"Bitter Moon" (FR, GB 1992) Kritik – Polanski und der Sumpf aus Rache und Perversionen

„Ich kenne dich ja gar nicht Nigel, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass du haargenau der Zuhörer bist den ich gesucht habe. Ich hoffe, meine Geschichte wird dich interessieren.“

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Die Filme von Roman Polanski wurden schon immer mit geteilten Meinungen aufgenommen. Auf der einen Seite missverstanden und zerrissen, auf der anderen hingegen gefeiert und hochgelobt. ‚Bitter Moon‘ war 1992 wieder einer der Fälle, bei dem Polanski von seinen Kritikern reichlich Gegenwind zu spüren bekam. Zu Unrecht wie ich finde, denn Polanski setzt sich hier mit dem Beziehungsthema viel komplexer auseinander, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.

Die Atmosphäre spielt bei ‚Bitter Moon‘ eine große Rolle. Und wie von Polanski gewohnt besitzt der Film eine enorm Dichte. Das Kreuzfahrschiff, ein Ort ohne Flucht- und Auswege und eine Konfrontation der beiden Paare ist zu jeder Zeit möglich. Die Räume, immer vom Boden bis zur Decke festgehalten, machen die Enge noch deutlicher. Festgehalten von Kameramann Tonino Delli Colli, der hier wirklich starke Arbeit leistet und die erwünschte Stimmung auf den Zuschauer überträgt. Den Soundtrack steuert Vangelis bei, der für seine grandiose Arbeit bekannt sein dürfte. Er schafft es den Film mit seiner Musik blendend zu untermalen und gibt den Bildern etwas Bedrohliches und doch Anziehendes.

Peter Coyote nimmt die größte Rolle der Geschichte ein und fungiert als Erzähler Oscar. Coyote, der zwar keinen riesigen Bekanntheitsgrad besitzt, hinterlässt bei seinen Auftritten aber immer einen routinierten und überzeugenden Eindruck. So auch in ‚Bitter Moon‘, wo er eine für ihn eher ungewöhnliche Darstellung ablieferte, aber mit seiner Wandlungsfähigkeit überzeugen kann. Emmanuelle Seigner spielt hier seine Freundin/Frau Mimi. Seigner ist zwar eine gute Schauspielern, eine wirkliche Meisterleistung bringt sie jedoch nie. So auch hier. Immer Präsent und immer reizvoll haucht sie ihrer verführerischen Figur reichlich Leben ein. Hugh Grant hat als Nigel hier weniger zu melden, liefert in seinen kurzen Szenen aber eine solide Darstellung ab. Kristin Scott Thomas kann kaum Impulse setzen, bleibt unauffällig, nimmt zum Ende hin jedoch noch eine wichtige Rolle ein.

‚Bitter Moon‘ könnte man an erster Stelle als eine Studie über zwei völlig verschiedene Paare betrachten. Das zugeknüpfte und unlockere britische Paar Nigel und Fiona, das voller sexueller Sehnsüchte ist. Verlangen nach neuen Erfahrungen, zu denen beide nicht den Mut haben sie anzusprechen. Mit Oscar trifft Nigel einen Menschen, der sich seiner Sexualität vollkommen hingibt und sie in vollen Zügen auslebt. Das genaue Gegenteil von Nigel. Oscar offenbart dem Zuschauer und Nigel eine Welt aufgebaut aus Begierde, Nähe und Perversionen. Nigel wird durch Oscars Geschichten in die Rolle des Voyeurs gedrängt, beobachtet natürlich allein durch seine Phantasie. Angewidert und verschreckt von Oscars Offenheit, aber auch angetan und neugierig auf mehr. Vor allem weil Nigel immer Oscars verführerische und reizvolle Frau Mimi vor Augen hat, die ihm seit der ersten Begegnung den Kopf verdreht hat.

Doch die Erzählungen von Oscar haben nicht nur ihre sexuellen Höhepunkte. Wie in jeder Beziehung durchleben auch Oscar und Mimi die Schattenseiten und Oscar verliert langsam das Interesse an ihr. Sie kann ihn nicht mehr verführen und ändert immer wieder ihr Äußeres. Früher war nur ein sanfter Wimpernschlag nötig, doch Oscar sehnt sich nach neuen Abenteuern. Er will andere Frauen und braucht den schnellen Sex. Oscars Verhalten gegenüber Mimi wird immer herablassender und Mimi wird erniedrigt und wie der letzte Dreck behandelt. Während Oscar seinem bunten Treiben keine Grenzen setzt, ist Mimi tief verletzt, wartet jedoch auf den Moment der Rache. Und dieser kommt. Nachdem Oscar durch einen Unfall im Rollstuhl landet ist er auf Mimis Hilfe angewiesen. Doch diese denkt gar nicht daran ihn als Pflegerin richtig zu unterstützen, lieber schlägt sie sich die Nächte um die Ohren. Nun ist es Mimi die in diese Rolle schlüpft und ihrem Verlangen freien Lauf lässt. Oscar wird seiner Männlichkeit immer mehr beraubt, ganz extrem in der Szene in der Oscar gezwungen ist zuzuhören wie Mimi mit einem anderen Mann Sex hat und Oscar keine Möglichkeit hat sich diesen Qualen zu entziehen. Die beiden heiraten dennoch, durchleben die Zeit und wir treffen sie in der Gegenwart auf der Kreuzfahrt wieder. Doch hier sind sie nicht grundlos, denn ihre perversen Spiele haben noch kein Ende gefunden und Nigel und Fiona sollen ihren Platz in dem kranken Spielchen bekommen.

‚Bitter Moon‘ ist mit Sicherheit kein Meisterwerk. Kein Film der die Filmwelt verändert hat und den Zuschauer irgendwie prägen wird. Polanski macht Filme aus eigenem Interesse, nicht um die großen Zuschauermassen zu locken. So fällt es hier auch nicht schwer Polanski eigenen Charakter immer wieder zu erkennen. In jungen Jahren, so sagt er, hatte er nur das unstillbare Verlange nach sexueller Befriedigung. Er zog von einer Frau zur Nächsten. Verdeutlicht wird das ganz klar durch Oscars Charakter. Dass er mit Emmanuelle Seigner seinen Olymp besteigen konnte, zeigt sich natürlich dadurch, wie er sie in jedem gemeinsamen Film immer wieder in Szene setzen lässt. Das macht er aber in allen gemeinsamen Filmen. Wie erwähnt, ‚Bitter Moon‘ lässt sich am ehesten als eine Studie über zwei Paare bezeichnen und wie sie ihre Höhen und Tiefen durchstehen, immer mit dem Blick auf das Sexuelle, dass hier einen ganz besonderen Stellenwert zugesprochen bekommt. Dabei ist der Film immer dann am stärksten, wenn Polanski die Gegensätze innerhalb der Beziehung und der beiden Paare verdeutlicht und darstellt. Was dem Film aber am meisten schadet und ihm davon abhält etwas Großes zu sein, sind die Erzählschwächen der Geschichte. Wir sollen zwar beide Seiten gezeigt bekommen, sind mit dem Augen und den Gedanken immer bei Oscar und Mimi. Einfach weil sie interessanter und viel präsenter sind. Wir verstehen zwar was Nigel und Fiona für ein Paar sind, einen richtigen Charakter kriegen sie dennoch nur ansatzweise zugeschrieben. Dazu fehlt dann auch zwischendurch die nötige Spannung, die den Zuschauer durchgehend fesselt und bei Laune hält. Denn sind die ersten Reize erst mal ausgespielt braucht der Film schnell frischen Wind, den er aber nicht immer auf Anhieb bekommt und so einige Durststrecken überstehen muss.

Fazit: ‚Bitter Moon‘ hat mich nicht beeindruckt, überwältigt oder umgehauen. ‚Bitter Moon‘ ist auch kein Film, den man im Leben dringend gesehen haben muss. Einen Blick kann man allerdings allemal riskieren, denn mit seiner starken Atmosphäre, dem tollen Score, den passenden Darstellern und Polanskis bekannt guter Inszenierung hat der Film einiges zu bieten. Sehenswert, aber kein Muss.

Bewertung: 7/10 Sternen