"Boogie Nights" (USA 1997) Kritik – Aufstieg und Fall in der Welt des Pornos

„Jeder Mensch ist mit etwas Besonderem gesegnet!“

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Im Jahr 1992 konnte ein Mann endlich richtig auf sich aufmerksam machen. Paul Thomas Anderson, der mit seinem durchaus gut besetzten Debütfilm ‚Last Exit Reno‘ noch nicht eingeschlagen konnte, sorgte mit ‚Boogie Nights‘ für viel Aufsehen und wurde zu Recht von allen Seiten reichlich gelobt. Anderson inszeniert mit seinem zweiten Langfilm einen authentischen und ehrlichen Blick in die Pornoindustrie der 70er und 80er Jahre und mischt dabei gekonnt Humor mit Tragik.

Was ‚Boogie Nights‘ wirklich meisterhaft gelingt, ist das Erzeugen von Atmosphäre und das Einfangen der Stimmung der 70er und 80er Jahre. Dazu tragen natürlich die exzellenten Fotografien von Robert Elswit an erster Stelle bei, die das Flair dieser Jahre in jeder Szene voll ausleben können. Dazu kommt der zeitgenössische und absolut stimmige Soundtrack, mit Liedern von den Commodors bis Marvin Gaye. Mehr Feeling in einem Film geht einfach nicht.

Schauspielerisch wurden hier die ganz großen Kaliber aufgefahren. Mark Wahlberg spielt den 17 jährigen Eddie Adams, der zum Pornostar Dirk Diggler wird und alle Höhen und Tiefen erfahren muss. Das Wahlberg hier wohl seine beste Leistung bringt, wird schnell deutlich und er kann die Bandbreite an Emotionen mit Bravour ausspielen. Burt Reynolds als Porno-„Vater“ Jack Horner kann ebenfalls voll überzeugen und mit einer ausdrucksstarken Darstellung glänzen. Die weiteren Rollen sind mit Julianne Moore, William H. Macy, Philip Seymour Hoffman, Don Cheadle, Heather Graham und John C. Reilly ebenfalls absolut blendend besetzt.

Teenager Eddie jobbt nachts als Tellerwäscher im Club Boogie Nights. Für seine Mutter ist er nur noch ein perspektivloser Versager. Doch er hat ein Talent und das befindet sich in 33cm unter seiner Jeans. Dieses Talent erkennt auch Jack Horner schnell, der Eddie unter seine Fittiche nimmt und ihn in die Welt des Pornofilms einführt. Eddie wird zum gefeierten Star und erlebt einen Höhenflug nach dem anderen. Doch wie das Leben so spielt, lassen auch die Schattenseiten dieses Lebens nicht lange auf sich warten…

Anderson zeichnet uns ein mehr als offenes und ehrliches Bild der Pornoindustrie, ohne dabei auch nur einmal zu verurteilen. Angefangen im Jahr 1977, in dem der Porno noch seine Blütezeit in den Kinos erleben durfte und Regisseure ihre Filme nie als Schmuddelfilme bezeichnen würden. Sie hatten Träume. Wollten künstlerisch Wertvoll sein und den Zuschauer bis zum Ende unterhalten. In diese Welt stößt Eddie. Die warmen Farben, die prachtvolle Villa, Alkohol, Drogen und viele neue Freunde. Doch Eddie ist gerade 17 und in einem Streit von zu Hause weggelaufen. Die Welt, die für ihn nur noch ein Dach über dem Kopf geboten hat und eine familiäre Bindung gar nicht mehr aufrecht halten konnte, wird durch verführerische Reize und die Verwirklichung von verbotenen Träumen ausgetauscht. Dirk Diggler wird geboren und der Porno wird zum Tor zur Welt.

Doch die tolle Zeit hält nicht sehr lange an. Die Zeiten der Preise und des Ruhms gehen vorüber. Die Menschen gehen nicht mehr ins Kino, sondern wollen Videos. Dirk ist nicht mehr der einzige Star und die typischen Stereotypen des Genres werden ihm zur Seite gestellt. Starallüren machen sich breit. Was Eddie will, muss gemacht werden, sonst platzt er. Dazu wird Amerika zunehmend Prüder, Pornodarsteller werden noch schräger angeguckt als sonst und von Toleranz dieser Arbeit gegenüber ist keine Spur mehr. Die funkelnde Welt zerbricht. Das Leben in der Branche wird immer gefühlloser und kälter und jegliche Magie geht verloren. Schlagartig findet man sich ganz unten wieder und hat niemanden mehr an seiner Seite. Der Ruhm, der längst Risse bekommen hat, steigt zu Kopf und mundet in Drogensucht.

Anderson zeichnet dieses Bild, der für uns fremden Welt, mit furchtloser Normalität. Doch seine Charaktere bleiben dabei nie unantastbar. Sie werden lebensecht und fühlbar vorgestellt. Man leidet und lacht mit ihnen. Fällt und steht wieder auf. Für die meisten ist die Sexualität zum Standard verkommen, doch nicht alle können mit diesem Standard umgehen. Existenzen zerbrechen und jahrelang gepflegte Bindungen zerschellen im Angesicht der Wahrheit und den unausweichlichen Veränderungen im Laufe der Zeit.

Mit seinen 150 Minuten kommt ‚Boogie Nights‘ zwar auf den ersten Blick recht üppig rüber, doch diese Zeit benötigt der Film um sich richtig zu entfalten. Die erste Stunde vergeht wie im Flug und wir lernen unsere Figuren kennen. Danach schleichen sich zwar gelegentliche Längen ein, doch die fallen kaum weiter ins Gewicht. Die Charaktere werden immer weiter ausgebaut und wir stellen fest, dass diese Menschen aus dieser „dreckigen“ Welt uns gar nicht so fremd sind. Sie haben die gleichen Sehnsüchte, Wünsche und Hoffnungen wie wir und handeln völlig verständlich, auch wenn sie damit ihr eigenes Leben im Rausch zerstören. So hat noch niemanden diese Welt dargestellt und wird es auch lange nicht mehr schaffen. Dafür ist Andersons Inszenierung einfach zu vielschichtig, zielgenau und sorgfältig ausgerichtet. Das Ende eröffnet uns dann den erwarteten Blick auf Digglers „Talent“ und wird gleichzeitig eine tolle Hommage an ‚Wie ein wilder Stier‘.

Fazit: ‚Boogie Nights‘ ist das meisterhafte Portrait eines Ausnahmeregisseurs über die Welt des Pornos. Mit fantastischen Darstellern, einer unnachahmlichen Atmosphäre, einem hervorragenden Soundtrack und Andersons exzellentem Drehbuch wird ‚Boogie Nights‘ zu einem der stärksten, unterhaltsamsten und gleichzeitig facettenreichsten Filme überhaupt.

Bewertung: 9/10 Sternen