"Blutzbrüdaz" (DE 2011) Kritik – Sido zwischen Freundschaft und Karriere

„Sowas lass ich nicht mit mir machen, ich bin doch kein Opfer!“

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Musiker versuchen sich immer wieder im Filmgeschäft und lassen sich mit Vorliebe dazu hinreißen, ihre eigene Geschichte irgendwie verfilmen zu lassen. Die Ergebnisse davon sind zumeist ziemlich durchwachsen, was auch vor allem an dem talentlosen Schauspiel diverser Sänger liegt. Ganz besonders gefragt sind inzwischen die Biografien von HipHoppern und Rappern. Eminem gab dazu 2002 unter der Regie von Curtis Hanson in ‚8 Mile‘ den sehr guten Startschuss. Kollege 50 Cent zog nach, scheiterte mit seinem ‚Get Rich Or Die Tryin‘ aber auf ganzer Linie. Und auch in Deutschland ist es angekommen, dass man die Rapper auf die Leinwand schicken kann, um richtig Kohle zu machen. 2010 schaffte es dann Rüpel-Rapper Bushido in Bernd Eichingers Produktion ‚Zeiten ändern dich‘ seine Fans in die Kinos zu locken, der Film selbst war allerdings mit das schlechteste, was die letzten Jahre zu sehen war. 2011 zogen dann Sido und B-Tight nach, zwei ehemalige Rap-Kollegen von Bushido, die lange Zeit zusammen auf dem Label Aggro Berlin zusammenarbeiten. Regisseur Özgür Yildrim verstand jedoch, wie man einen solchen aufziehen muss und sein ‚Blutzbrüdaz‘ erscheint glatt wie ein Meisterwerk, das es aber in keinem Fall ist, gegen Uli Edels Katastrophe.

Otis und Eddy sind beste Freunde und haben den gleichen Traum: sie wollen Rapstars werden. Die beiden Blutzbrüdaz halten zusammen, egal was passiert. Bei einer Schlägerei wird der erfahrene Hopper Fusco auf die beiden aufmerksam, doch um ihr Tape produzieren zu können, brauchen die beiden Männer die Hilfe von ihrem alten Kumpel Adal, der sein Leben nicht immer auf den richtigen Wegen meistert. Der Erfolg kommt, Sony wird auf die beiden Talente aufmerksam, doch mit dem Durchbruch trennen sich die Wege von Otis und Eddy immer mehr, denn ihre Auffassung von der Musikbranche unterscheidet sich schwerwiegend.

Auch schauspielerisch sind Sido und B-Tight Bushido weit überlegen, weil sie sich einfach nicht so verkrampft ernstnehmen und unbedingt mit einer Charakterdarstellung glänzen wollen und sich so auf ganzer Linie vollkommen lächerlich macht. Sido gibt Otis und B-Tight Eddy und beide spielen schön locker auf, ohne irgendwem etwas beweisen zu wollen und genau das passt hier. Ihnen gefallen ihre Rollen, das sieht man, sie machen ihr Ding und schaffen es auch, in den ernsten Momenten zu überzeugen und nicht aufgesetzt peinlich zu wirken. Und auch die Nebenrollen sind gut besetzt mit Leuten wie Tim Wilde als geldgeiler Facher, Claudia Eisinger als Jasmin und Milton Welsh als Fusco. In kleinen Rollen sind auch noch die zwei Rapper Alpa Gun und Tony-D zu sehen, die sich auch keinesfalls hier zum Affen machen.

Heutzutage ist HipHop durch verschiedene Idioten mächtig in Verruf geraten, doch in der Anfangszeit stand diese Musikrichtung noch für Freiheit und Rebellion. Für Auflehnung gegen den Staat, seine Meinung vertreten und auf künstlerische Art zum Ausdruck bringen. Inzwischen schüttelt man nur den Kopf wenn man hört, dass ein bestimmter Rapper in einer Sendung auftreten wird, denn man verbindet einfach nur noch unnötige Schimpfwörter und Menschenfeindlichkeit mit ihnen. Natürlich gibt es die auch zu genüge, doch sie alle in eine Schublade zu stecken wäre wie immer der falsche Weg, denn auch hinter den Musikern, hinter dem aufgesetzten Image, verstecken sich oft ganz andere und auch verantwortungsbewusste wie umgängliche Menschen. Regisseur Özgür Yildirim, der vorher nur den Hamburger Gangsterfilm ‚Chiko‘ gedreht hat und dort auch schon überzeugte, verlegt seinen Film in das Ende der 90er Jahre und zieht uns anfangs in die Untergrundszene. Hier müssen sich Otis und Eddy erst herauskristallisieren, um entdeckt zu werden und auch den kommerziellen Erfolg feiern zu können. Das Potenzial ist da, jetzt fehlt eben nur noch das elendige Geld um das Demo-Tape aufnehmen zu können und zu vertreiben. Gerade die Szene, in der Otis und Co im Wohnzimmer den Beat bauen zählt zu den Highlights des Films. Durch Alda, einen kriminellen Schulkollegen, kommen sie an das schmutzige Geld und schneller als sie es sich vorgestellt haben, hat Sony schon seine Hände im Spiel und will mit den beiden Rapper möglichst viel Geld machen. Nun wird auf Oberflächlichkeit gesetzt und die Musik selbst ist nur noch Zweitrangig. Otis will jedoch kein Sklave der Branche werden, der nur noch ausgeschlachtet wird und trennt sich von seinem besten Freund Eddy, der seine Rolle als Teenieschwarm genießt und ganz nach den Regeln von Chef Facher arbeitet. So zerstört die Karriere und das Geld wieder einmal eine langjährige Freundschaft.

‚Blutzbrüdaz‘ wird uns so locker und sympathisch erzählt, dass man dem Film ab dem ersten Moment einfach mögen muss. Sido und B-Tight wollen hier keinen Preis mit ihren Darstellungen gewinnen, sondern einfach Spaß am Schauspiel haben. Regisseur Özgür Yildrim arbeitet mit Klischees, verfällt ihnen aber nicht. Er zieht sich an ihnen zwar auf, aber umkreis sie schlussendlich lediglich. Die zwei Kumpels wollen an die Spitze, doch das Geschäft und der Erfolg treibt sie auseinander. Ihre Träume werden durch Geldgeilheit zerbrochen und ihre Ziele und Ambitionen interessieren niemanden mehr. Die Geschichte haben wir schon oft gehört und ‚Blutzbrüdaz‘ zeigt uns auch absolut nichts Neues oder ist in irgendeiner Hinsicht innovativ. In keinem Fall. Aber ‚Blutzbrüdaz‘ nimmt sich zu keiner Zeit wirklich ernst und lässt die beide Rapper schöne Spitzen gegeneinander schießen und reichlich Seitenhiebe auf das Musikgeschäft vom Zaun brechen. Es gibt Beef, es wird gedisst und man darf seinen Spaß an dem Ganzen hier haben, rundum die Themen Freundschaft und ewige Machtkämpfe. Wer Rap jedoch gar nicht mag und auch eine schwere Abneigung gegen Sido hat, der hier aber wirklich wieder schön selbstironisch auftritt, der sollte um ‚Blutzbrüdaz‘ lieber einen Bogen machen. Alle anderen die 90 Minuten gute Unterhaltung erleben möchten, die nicht schadet und kein Stück fordert, sind an der richtigen Adresse.

Fazit: Hätte Bushido doch auch nur so viel Humor wie seine Kollegen. ‚Blutzbrüdaz‘ macht Laune, hat einen netten, wenn auch leicht enttäuschenden Soundtrack, zwei lässig aufspielende Hauptdarsteller und eine luftige Inszenierung. Hier kriegt man nichts Neues geboten, aber man darf sich sympathisch unterhalten lassen und locker zurücklehnen. ‚Blutzbrüdaz‘ ist sehenswert, auch wenn man das wohl vorher nicht unbedingt für möglich gehalten hätte.

Bewertung: 6/10 Sternen