"Biutiful" (ES/MX 2010) Kritik – Javier Bardem zwischen Schmerz und Verantwortung

„Vergiss mich nicht, mein Liebling, bitte…“

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Der mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu ist schon ein ganz besonderer Fall von Filmemacher. Drei Werke hat er in die Filmwelt hinausgeschickt, seine ganz eigene Todes-Trilogie, die zwar ineinander nicht verknüpft sind, aber sich alle um die Themen Leben und Tod kümmern. Angefangen mit dem meisterhaften Debüt „Amores Perros“, in dem Iñárritu verschiedene Schicksale in Verbindung mit Hunden gebracht hat und dem Publikum gleich deutlich machte, dass er kein Regisseur der verlogenen und unklaren Worte ist. Sein zweiter Film „21 Gramm“ wurde dann mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Die einen erkannten nur pseudo-intellektuelles Todesgeschwafel im Mantel der Scheinkomplexität. Für andere war „21 Gramm“ ein pessimistischer Fausthieb über die Liebe, die Schuld, den Tod und auch das Leben, der vor bitterer Wahrheit und sensibler Philosophie nur so bebte. Und dann wäre da noch „Babel“, Iñárritus erfolgreichster Film, der auch bei den Oscars mit Nominierungen überschwemmt wurde und gleichzeitig einen positiveren Blick auf die Welt eröffnete, wenn auch durchzogen von schweren Momenten. Iñárritus Können war klar. Er verstand es, verschiedene Geschichten und Schicksale zu verweben und sie allesamt dem Zuschauer näherzubringen. 2010 schlug der mit Lob überschüttete Regisseur dann einen ganz anderen Weg ein und inszenierte mit „Biutiful“ seinen persönlichsten und linearsten Film.

Uxbal hat so einige Probleme: An erster Stelle versucht er es, seine zwei Kinder irgendwie durchs Leben zu bekommen und ihnen einen Zukunft zu schaffen, doch die Umstände erschweren ihm die Erziehung immer mehr, sehen wir mal von der heruntergekommen Wohnung in einem der äußeren Viertel von Barcelona ab. Er steckt bis zum Hals in kriminellen Machenschaften und organisiert den illegalen Markenhandel auf den Straßen. Auch mit seiner depressiven Frau Marambra scheitert die gemeinsame Erziehung immer wieder aufs Neue und Uxbal steht immer wieder vollkommen alleine da. Und als wäre das nicht alles schlimm genug, bekommt Uxbal noch die zermürbende Diagnose vom Arzt, dass er Prostatakrebs im fortgeschrittenen Stadium hat und dazu noch Metastasen in Lunge und Leber. Uxbal muss sein Chaos irgendwie ordnen, doch egal was er tut, alles scheint sinnlos zu sein…

Wer Barcelona als sonnige Urlaubsmetropole vor Augen hat, in dem man das warme Feeling der spanischen Großstadt aufsaugt, wunderbare Sehenswürdigkeit bestaunen kann und einfach die einladende Schönheit des Südens genießen, der bekommt in „Biutiful“ ein ganz anderes, unheimlich düsteres Bild von Barcelona aufgezeigt. Hier wird alles in grün-grauen Bildern gehalten, Wärme scheint es keine zu geben und das dreckige Viertel, in dem wir uns wiederfinden, ist durchzogen von Armut, Kriminalität und Hoffnungslosigkeit. Die Kameraarbeit von Rodrigo Prieto lässt sich so zwar als unaufgeregt und ruhig bezeichnen, doch seine groben wie eindringlichen Bilder hämmern mit zunehmender Laufzeit immer weiter auf den Zuschauer ein und kennen, genau wie Iñárritu, keine Gnade mit dem Zuschauer. Das gleiche lässt sich über Gustavo Santaolalla Musik sagen, die auf zarte Pianomusik setzt, die Szenen in ihrer Tiefer aber immer weiter ausbaut und dem Zuschauer so näher bringt. Atmosphärisch ist „Biutiful“ ganz großes Kino, denn das raue und dreckige Leben wird uns sofort verdeutlich und spürbar gemacht.

Noch besser als die Atmosphäre und die visuelle Aufmachung des Films ist Hauptdarsteller Javier Bardem, auf den Iñárritu seinen ganzen Film schmeißt und Bardem durch ein Tal von Trauer und Schmerz reisen lässt. Bardem wird zur Seele des Films, ohne ihn würde hier rein gar nichts funktionieren, denn was der Spanier aus sich rausholt, ist einfach nur herausragendes und vorbildliches Schauspiel der Extraklasse. Bardem beweist hier, zu welcher Sensibilität er in der Lage ist, bringt jede noch so tiefgreifende Emotion genau auf den Punkt und reißt den Zuschauer mit seiner brillanten Darsteller sofort mit. Mimik und Gestik sind nicht nur beeindruckend, sondern kommen ohne jede großen Ausbruch aus. Alles bleibt durchgehend in einem gefühlvollen Rahmen, der in sich eine Explosion aufwartet und allein durch den Blick Bardems wahnsinniges ausdrückt. Aber auch die Nebenrollen sind toll besetzt, auch wenn sie natürlich nicht die Kraft von Bardem aufbringen. Da hätten wir Maricel Alvarez als manisch depressive Marambra, Hanaa Bouchaib als Ana und Guillermo Estrella als Mateo.

„Die Alte hinter mir, die hab ich in den Arsch gefickt, da steht sie echt total drauf.“ – „Sie ist noch ein Kind!“

„Biutiful“ wird nicht zum traurigen Gang eines mitleidserregenden Mannes, sondern zur Passion des Uxbal. Ein Mensch, der für seine Familie da sein möchte, der ihnen eine Zukunft schenken will, den Hilfsbedürftigen unter die Arme greifen und einen Einklang in der haltlosen Schwere des Seins finden möchte. Doch seine Anstrengungen scheinen umsonst, seine Fehler unverzeihlich und sein jähes Ende ebenso unausweichlich. Die Unterwelt Barcelonas saugt den gutmütigen Familienvater ein, die Depressionen seiner Frau zertrümmern die Hoffnungen auf einen neuen Zusammenhalt und der Krebs frisst sich langsam durch seinen Körper. Zwischen verschneiten Erinnerungen, vergifteten Träumen und schwarzen Schmetterlingen, die die Ausweglosigkeit seiner Person prophezeien, wird Uxbal zum glanzlosen Individuum, dessen Seele durchzogen von Kratern und Schlaglöchern ist, die nie geheilt oder ausgebessert werden können. Iñárritu dreht den verschachtelten Charakteren den Rücken zu und konzentriert sich voll und ganz auf die Persönlichkeit von Uxbal, ohne mit Rückblenden oder sonstigen Sprüngen zu arbeiten. Der Verlauf der Geschichte ist von Anfang an klar, die Situation durchgehend präsent und plötzliche Wendungen hat der Regisseur hier nicht im Ansatz nötig. „Biutiful“ wird zu einem intimen, schmerzhaften, deprimierenden und feinfühligen Charakterdrama, das zwar viele Schläge in Richtung Psyche und Magen austeilt, doch genauso viel einstecken kann. Wäre Iñárritus Inszenierung etwas weniger bepackt geworden und die Handlung zwischen chinesischen Fälschern, afrikanischen Händlern, korrupten Polzisten und der leidenden Familie straffer erzählt worden, dann hätte „Biutiful“ das nächste wirklich große Meisterwerk im Schaffen des mexikanischen Regisseurs sein können.

Fazit: Alejandro González Iñárritu versteht es einfach, Schicksale und Gefühle von seinen Charakteren auf den Zuschauer zu übertragen. In „Biutiful“ nahm er sich die Zeit und den Raum um sich auf eine Figur allein zu konzentrieren und auch das gelang ihm hervorragend. Mit sensibler Führung und ebenso kraftvoller Darstellung wird „Biutiful“ zu einem großartigen Drama, welches zwar etwas zu viele Nebenstränge hat und beiläufige Charaktere nur vorstellt, anstatt sie auszubauen, aber dennoch eine mehr als klare Empfehlung ist, auch wenn der Film nicht selten wehtut. Dazu gibt es noch einen brillanten Javier Bardem in Hochform, eine dreckige spanische Atmosphäre und einen zarten Soundtrack, der „Biutifu“l in seiner ganzen emotionalen Stärke zu einer Besonderheit macht.

Bewertung: 8/10 Sternen