"Black Swan" (USA 2010) Kritik – "I felt it"

„Es war perfekt. Ich war perfekt.“

Eigentlich wollte ich eine Ausbildung zum professionellen Balletttänzer machen, aber nach „Black Swan“ kann ich diesen Wunsch begraben. So anschaulich-menschlich wagen sich nicht viele Filme an die Leiden der Perfektion. Aronofsky traut sich das nicht nur, er präsentiert es wie einen Rausch aus dem sich der „weiße Schwan“ genauso wenig befreien kann, wie der Zuschauer. Die beim Ballett angestrebte Vorführung ohne Makel legt dieser Film in seiner Aufmachung an den Tag, die Musik, die Kamera, die Effekte, die Spannung, die Atmosphäre – alles perfekt. Schon ein subtiler Seufzer aus dem Off lässt aufhorchen. Denn jeder weiß, was gleich geschieht. Und in depressiv-freudiger Erwartung staunt man nicht schlecht, wie sich eine Spannung aufbaut, die den ganzen Saal gefrieren lässt. Nichts bewegt sich, alles ist still. Wenn dann plötzlich alles auseinanderbricht, die Atmosphäre zerbröckelt, die Kamera losfährt, die Musik erklingt, wilde Schnitte die Grenze zwischen Wahn und Wirklichkeit verschwimmen lassen, verliert man die Orientierung und wenn die nächste Szene beginnt, hängt das Hirn noch in der Letzten. Vincent Cassel denkt gerüchteweise über einen Jobwechsel zum Ballett-Coach nach, habe ich gehört. Hier war er es jedenfalls.

„Black Swan“ fängt behäbig an, einzelne Szenen bauen Spannung auf, die ihren Höhepunkt erreicht und in der nächsten schon wieder weg ist, so langsam erhebt sich eine Kurve, die sich schließlich durch den ganzen Film zieht. Anspielungen, Zitate mit Nebenbedeutung, die man jetzt noch nicht kennt und Ereignisse konstruieren ein Gerüst aus Fragen, die nach einer Antwort verlangen, doch auch die kommen gemächlich. Eine leichte Brise der Vorhersehbarkeit streift das Ende dieses kleinen Meisterwerks und winkt ihm beim vorüberziehen zu und hinterlässt ein Päckchen mit der Aufschrift „Was du mit nach Hause nimmst“. Wenn man’s öffnet, fällt ein Brief heraus, auf dem steht „Enttäuschung“. Aber so klein und winzig und verfärbt, dass man es kaum erkennt. Drum herum steht in großen Lettern immer wieder „Aufwühlend“. „Weißt du noch, du und der Kinositz, ihr wart eins, als du dich nicht bewegt hast?, „Herz“ und „Seele“. Denn das hat dieser Film, ein warmes Herz und eine schwarze Seele. Man fühlt sich zugehörig, als würde er nur für einen selbst erzählt werden. Gerade wenn man das Päckchen wegschmeißen will, bemerkt man einen weiteren Zettel auf dem vorne steht „Platz in deinem Herzen“. Er ist klein, doch wenn man ihn auseinanderfaltet, wird er groß. Riesengroß. Eine riesengroße Herzform. Und darauf steht in dicken, roten Buchstaben, die einem praktisch ins Gesicht springen und alles um einen herum vergessen lassen, die alles, was auf dem vorherigen Zettel stand, mühelos zu überschatten vermögen, nur ein Name: Natalie Portman. Sie spielt nahe der Perfektion, es scheint, als habe sie ihren Lebtag auf diese Rolle gewartet, um ihren ganz persönlichen schwarzen Schwan auszuleben. Szenen, in denen es gefühlvoller oder tragischer gegangen wäre? Unmöglich! Ohne Frage eine der reinsten Leistungen überhaupt.

Bewertung: 9/10 Sternen