"Bringing Out The Dead" (USA 1999) Kritik – Nächte der Einsamkeit

„Seit letztem Jahr glaube ich daran, dass Geister die den Körper verlassen nicht wollen dass man sie zurückholt. Wütend darüber, dass wir es wagen in das Schicksal einzugreifen.“

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Martin Scorsese. Ein Name der das Herz von jedem Filmfan in den höchsten Tönen schlagen lässt. Mit Filmen wie ‚Taxi Driver‘, ‚Wie ein wilder Stier‘ oder auch ‚GoodFellas‘ schrieb Scorsese Filmgeschichte. Aber auch Regielegenden haben ab und an ihre Filme, obwohl sie immer Erfolg im Filmgeschäft haben, die irgendwie am Publikum vorbeigingen. ‚Bringing out the Dead‘ von Martin Scorsese aus dem Jahre 1999 ließe sich gut und gerne als solch ein Film bezeichnen, leider. Zwar zählt der Film noch lange nicht zu Scorseses besten, allerdings inszeniert er hier wieder eine grandiose Odyssee durch die Nacht aus der Sicht eines Rettungssanitäters in New York.

Visuell waren Scorseses Filme immer auf dem höchsten Niveau. So ist es auch in ‚Bringing out the Dead‘. Scorsese arbeitet mit künstlichen Lichteffekten die unsere Protagonisten mit einem weißen Schleier in der nie enden wollenden Dunkelheit erstrahlen lassen. Die einzigen Lichteinflüsse des Films. Kameramann Robert Richardson, der lange kein Namenloser mehr ist, liefert uns einige der besten und paralysierendsten New York-Aufnahmen überhaupt und stellt sich in Sachen Bilderkraft fast auf eine Stufe mit ‚Taxi Driver‘. Hier wird Intensität wirklich großgeschrieben. Immer wieder wiederholt wird das Lied ‚T.B. Sheets‘ von Van Morrison, welches wohl kaum passender gewählt werden konnte. Aber auch der melancholische Score von Elmer Bernstein trägt einiges zur bedrängenden Atmosphäre bei.

Auch schauspielerisch gibt es keine Ausfälle, wie man es von einem Scorsese-Film aber ohnehin gewohnt ist. Nach Robert De Niro in ‚Taxi Driver‘ darf Nicolas Cage als Sanitäter Frank nun das Nachtleben von New York in alle seiner Hässlichkeit erleben. Nicolas Cage befindet sich mit seinem Schauspieler immer auf einem schmalen Grat. Entweder er wirkt viel zu übertrieben, oder sein Dackelblick wird zu eintönig. Dass er aber auch zu fantastischen Leistungen in der Lage ist hat er in ‚Leaving Las Vegas‘ bewiesen und auch in ‚Bringing out of the Dead‘ beweist Nicolas Cage wieder was in ihm steckt. Natürlich setzt er hier sein typisches Gesicht auf und auch durchdrehen darf er, aber Scorsese hat ihm eine Rolle geschneidert die all diese Facetten besitzt und so wie für Cage gemacht ist. Dementsprechend glaubwürdig und klammernd ist sein Auftreten, das ohne weiteres zu seinen besten gehört. Die Nebenrollen allerdings sind nicht weniger schlecht besetzt. An erster Stelle der tolle John Goodman als Larry, der hier viel zu wenig im Bild ist aber in seinen Szenen wie immer eine starke Vorstellung abliefert. Des weiteren überzeugen Tom Sizemore, Ving Rhames und Patricia Arquette und runden den Cast schön ab.

Mit ‚Bringing out the Dead‘ entführt Scorsese uns in das Nachtleben von New York. Wir sehen Frank der sich als Rettungssanitäter durch die Nächte schlägt. Frank hasst seinen Job und versucht so schnell wie möglich entlassen zu werden. In jedem Junkie und in jeder Prostituierten erkennt er Rose, ein junges Mädchen das in seinen Armen gestorben ist. Das einzige Mal, dass ihn eine Tote verfolgt. Die Nächte der Erinnerung. Frank zweifelt an sich selbst und an seinem Job. Wieso überhaupt noch helfen, wenn er den Menschen doch sowieso nicht mehr helfen kann? Frank fällt in ein Loch aus dem er alleine unmöglich wieder rauskommt. Jede Nacht aufs Neue greift er sich die Schaufel und gräbt sein Loch tiefer. Immer und immer wieder.

Frank erlebt auf den Straßen die Hölle. Seine eigene, innere Hölle, die sich durch das Pack und Gesindel offen zeigt. Das dreckige Elend, die Junkies, Nutten, Dealer und Penner. Die Alkis die in ihrem eigenen Erbrochenen liegen, jede Nacht. Immer und immer wieder. Die Jugendlichen die eine Überdosis haben, immer und immer wieder. Die Wahnsinnigen die sich nach dem Tod sehnen und Versprechen von Frank verlangen die er nie halten kann. Jede Nacht kommen sie aus ihren Löchern gekrochen und verpesten die Straßen. Das Herz der Stadt pocht, mal schneller, mal langsamer, aber unaufhaltsam. Die Straßen beben und Erlösung scheint es nicht zu geben. Mit jedem Blick aus dem Krankenwagen sieht man in den Ecken menschliche Abgründe. Menschen ohne Perspektive und ohne jeglichen Halt.

Jeder Tag schreit für Frank nach Aufgeben. Einfach einschlafen und nicht mehr aufwachen. In Mary findet er einen gewissen Halt. Halt den die Großstadt mit allen ihren seelenlosen Anhängern längst verloren hat. Mary die in ihren Augen die gleiche Verzweiflung trägt wie Frank scheint die richtige Person für ihn zu sein. Mary ist ein Ex-Junkie, durch die Realität immer wieder in den Schoß ihres Dealers getrieben. Frank will sie retten, doch vorher muss ihn jemand retten.

New York und Frank. Der Krankenwagen und die Verantwortung für die Bewohner. Eine ausweglose Situation für alle Beteiligten. Verantwortlich für den Abschaum den Straße ausgespuckt hat, nur um eine neue verlorene Existenz zu missbrauchen.

‚Bringing out the Dead‘ ist kein Unterhaltungsfilm. Nach toller erster halben Stunde geht dem Film erst mal ein wenig die Puste aus und Szenen werden in die Länge gezogen. Das hilft dem Zuschauer natürlich rein gar nicht, aber er findet trotz einiger längen wieder zurück in die Spur. ‚Bringing out of the Dead‘ ist depressiv und pessimistisch. Er sieht schwarz für unsere Zukunft und bringt uns dazu viel mehr die Gesellschaft in den Großstädten näher. Menschen die sich verloren haben, mittellos bettelnd auf den Straßen liegend, gekrümmt unter Pappe, stinkend nach Urin und Erbrochenem. Vollgepumpt mit irgendwelchen Drogen. Perspektivlosigkeit und Einsam. Und Frank. Der zerrissene Sanitäter, verfolgt von den Stimmen der Geister und von den Gesichtern der Toten. Er hat sein Bestes getan, doch das reicht in diesem Job nur selten. Tod gehört für ihn zum Leben dazu. Fast jede Nacht. Frank muss einen Ausweg für seine Lage finden, obwohl er damit nichts verändern kann.

„Im Grunde genommen wollte ich nur noch schlafen. Die Augen zu machen und mich treiben lassen…“

Fazit: Martin Scorsese gibt uns mit ‚Bringing out the Dead‘ einen Einblick in die Nächte von New York und in die Seele der Sanitäter, die versuchen den Menschen das Leben zu retten. Das letzte was ihnen geblieben ist. Wir erleben eine Odyssee durch die Finsternis, eine Reise ins dunkle Herz. Manchmal hypnotisch, manchmal aufreibend und gerne skurril. Leider kommt der Film nicht ohne seine Längen und Stolpersteine aus, was ihn dann letztendlich nicht zum Meisterwerk macht. Dennoch ist ‚Bringing out the Dead‘ durch seine tollen Darsteller, der visuellen Meisterklasse, der starken musikalischen Untermalung und der fesselnden Atmosphäre ein mehr als sehenswerter Film.

„Ich hatte schon immer Alpträume, aber jetzt kamen die Geister vor dem Schlaf.“

Bewertung: 8/10 Sternen