"Big Fish" (USA 2003) Kritik – Ein legendärer Zauber

„Ein Mann erzählt seine Geschichten so oft, bis er selbst zu seinen Geschichten wird. Sie leben nach ihm weiter. Und auf die Art wird er unsterblich.“

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Tim Burton ist nicht für seine realitätsnahen Filme bekannt. Mit Ausnahme von ‚Ed Wood‘ verzichtet keiner seiner Filme auf eine ordentliche Prise Fantasy. Und genau dafür wird er von seinen Fans weltweit geliebt und verehrt. Ob es nun sein Kurzfilm und der Einstieg in die Filmwelt ‚Vincent‘ war, oder das tolle Grusel-Märchen ‚Sleepy Hollow‘. Tim Burton zieht uns immer wieder in seine ganz eigene Welt begeistert jedes Mal aufs Neue. Im Jahr 2001 kam es jedoch zur ersten herben Enttäuschung und Burtons Remake ‚Planet der Affen‘ war nicht nur seine schlechteste Regiearbeit, sondern auch allgemein ein furchtbarer Streifen. Der erste Schatten legte sich so auf seinen Namen und Burton musste schnell wieder zurück zu alter Stärke finden. Also begab er sich wieder zurück in sein Genre und im Jahr 2003 stand das Fantasy-Märchen ‚Big Fish‘ vor der Tür. Tim Burton schaffte wieder genau das, wofür man ihn vergöttert und inszeniert einen der schönsten und herzlichsten Filme aller Zeiten.

Edward Bloom ist ein besonderer Mensch und kann so manche Geschichte aus seinem Leben erzählen. Doch er war nie ein richtiger Vater. Jetzt liegt er im Sterben und die gemeinsame Zeit mit seinem Sohn Will scheint verloren. Will versucht jedoch noch einen letzten Versuch um sich mit seinem Vater zu versöhnen bevor der Abschied kommt. Endlich möchte Will erfahren, wer sein Vater wirklich war, doch die Wahrheit über den vermeidlichen Lügenbaron ist eine unerwartete…

Jedes Bild von Philippe Rousselet lässt ‚Big Fish‘ wie ein farbenprächtiges Gemälde erscheinen, welches man sich am liebsten direkt vom Bildschirm ziehen möchte, um es sich an die Wand zu hängen. Die warmen Farben, das umarmende Spiel der Lichter und die satten Aufnahmen der Fantasywelt selbst zaubern ein Lächeln auf die Lippen. Auch Danny Elfman ist wieder mit von der Partie und gibt dem Film wie immer einen zauberhaften und gefühlvollen Score, der das Herz jedes Zuschauers höhen geschlagen lässt.

Nachdem Tim Burton jahrelang erfolgreich auf Johnny Depp setzte, kam es 2001 zu einem neuen Hauptdarsteller: Mark Wahlberg. Ein grausamer Fehlgriff. Wer nun dachte 2003 ist das Traumduo wieder zusammen, der hat sich getäuscht. Doch es geht auch ohne den tollen Johnny Depp. Burton gab dem Schotten Ewan McGregor die Hauptrolle und traf damit genau ins Schwarze. Der charismatische und gern unterschätzte McGregor liefert als junger Edward Bloom eine feinfühlige und facettenreiche Darstellung ab und bringt neben ‚Der Ghostwriter‘ seine beste Karriereleistung. Als alternder Edward Bloom ist ein fantastisch aufspielender Albert Finney zu sehen, der so hingebungsvoll spielt, dass er jeden Zuschauer mitfühlen lässt. Die weiteren Rollen können zwar nicht die Präsenz von Finney und McGregor erreichen, sind aber mit Mario Cotillard, Steve Buscemi, Danny DeVito, Billy Crudup, Jessica Lange und Helena Bonham Carter blendend besetzt.

‚Big Fish‘ erzählt uns eine Art Münchhausen-Geschichte, ohne sich in übertriebenen Selbstdarstellungen zu vergessen. Edward Blooms Leben geht auf das Ende zu und für jede Situation hat er eine passende Lebenserfahrung auf Lager, mit der er alle Menschen in seinen Bann ziehen kann. Doch seinem Sohn stand er nie richtig nah. Nach drei Jahren Funkstille unternimmt sein Sohn den letzten Versuch seinen Vater noch richtig kennenzulernen, bevor es zu spät ist und um die Lügen endlich mit der Wahrheit zu verbinden. Tim Burton offenbart die Lebensgeschichte von Edward Bloom in vielen Rückblenden, um zwischendurch immer wieder in die Gegenwart zurückzukehren und die Emotionalität der Situation Stück für Stück ansteigen zu lassen und den Zuschauer näher an die Figuren zu binden. Genau das gelingt ihm geradezu perfekt. Die phantastische Lebensgeschichte wird mit all dem gewürzt, was ein tolles Märchen ausmacht. Es gibt Riesen, Fabelwesen, eine Hexe, einige skurrile Menschen, Weisheiten und viel viel Liebe.

Tim Burton inszeniert hier eine einzigartige Zusammenführung von Vater und Sohn. Die Konflikte werden bei Seite geschoben und es wird verstanden, worauf sich das Leben wirklich konzentriert. Allerdings ist das hier alles andere als eine normale Geschichte über eine gescheiterte Vater-Sohn-Beziehung. ‚Big Fish‘ ist ein großartiges Märchen, voller wunderbarer kleiner Märchen in sich. Jeder Moment ist einmalig und neu und der nächste Augenblick wird zu einer Reise in eine Welt, in der wirklich alles möglich scheint und grenzenlos ist. ‚Big Fish‘ ist voller Magie, Faszination, Schönheit und unvergleichlichem Charme. Dazu der sanfte Humor, der mit dem schier endlosen Ideenreichtum verbunden wird, in den man sich einfach verlieben muss. Burton erzählt uns von einem träumerischen Leben. Ein Leben, welches wir so sicher noch nie gesehen haben, uns aber doch so unglaublich vertraut ist. Voller Poesie und von unermesslich viel Herz gestützt wird der Film nicht nur Jung und Alt gleichermaßen begeistert, sondern kann auch als reinstes Balsam für die Seele fungieren. Wenn man traurig ist, macht ‚Big Fish‘ einen wieder glücklich. Und wenn man eh schon gute Laune hat, wird einem das Herz in der Brust platzen. Das Leben offenbart mit Sicherheit die schönsten Geschichten, doch Tim Burton macht die tollsten Filme über völlig andere, aber doch so greifbare Menschen, die uns immer wieder Tränen entlocken und schlussendlich einfach glücklich machen.

Fazit: ‚Big Fish‘ ist ein herzerwärmendes, detailverliebtes und farbenfrohes Märchen voller Liebe und einzigartigen Augenblicken. Die tollen Schauspieler, die fantastischen Bilder, der wunderschöne Score, so wie Tim Burtons exzellente und feinfühlige Inszenierung machen ‚Big Fish‘ zu einem ganz besonderen Ausnahmefilm, den man nie wieder vergessen wird und einfach fest in sein Herz schließen muss.

Bewertung: 9/10 Sternen