"Blue Valentine" (USA 2010) Kritik – Eine bittere Erkenntnis

„Ich meine, die verbringen ihr Leben damit nach dem Traummann zu suchen und dann nehmen sie den Kerl der n‘ guten Job hat und nicht abhaut.“

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Hach ja, wie kommen mir doch diese schrecklich schmalzigen RomComs mit ihrer Friede, Freude, Eierkuchen, am Ende sind wir ewig zusammen-Stimmung inzwischen aus den Ohren. Seit geraumer Zeit überschwemmen sie unaufhaltsam die Kinos und finden dazu noch ihr Publikum. Ich hab diesem Genre jedenfalls schon lange den Rücken zugedreht und doch wird man immer wieder damit konfrontiert. Umso erfrischender ist es, wenn Filme gedreht werden die eine Beziehung endlich realistisch beleuchten. Deren Cianfrances ‚Blue Valentine‘ ist so ein Fall. Cianfrance schafft es ein herzzerreißendes Meisterwerk über die Höhen, aber vor allem über die Tiefen einer Beziehung zu inszenieren.

Kameramann Andrij Parekh überzeugt durch seine unaufdringliche Arbeit. ‚Blue Valentine‘ überschlägt sie nicht oder will mit imposanten, eindrucksvollen Einstellungen oder Bildern begeistern, das braucht er auch gar nicht. Zurückhaltende, manchmal dokumentarisch wirkende Bilder prasseln auf den Zuschauer ein und erzielen dadurch den vollen Erfolg. Auch die feine Musik der Indie-Band „Grizzly Bear“ wurde wunderbar dezent eingesetzt und untermalt die herzerwärmenden, aber vor allem die schmerzhaften Szenen.

Cianfrance hat mit seinen Schauspielern eine mehr als hervorragende Wahl getroffen. Ryan Gosling und Michelle Williams sind die Idealbesetzung für das zerbrechende Paar. Gosling spielt Dean und er meistert die Facetten, vom coolen Lederjacken Träger bis zum fürsorglichen Loser, mit Bravour. Gosling überträgt den Schmerz und die Wärme seiner Lage grandios und bringt eine fantastische Leistung. Genauso Williams als Cindy. Ihr gescheiterter Charakter wird mit unbändiger Intensität dargestellt der ihr völlig zu Recht eine Oscar-Nominierung einbrachte. Hut ab, für diese aufopferungsvollen Darstellungen.

Wer kennt diesen Schmerz nicht? Das Gefühl wenn man merkt, dass die erste Liebe, die man natürlich direkt als GROSSE und EINZIGE betitelt, langsam auseinander bricht. Erst schleicht sich das Gefühl durch die Hintertür um dann mit erschreckender Gewissheit die Vordertür einzutreten. Und dazu der bekannte folgende Momente, wenn im Radio irgendeine Liebes-Ballade oder man einen dieser unzähligen Liebesfilme sieht und sich so dermaßen verarscht vorkommt wie lange nicht mehr. Cianfrance erzählt uns die Geschichte von Dean und Cindy. Unsterblich in die Umstände verliebt, aber nicht wirklich ineinander. Sie stürzen sich in eine überhetzte Heirat um zu zeigen wie sehr sie für einander geschaffen sind. Auch das Kind, das nicht von Dean ist, nimmt er an. Er kassiert Schläge für Cindy, singt auf offener Straße für sie und gibt alles um ihr Herz zu gewinnen. Bis man an diesen bestimmten Punkt angekommen ist, an dem man feststellt dass der Partner doch nicht der gewünschte Traummann ist und man sich fast von Tag zu Tag immer fremder wird. Gefühle verdecken viel und vor allem die Wahrheit. Daraus resultiert eine Ehe die nur noch durch das Kind verbunden ist. Gespräche enden in Diskussionen. Versprecher werden zu Anklagen und jedes Wort wird auf die Goldwaage gelegt oder im Munde umgedreht. Nichts scheint mehr richtig und alles ist falsch. Die Erinnerungen an die schöne Zeit sind da, aber unberührbar versteckt unter dem schwarzen Schleier der Gegenwart. Dean versucht nochmal zu kämpfen, Cindy hat die Beziehung bereits aufgegeben. Der versuchte Rettungsversuch bei einer gemeinsamen Nacht im Motel endet im absoluten Desaster und leitet den Anfang vom Ende ein. Ein unausweichlicher Schritt, getrennte Wege müssen eingeschlagen werden und mittendrin die kleine Tochter Frankie. Völlig Ahnungslos und unglaublich überrumpelt von der Situation die sie einfach noch nicht verstehen kann. Zwar haben die schweren Zeiten in ‚Blue Valentine‘ deutlich mehr Gewicht und bieten die absoluten Höhepunkte des Films, aber auch die Szenen in denen sich Dean und Cindy kennenlernen sind wunderschön authentisch und einfach ECHT. Allein der Moment in der Dean für Cindy singt und sie völlig unbeschwert los tanzt ist an Wärme kaum zu überbieten. Genauso intensiv dargestellt ist die Oralverkehr-Szene, die in Amerika natürlich für reichlich Aufsehen sorgte. Wie sehr hab ich einen derartigen Film erwartet? Wie sehr hab ich ihn mir gewünscht? Ein Licht am Ende des Tunnels von Zuckerwatte und rosaroten Brillen. Wie unglaublich hoch waren meine Erwartungen und wie locker schafft ‚Blue Valentine‘ sie ohne weiteres zu erfüllen und zu übertreffen.

Fazit: Mit ‚Blue Valentine‘ inszeniert Cianfrance endlich einen ehrlichen, klischeefreien und schmerzhaften Film über eine Beziehung/Ehe die zum Scheitern verurteilt ist. Mit grandiosen Darstellern, gut eingesetzter Musik, überzeugender Kameraarbeit und dem fantastischen Drehbuch wird ‚Blue Valentine‘ zum einem absoluten Genre-Highlight und einem der besten Filme überhaupt. Chapeau, Herr Cianfrance, bitte mehr davon! Achja, den Film sollten frischverliebte doch eher aus den Händen lassen und zu einem der Aniston-Streifen greifen, da besteht noch Hoffnung auf einen netten Abendausklang, denn den weiß ‚Blue Valentine‘ zu verderben.

„Keine Ahnung, ich hab das Gefühl ich sollte aufhören darüber nachzudenken, weißt du? Liebe auf den ersten Blick…“

Bewertung: 9,5/10 Sternen