse Ende für einige Fragezeichen sorgen. Doch diese spürbare Unvollkommenheit ist beabsichtigt. Niemand sollte uns sagen, wie wir sie zu füllen haben, keine Sekte wie „The Cause“, keine Ideologie und kein Facebook. „The Master“ ist erneut ein intelligenter, wichtiger und in allen Belangen überzeugender Film der Marke P.T. Anderson.

Platz 7: “Spring Breakers”

nullvon Harmony Korine, mit James Franco und Selena Gomez

Harmony Korine spielt in „Spring Breakers“ mit den Grenzen des Machbaren, stellt Erwartungen auf den Kopf und zelebriert ein Feminismusmanifest, wie wir es noch nie im Kino sehen durften – überbordende Videospielästhetik inklusive. Sowieso ist Korine Poesie viel wichtiger als sich in zu viel Story zu verlieren. Seine Inszenierung lässt einen im Dreck der amerikanischen Kultur baden und gnadenlos unter gehen. Zudem ist „Spring Breakers“ glücklicherweise kein ach so selbstverliebter Teenie-Film wie der nervig moralisierende „Project X“. Bei Korines Abgesang auf die Konsumgesellschaft, den amerikanischen Traum und die Popkultur im Allgemeinen sowie im Speziellen darf sich der Zuschauer noch selbst seine Meinung bilden. Und James Franco spielt währenddessen einfach mal locker den Tony Montana des 21. Jahrhunderts.

Platz 6: “Stoker – Die Unschuld endet”

nullvon Park Chan-wook, mit Mia Wasikowska und Nicole Kidman

Chan-wook Parks US-Debüt ist ein ebenso stilsicheres wie brillant gespieltes Psychokammerspiel, welches in den besten Momenten die lieblich freche wie auch bitterböse Subtilität eines Alfred-Hitchcock-Thrillers ausstrahlt. „Stoker“ setzt aber, obwohl offensichtliche Hitchcock-Hommage, ganz neue Akzente und spielt in seinem eigenen kleinen Universum, wo sich Familienmitglieder unbeirrbar gegenseitig zerfleischen. Dabei fährt Park eine Liebesszene auf, die wunderschöner nicht sein könnte. Und auch wenn der deutsche Zusatztitel „Die Unschuld endet“ mal wieder absolut beschränkt klingt, so bringt er doch eine der zentralen Fragen des Films auf den Punkt: Was passiert, wenn Jugendliche vom richtigen Weg abkommen? Die Mitglieder der Familie Stoker können sich an dieser Stelle ebenso wenig dem perfiden Sog der Handlung entziehen wie der Zuschauer, denn „Stoker“ schlägt Töne an, wie man sie nicht alle Tage im Kino erlebt und mündet in ein umso konsequenteres Finale. Und Mia Wasikowska untermauert währenddessen in zahlreichen Szenen nach „Jane Eyre“ erneut, warum sie zu den größten Talenten unserer Zeit gezählt werden muss.

Platz 5: “Venus im Pelz”

nullvon Roman Polanski, mit Emmanuelle Seigner und Mathieu Amalric

„Venus im Pelz“ ist ein Meta-Film durch und durch, weswegen eine Sichtung bei weitem nicht ausreicht, um dieses Stück komplett zu erfassen. Ja, Polanski ist zurück und dieses Mal hat er seinen außergewöhnlichsten, aber auch persönlichsten Film seit „Der Pianist“ gedreht – grenzgeniale Liebeserklärung an John Fords Western „Ringo“ inklusive. Dabei wird er tatkräftig von Emmanuelle Seigner und Mathieu Amalric unterstützt, die hier ein Dialoginferno entfachen, wie man es nur ganz selten im Kino erlebt. Ein emotionales Spektakel zwischen amüsanten und nachdenklichen Momenten. Besser werden Alterswerke nur selten.

Platz 4: “The Innkeepers”

nullvon Ti West, mit Sara Paxton und Pat Healy

„The Innkeepers“ ist ein zutiefst trauriger und melancholischer Film, kein typischer Horror nach Schema F mit parodistischen Splatter-Einlagen und dümmlichen Plot-Twists. Der Tod hat hier nichts von seiner zerstörerischen Kraft verloren, und dass dieser scheinbar sogar von der Protagonistin selbst ausgeht, macht Ti Wests Film umso erschreckender. Ein guter Horrorfilm sollte uns eben immer die eigenen Ängste vor Augen führen. Die Furcht davor Selbstmord zu begehen gehört ebenso dazu. Daher passt „The Innkeepers“ so unmissverständlich in unsere Gegenwart, die Zeit der großen Depressionen. Menschen sterben durch eigene Hand und niemand spricht darüber. Die Geister sind schuld. „The Innkeepers“ ist einer der meisten unterschätzten Filme der letzten Jahre und mein Geheimtipp des Kinojahres 2013.

Platz 3: “Blau ist eine warme Farbe”

nullvon Abellatif Kechiche, mit Adèle Exarchopoulos und Léa Seydoux

„Blau ist eine warme Farbe“ hat mich auf dem diesjährigen Münchner Filmfest mal wieder daran erinnert, wie einmalig, leidenschaftlich und exemplarisch ein Kinobesuch sein kann. Fast drei Stunden folgte ich der jungen Adèle und durchlebte zusammen mit ihr die zahlreichen Facetten des Erwachsenwerdens. Absolut verdient wurde Regisseur Abdellatif Kechiche für diesen Film die Goldene Palme in Cannes verliehen, denn er macht das Unmögliche möglich: Dieses Liebesdrama fühlte sich selbst für mich als passionierten Kinogänger absolut originär und unverbraucht an. Bei Kechiche scheint alles das Natürlichste der Welt zu sein. Wie er beispielsweise Alltagssituationen wie die Liebe auf den ersten Blick, das erste Mal, den Schulalltag oder den Streit eines Paares schildert, ohne dabei typischen Genremustern zu verfallen, ist schlichtweg atemberaubend. Der Höhepunkt (wenn man davon überhaupt sprechen kann, denn sie reißt ja förmlich jede Szene mit einer unglaublichen Präsenz an sich) ist jedoch Adèle Exarchopoulus, die größte schauspielerische Entdeckung des Jahres.

Platz 2: “La Grande Bellezza – Die große Schönheit”

nullvon Paolo Sorrentino, mit Toni Servillo und Carlo Verdone

Paolo Sorrentino hat sich mit „La Grande Bellezza“ endgültig in die Riege der größten zeitgenössischen Regisseure Europas hochgearbeitet und darf sich dafür gerne auf die Schulter klopfen, dass er nicht nur seine großen Vorbilder wie Fellini zitiert, sondern den Zuschauer konsequent im „Sog des mondänen Lebens“ baden lässt. Das ist mal schön, mal hässlich, mal episch, mal ganz ruhig erzählt, aber so pessimistisch „La Grande Bellezza“ manchmal auch scheint, es ist ein Gefühlsfeuerwerk sondergleichen, das am Ende vor allem einen wunderbaren Ausblick gewährt, wenn Sorrentino zeigt, dass es immer Hoffnung gibt, auch wenn die Wahrheit erst mal ausgesprochen werden muss, und die Wahrheit kann weh tun. Ein präzise beobachtetes Meisterwerk, das Sorrentino hier geschaffen hat.

Platz 1: “Der Geschmack von Rost und Knochen”

nullvon Jacques Audiard, mit Marion Cotillard und Matthias Schoenaerts

Über keinen Film habe ich das letzte Jahr mehr geschwärmt. Zig mal habe ich den Trailer an jeden geschickt und darum gebeten, dass man sich doch unbedingt dieses Drama anschauen sollte. Und ich bin selbst nach der mittlerweile fünften Sichtung immer noch vollends begeistert von Jacques Audiards neuestem Streich. Die Geschichte ist simpel: Zwei gestrandete, auf sich allein gestellte Menschen finden zusammen wieder zurück ins Leben. Doch die raren zwischenmenschlichen Töne, das Gefühl für Emotionen und die gleichzeitig nötig und kritische Distanz zum Geschehen machen „Der Geschmack von Rost und Knochen“ zu einem weiteren Ausnahmewerk des talentierten französischen Regisseurs, der schon mit Dramen wie „Ein Prophet“ Kritiker und Publikum gleichermaßen verstummen und nicht schlecht staunen ließ. Man darf gespannt sein, mit welchem Projekt uns Audiard als nächstes den Atem rauben wird.

Wie angekündigt, war es das noch nicht ganz mit dem Jahresüberblick. Im Folgenden gibt es nämlich noch meine CinemaForever-Awards, um im Anschluss den Jahresrückblick mit einer Vorschau auf meine meisterwarteten Filme des kommendes Jahres abzurunden.

Beste Darstellerin: Marion Cotillard in “Geschmack von Rost und Knochen”

gesch

Bester Darsteller: Toni Servillo in „La Grande Bellezza“

bell

Lieblingsszene: Klavierduett aka Sex am Klavier in „Stoker“

Beste Bildgestaltung: „Stoker“ (Kamera: Chung-hoon Chung)

stok

Beste Filmmusik des Jahres: ”Lincoln” (John Williams), “The Master” (Jonny Greenwood), “Evil Dead” (Roque Baños), “Stoker” (Clint Mansell) und “Spring Breakers” (Cliff Martinez & Skrillex)

Stimmungsvollste Song-Compilation: ”Inside Llewyn Davis”

Beste Retrospektive: Neusichtung von „Casablanca“ auf der Berlinale

cas

Lobende Erwähnung: „Das Mädchen Wadjda“ von Haifaa Al-Mansour

wadjda

Größte Enttäuschung: „Gravity“ von Alfonso Cuarón

grav

Schlechtester Film: „Olympus Has Fallen“ von Antoine Fuqua

olym

Meine meisterwarteten Filme des Kinojahres 2014:

10. „Far From the Madding Crowd“ (Thomas Vinterberg)

null

Weil… ich darauf gespannt bin, wie die fantastische Bildsprache von Thomas Vinterberg (“Die Jagd”) bei einer Neuverfilmung von Thomas Hardy Romanklassiker wirkt und was der Regisseur aus der komplexen Vorlage zaubern wird.

9. „A Touch of Sin“ (Jia Zhangke)

null

Weil… ich das asiatische Kino liebe und scheinbar jeder Mensch auf diesem Planeten diesen Film abfeiert. Von diesem potentiellen Meisterwerk möchte ich mich natürlich selbst überzeugen.

8. „American Hustle“ (David O. Russell)

null

Weil… David O. Russell mit seinen letzten beiden Filmen „The Fighter“ und „Silver Linings“ gezeigt hat, dass er es momentan wie kaum ein anderer versteht, Unterhaltung und Anspruch in Einklang zu bringen.

7. „Grand Central“ (Rebecca Zlotowski)

null

Weil… ich ganz heiß auf die erste Zusammenarbeit der beiden für mich momentan größten Schauspieltalente Frankreichs, Tahar Rahim („Ein Prophet“) und Léa Seydoux („Blau ist eine warme Farbe“), bin.

6. „Why Don’t You Play in Hell“ (Shion Sono)

null

Weil… Shion Sono Asiens aktuell spannendster Regisseur, der einem mit jedem Film auf irgendeine Weise extrem emotional mitnimmt. Dabei kann dann ein Lieblingsfilm („Love Exposure“) oder auch ein Hassfilm („Cold Fish)“ herauskommen.

5. „Her“ (Spike Jonze)

null

Weil… der Trailer auf die vielleicht innovativste Liebesgeschichte des kommenden Kinojahres hoffen lässt.

4. „Inherent Vice“ (Paul Thomas Anderson)

null

Weil… es der neue P.T. Anderson ist, wieso wohl sonst!

3. „Sils Maria“ (Olivier Assayas)

null

Weil… sich Olivier Assayas nach seinen zwei Meisterwerken „Carlos – Der Schakal“ und „Die wilde Zeit“ auf dem Höhepunkt seiner Karriere befindet. Da hoffe ich natürlich, dass er dieses Niveau noch länger halten und uns weitere Ausnahmefilme schenken wird. Dass es sich hierbei um sein US-Debüt handelt und er ausgerechnet Kristen Stewart in Szene setzt, macht die Sache nur noch spannender.

2. „Maps to the Stars“ (David Cronenberg)

null

Weil… David Cronenberg mit “Cosmopolis” gezeigt hat, dass man von ihm nach über 40 Jahren Filmkarriere selbst nach Enttäuschungen wie „Eine dunkle Begierde“ immer noch Glanzstücke erwarten darf, über die noch Jahrzehnte später diskutiert werden wird.

1. „Nymphomaniac” (Lars von Trier)

null

Weil… Lars von Trier für mich der spannendste europäische Filmemacher seiner Zeit ist. „Skandal“ steht ihm auf die Stirn geschrieben, doch trotzdem weiß man nie, was einen letzten Endes erwarten wird. Wird „Nymphomaniac“ ein potentieller Lieblingsfilm wie „Antichrist“ oder doch eher ein potentieller Hassfilm wie „Melancholia“? Nur die Zeit wird es zeigen.

Ihr habt noch nicht genug von Bestenlisten und Jahresrückblicken? Dann schaut doch mal bei den Top-20 meiner Co-Autoren Conrad (HIER) und Stefan (HIER) vorbei.