Kritik: Black Out – Anatomie einer Leidenschaft (GB 1980)

„Don’t use ever that word love again!“

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Die Amerikanerin Milena (Theresa Russell) trifft auf den Wiener Psychoanalytiker Alex Linden (Art Garfunkel). Beide steigern in eine obsessive Amour Fou, an deren Ende Inspektor Netusil (Harvey Keitel) ein Verbrechen aufzuklären hat.

„A sick film made by sick people for sick people.“ Was auf den ersten Blick, wie ein Filmzitat anmutet, war in Wahrheit der Satz eines Produzenten nachdem er Nicolas Roegs „Bad Timing“ gesehen hatte. Leider war das erst der Anfang.
Der Schock der britischen Verleihfirma war ebenfalls groß, so groß, dass sie sich kurzerhand dazu entschlossen auf ihr Logo in den Kinokopien zu verzichten. Auch das Publikum wollte den Film nicht sehen und unter den Kritikern hielten sich Verriss und Belobigung die Waage.
Ein Kritiker rühmte „Bad Timing“ als den britischen „Vertigo“, ein Ritterschlag, der gleichzeitig das Dilemma impliziert. Denn so wie Hitchcocks Meilenstein, fristete „Bad Timing“ auch lange Zeit ein Schattendasein, doch wo Hitchcock sein Publikum eigenverantwortlich auf Entzug setzte, hatte Roeg nicht die Wahl. Sein Film verschwand einfach in den Archiven. Für seine Wiederbelebung zeichnete sich das ehrwürdige US-DVD-Label Criterion verantwortlich.

Man ist es ja langsam gewöhnt, dass weniger geachtete Werke von großen Regisseuren leicht dem Revisionismus anheim fallen, doch „Bad Timing“ hat diese Neubetrachtung wirklich verdient.
Dieser Film ist nicht nur der Schlüssel zu Roegs Werk, sondern gleichzeitig auch der Scheitelpunkt seiner Karriere. So schlecht wie „Bad Timing“ wurde keiner seiner Filme vorher rezipiert, was Roegs Unabhängigkeit enorm schmälerte. Danach folgte zwar mit „Eureka“ ein hochkarätig-besetzter Hollywoodfilm, doch hier waren die Produzenten selbst so schockiert vom Ergebnis, dass sie den Film schnell verschwinden ließen und Roeg eine Abfuhr erteilten, wodurch sein Abstieg endgültig besiegelt wurde.

„Bad Timing“ erzählt die Geschichte einer Amour Fou zwischen einem Psychologie-Dozenten (Art Garfunkel) und einer getriebenen, Freiheitssüchtigen Frau (Theresa Russell). Der Film beginnt mit den Bildern eines Ausstellung, wir sehen Gemälde des Jugendstils, dazu Tom Waits, statische Aufnahmen, Kamerafahrten um die Protagonisten, Schnitt, Totale, Beide sind im selben Raum schauen in unterschiedliche Richtungen, der Dozent verlässt das Bild, Titel, „Bad Timing“, er kommt wieder zurück, läuft an der Kamera vorbei. Wir sind in Wien, der Stadt Klimts, der Stadt der Psychoanalyse. Ein Krankenwagen bei Nacht, ein Kleinwagen am Tag, an der Österreich-tschechischen Grenze, sie steigt aus, dazu ein älterer Mann, im Hintergrund läuft Pachelbels Kanon in D-Dur, sie sehen sich an, er lächelt, sie ist verunsichert, er will ihr den Ring vom Finger ziehen, sie lehnt ab, sie trennen sich. In knapp fünf Minuten sehen wir geballtes Leben, ungeschönt, uninszeniert und undokumentarisch, auf eine Weise die man schlecht beschreiben kann. Man muss sie sehen.

Roeg erzählt den ganzen Film als zeitverschränkten stream of consciousness. Szenen junger unbeschwerter Liebe werden direkt Bilder der Depression und Obsession entgegengeschnitten. Dieses komplexe Erzählspiel treibt Roeg so weit, dass es letztendlich egal wird, in welcher Reihenfolge die Geschichte wirklich erzählt werden muss. Die Kausalität eines Plots ist hier völlig uninteressant, wodurch „Bad Timing“ jedem melodramatischen Fettnäpfchen ausweichen kann. Sogar auf eine klassische Kennen-Lern-Szene der Liebenden verzichtet der Film, was die chronologische Zusammensetzung nochmals erschwert, da einem der Anfang fehlt. Wie bei jedem Puzzle will man an den Rändern anfangen zu puzzlen, doch Roeg zwingt uns in der Mitte anzufangen, direkt im Herz, damit wir nicht an die Ränder denken, damit wir sie vergessen.

Nicolas Roeg ist bekannt als der Anti-Hitchcock, als ein Regisseur, der weder probt, noch mit Storyboards arbeitet. Wer zu viel plant, verpasst das beste. Da wird improvisiert oder eine Szene aus unvernünftig-vielen Perspektiven gedreht mit einem Berg an Material. Es wird auf Anschlüsse gepfiffen, Schnittfehler inbegriffen. Die Kamera reagiert, zoomt und schwenkt was das Zeug hält. Bei Roeg ist Kino Labor ohne Kittel. Seine Filme sind nicht real. Sie sind hyperreal.
„Bad Timing“ erstaunt Angesichts seines perfekten Flusses. Die Montage wirkt wie geplant, ebenso die Auflösung. Bei einer Verhör-Szene zwischen dem Polizeiinspektor und dem Dozenten, schneidet Roeg schnell und gezielt zwischen objektiven Over-Shoulders und subjektiven POVs, was die Anspannung beider Figuren perfekt unterstützt.

Roegs Handschrift ist in „Bad Timing“ stärker als in all seinen anderen Filmen, besonders was die Thematik angeht. Faszinierend, wenn nicht sogar phänomenal, ist die Reduktion dieses Liebesfilms auf das reine Innenleben der Figuren, ihr Gefühlsmix, ihre Lüste und Wünsche. Der einzige externe Konflikt, den Roeg nutzt, entsteht durch die Figur des Polizeiinspektors Netusil (Harvey Keitel), der herausfinden will, ob es sich bei dem vermeintlichen Selbstmordversuch Milenas nicht doch um mehr handelt. Seine Recherche ist Rahmenhandlung und Aufhänger der Erzählung, doch der eigentliche Film speist sich nur aus reinen Gefühlsbildern.

„Bad Timing“ war der erste Roeg-Film in dem seine Muse Theresa Russell mitspielte. Mit ihr änderten sich seine Frauenfiguren enorm. Russell ist weder eine Nachfolgerin Agutters, Christies oder Clarks, die allesamt ruhige Gegenentwürfe zu den hitzigen Helden waren. Russell spielt dagegen in „Bad Timing“, „Eureka“, „Insignificance“ und „Track 29“ stets extrovertierte Heldinnen, die oft an der Schale der Zurechnungsfähigkeit kratzen. Ihre Milena in „Bad Timing“ ist wie Feuer, entzündet durch Liebe, Drogen und Alkohol. Art Garfunkel, nach Mick Jagger und David Bowie der dritte Popstar, den Roeg als Hauptdarsteller verpflichtete, gibt seiner harmlosen Gestalt, eine tiefe, fast kalte Stimme. Garfunkels Blicke wirken oft wie versteinert, das Auftreten eines Rationalisten und Intellektuellen, eines Mannes, der meint den Geist zu kennen.

Im Großen erzählt Roeg, wie schon bei „Don’t Look Now“, über das Versagen der Moderne. Garfunkels Figur ist hin- und hergerissen zwischen seinen bürgerlichen Lebensvorstellungen und dem hemmungslosen Hedonismus, den er mit Milena erleben kann. Sein Wankelmut, zwischen Lust und Verstand, treibt auch sie in den Wahnsinn. Zum Schluss verliert auch hier unser zivilisatorisches Schutzschild.

„Bad Timing“ wird noch in tausend Jahren wahr sein. Er ist zeitlos, weil er sich aus Gefühlen speist, nicht aus Politik, Geschichte oder anderen Zeitgeistern. Nicolas Roeg war seiner Zeit anscheinend voraus. Nach Tarantino und Nolan fällt es uns dagegen leichter mit solchen Erzählkonstrukten zu hantieren. Doch wo der eine künstlich sein will und der andere spannend, da will Roeg nur, dass wir uns hinsetzen und erleben.

Bewertung: 10/10 Sternen