Kritik: Boyhood (USA 2014)

Autor: Conrad Mildner

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„Wer willst du sein, Mason?

Welcher Film würde eine Diskussion über das Älterwerden deutlicher forcieren als Richard Linklaters Langzeitprojekt „Boyhood“? Der Film schildert die Entwicklung des jungen Mason (Ellar Coltrane), der zusammen mit seiner Schwester Samantha (Lorelei Linklater) bei seiner Mutter Olivia (Patricia Arquette) aufwächst, die sich vor kurzem vom Vater Mason Sr. (Ethan Hawke) getrennt hat.

39 Drehtage über 12 Jahre verteilt und zu einem 166 minütigen Film montiert, in dem alle Schauspieler_innen im fließenden Übergang altern. Was im dokumentarischen Bereich („Die Kinder von Golzow“) schon längst Mittel zum Zweck ist, wird im Spielfilmsegment zur Pionierleistung, denn das Altern im fiktionalen Kino war bisher nur mit Spezialeffekten möglich. Dabei mangelt es nicht an Filmen, deren Handlungen sich über zig Jahre erstrecken. Warum nicht mal ein Bio-Pic in Echtzeit drehen, anstatt der Besetzung immer mehr Make-Up ins Gesicht zu schmieren? Den Aufwand trauen sich wohl die wenigsten zu. Die Filmwelt wartet ja immer noch sehnlichst auf den über Jahrzehnte gedrehten „Dimensions“ von Lars von Trier.

Der schon längst zum Indie-Urgestein herangewachsene Richard Linklater dagegen ist das Wagnis eingegangen und es fügt sich jedenfalls sinnvoll in sein bisheriges Kinoverständnis ein, was zumindest stets vorgab authentisch zu sein. Als Beweis gab es Schauspieler_innen in langen, ungekünstelten Einstellungen zu sehen. Andrej Tarkovskys „Die versiegelte Zeit“ hat wahrscheinlich einen festen Platz auf Linklaters Nachttisch und wer mal alte Homevideos durchstöbert hat, weiß welchen enormen Reiz diese „Zeitkonserven“ haben.

Die Ironie ist nur, dass gerade dieses wahrhaftige Altern erst zum großen Spezialeffekt wird. Vielleicht erzählt Linklater schon aus diesem Grund keine dezidiert aufregende Geschichte, um nicht davon abzulenken. Womöglich bleibt er deshalb in seinem typischen Umfeld weißer, heterosexueller Mittelstandsamerikaner. Nun prallt diese Kritik nicht ohne weiteres an „Boyhood“ ab, der sich manchmal so konservativ gibt, wie ein High-School-Film aus den 80ern. Schon die Kinoadaption von „21 Jump Street“ hat gezeigt wie es anders geht, aber in Linklaters Südstaaten-Amerika gibt es fast keine People of Color und wenn, dann sind es hispanische Handwerker, die sich von der gebildeten, weißen Mutter des Hauses Karrieretipps anhören müssen und ihr Jahre später dafür auch noch danken, weil sich ihr Leben nur dadurch zum besseren gewandelt hat. Der Witz: Linklater meint das völlig ernst. Dazu gibt es ein bisschen Waffenromantik und weiße Blues-Musik, Teenie-Gebaren und Schwulenwitze. Ich traue dem Regisseur durchaus Distanz zum Gezeigten zu, nur sehe ich die nicht.

Der universelle Anspruch verfliegt spätestens wenn konkrete Eckdaten aus Kultur und Geschichte in den Mittelpunkt rücken, wie z.B. der Irakkrieg und Obamas Wahlkampf. Zwar haben Jahrzehnte amerikanischen Kulturimperialismus dazu geführt, dass auch Leute in vielen anderen Teilen der Welt verstehen wovon hier gesprochen wird, doch universell ist der Film dadurch noch lange nicht. Der archaische „The Tree of Life“ von Terrence Malick stürzte sich eher in die nonverbale, zeitlose Abstraktion. Linklaters Filme sind dafür schlicht nicht gemacht. Was sie allerdings auszeichnet ist eine gewisse Alltagsromantik, mit der „Boyhood“ auch bewusst eröffnet. Der sechsjährige Mason liegt im Gras und schaut in den kaum bewölkten Himmel. Die Sinnsuche im Leben kann also folgen.

Es ist ein unscheinbares Ereignis Ellar Coltrane, Lorelei Linkater, Ethan Hawke und Patricia Arquette beim Älterwerden zu zusehen, weil es so beiläufig passiert. Man ist gewohnt, dass Figuren abrupt altern, weil sie plötzlich von älteren Schauspieler_innen verkörpert werden oder auffällig geschminkt sind. In „Boyhood“ gibt es kaum Brüche. Mason und seine Familie reifen wie Obst im Zeitraffer. Dabei ist der titelgebende „Boy“ noch nicht mal die interessanteste Figur. Seine Schwester ist besonders in jungen Jahren reizend nervig, wenn sie Britney Spears nachmacht und Patricia Arquette gibt als Masons Mutter schlichtweg die Performance ihres Lebens. Es ist eine Wohltat die Indiequeen der 90er wieder voll präsent auf der Leinwand zu sehen und Richard Linklater schenkte ihr auch den schönsten Moment des Films. Wenn der achtzehn jährige Mason endgültig das traute Heim Richtung College verlässt, dann bricht Arquette in Tränen aus, weil sie glaubt ihr Leben sei vorbei. Ihr „Job“ als Mutter ist ja hiermit getan. Nun kann doch nur der Tod folgen, oder? Eine der wenigen bitteren Pillen, die der sonst leichtfüßige „Boyhood“ in die Rachen seines Publikums wirft. So wie ihr Sohn geht auch Olivia in den zwölf Jahren eine enorme Entwicklung durch und ich hätte ehrlich gesagt viel lieber diese Geschichte erlebt.

Die großen filmischen Experimente hat Linklater doch bereits hinter sich (“Waking Life“) und ein „Rumtreiber“ ist er auch schon lange nicht mehr. Ethan Hawke als Avatar des Regisseurs macht diese Veränderung auch in „Boyhood“ deutlich. Hawke hat ab einem bestimmten Punkt im Film einen Schnurrbart, eine neue Frau mit Kind und fährt ein Familienauto anstatt den feschen Zweisitzer. Das Älterwerden, so beeindruckend filmisch es auch in „Boyhood“ vorgeführt wird, macht viele Menschen eben doch ein Stück langweiliger und das gilt leider auch für Richard Linklater selbst.