"Brokeback Mountain" (USA 2005) Kritik – Ang Lee auf der Höhe seines Schaffens

„Hast du nie das Gefühl, ich weiß auch nicht, wenn du durch die Stadt gehst und dich jemand anguckt, ganz misstrauisch, als ob er es wüsste. Dann gehst du weiter und auf einmal gucken dich alle an, als ob sie es auch wüssten.“

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Der taiwanesische Regisseur Ang Lee ist einer der ausländischen Filmemacher, die sich nicht den Hollywoodgesetzen beugen und mit einer subtilen und feinen Art seine Filme dem richtigen und ausgewählten Publikum näherbringt. Angefangen hat das so richtig 1994 mit ‚Eat Drink Man Woman‘, danach kam ‚Sinn und Sinnlichkeit‘ und 1997 inszenierte er das gesellschaftskritische Meisterwerk ‚Der Eissturm‘. Der Western ‚Ride with the Devil‘ trug ebenfalls seine Handschrift und konnte sich als Perle des Genres bezeichnen lassen, genau wie sein Oscarkandidat ‚Tiger & Dragon‘ 2000. Wie bei so gut wie jedem Regisseur, musste auch bei Lee ein Fehltritt und kommen und der kam 2003 mit seiner Interpretation des Comics ‚Hulk‘. Doch davon ließ sich Lee nicht unterkriegen und kehrte 2005 eindrucksvoll wie nur möglich zurück und mit ihm das Drama ‚Brokeback Mountain‘, für den Ang Lee mehr als nur verdient den Oscar für die Beste Regie entgegennehmen durfte.

Wyoming, 1963: Der Rancharbeiter Ennis del Lar und der Rodeoreiter Jack Twist werden auf dem Brokeback Mountain angeheuert, den Sommer über eine Herde Schafe vor Wilderern und Raubtieren zu schützen. In der schweren und rauen Einsamkeit der Berge entwickelt sich zwischen den beiden bald mehr als nur eine bloße Kameradschaft. Ennis und Jack verlieben sich ineinander, doch Angesicht der engstirnigen Moralvorstellungen in der US-Provinz bleiben ihnen nur getrennte Wege und ihre Liebe muss geheim bleiben.

Die grandiose Kameraarbeit von Rodrigo Prieto hätte den Oscar ebenfalls mehr als verdient gehabt. Prieto zeigt in einigen der schönsten Einstellungen der Filmgeschichte die einzigartige und unberührte Natur des Brokeback Mountains. Die Gebirgsbäche, die riesigen Bergwände und die grüne, unendliche Prärie mit dem strahlenden Himmel sind Idylle pur und lassen den Zuschauer nicht nur einmal ins Träumen und Schwärmen geraten. Der Soundtrack von Gustavo Santaolalla ist ebenfalls ein herzerwärmendes Highlight der Extraklasse. Seine ruhigen Gitarrenklänge geben dem Film zu jeder Zeit den ganz besonderen und überaus berührenden Ton, der das Herz immer wieder schwer werden lässt.

Ein solch brisantes Thema braucht auch authentische und überzeugende Schauspieler. Aber auch hier kann von schwächelnden Leistungen nicht ansatzweise die Rede sein. Mit Heath Ledger als Ennis del Mar und Jake Gyllenhaal als Jack Twist hat man zwei Schauspieler gefunden, die die gefühlvollen Rollen mit einer unglaublichen Intensität ausfüllen, wie man sie so von den beiden noch nicht erleben durfte. Man kann mit Fug und Recht gerne behaupten, dass Ledger und Gyllenhaal hier ihre stärksten Karriereleistungen abrufen, aber leider bei der Oscar-Verleihung leer ausgingen. Ebenso wie die großartige Michelle Williams, die auch nominiert war, als Ennis betrogene Ehefrau Alma. Des weiteren sind Anna Hathaway als Jacks Ehefrau Lureen zu sehen, die zwar in ihrer Karriere immer wieder ihr Talent zum Nerven unter Beweis gestellt hat, hier aber dennoch eine gute Leistung bringt. Den Cast rundet Randy Quaid und verständnisloser Auftraggeber Aguirre stark ab.

Mit ‚Brokeback Mountain‘ begab sich Ang Lee 2005 auf recht dünnes Eis, denn das Thema Homosexualität ist, besonders für die Amerikaner, eines der schwierigsten überhaupt. Damals wie heute können sich viele nicht mit ihr abfinden und bekommen den einzigen filmischen Zugang zu ihr, in dem sie sich homophobe Komödien ansehen, in denen die Schwulen wie verheulte Wachlappen dargestellt werden. In den 60er Jahren, in denen der Film spielt, war das noch eine Spur extremer. Wenn die prüde und verklemme Gesellschaft Wind von einer derartig fremd und abartig erscheinenden sexuellen Orientierung bekam, sahen sie sich sogar zum Töten bereit. In dieser Zeit, besonders in ländlichen Gebieten, hatten Homosexuelle keinen Wert und wurden dementsprechend vollkommen verachtend behandelt. Heute sollten wir jedoch an dem Punkt angekommen sein, in dem wir die Homosexualität nicht mehr totschweigen und nicht immer wieder mit niveaulosen Witzen abstempeln. Man muss sich mit ihr auseinandersetzen, genau wie mit anderen Themen, die einem vielleicht nicht gefallen mögen, aber trotzdem Teil unserer Gesellschaft sind. Wer sich feindselig gegen die Menschen zeigt, ist nie mit offenen Augen auf sie zugegangen, denn heute sind wir in dem Zeitalter, wo jeder von uns seinen Teil dazu beitragen kann und mindestens versuchen sollte, sich mit dieser Sexualität abzufinden, einfach weil sie längst normal geworden ist.

Ang Lee offenbart uns seinen Film mit zwei verschiedenen Charakteren, die geleitet werden von den gleichen Sehnsüchten und unhaltbaren Bedürfnissen. Ennis del Mar ist ein wortkarger Arbeiter, der seinem Auftrag nachgeht und sich abends dem Alkohol hingibt. Nach Außen besitzt er eine harte Schale, doch im inneren ist er unglaublich verletzlich und sensibel. Er tut sich schwer mit seinen erweckten Gefühlen, will seine Sexualität nicht akzeptieren und sein wahres Ich nicht wahrhaben. Doch die Gefühle siegen immer und er muss sich ihnen geschlagen geben. Das wird in der hochemotionalen Szene deutlich, in der sich Ennis und Jack nach dem ersten Aufenthalt auf dem Brokeback verabschieden und Ennis danach in einer Seitenkasse weinend zusammenbricht und sich vor Schmerz krümmt. Jack Twist ist da anders. Er ist mit Sicherheit kein Schwächling, ganz im Gegenteil, auch er ist ein echter Kerl, der sich sein Geld als Rodeoreiter verdient, doch wirkt direkt weicher und zugänglicher als Ennis. Hier ist es der Augenblick, wenn Ennis vom Pferd stürzt und Jack ihm die Wunde reinigen will, die das zum ersten Mal ansatzweise zum Vorschein bringt. Jack findet sich mit seiner neuen Liebe schnell ab, Ennis muss kämpfen, doch beide wissen genau, dass sie so niemals von der Gesellschaft akzeptiert werden. Sie trennen sich, sehen sich jahrelang nicht, heiraten, bekommen Kinder und plötzlich ist Jack in Form einer Karte zurück ins Ennis‘ Leben. All die alten, verdrängten und vergessen gewünschten Gefühle werden schlagartig wieder entflammt und kennen beim ersten Wiedersehen kein Halten mehr. So beginnt einer der gefühlvollsten und tragischsten Liebesgeschichten der Filmgeschichte, die sich immer bedeckt hält, über 20 Jahre geheim bleibt, doch an ihrer Vertuschung scheitert und das schreckliche Ende finden muss.

„Es ist deine Schuld, dass ich so bin. Ich bin gar nichts. Ich bin nirgendwo.“

Ang Lee inszeniert mit ‚Brokeback Mountain‘ eine Liebesgeschichte, wie man sie so noch nicht zusehen bekommen hat und mit Sicherheit auch nie wieder sehen wird. Ohne schwingenden Zeigefinger, verklemmten oder konservativen Moralvorstellungen erzählt Lee uns eine Geschichte, über zwei Männer die zueinanderfinden, ihre Liebe jedoch schmerzlich verstecken müssen, aus Angst vor der Gesellschaft und aus Angst vor der eigenen Identität. Lee geht auf jeden seiner Charaktere einfühlsam ein, lässt den Männern ihre Männlichkeit und entfaltet die Facetten der vielschichtigen Figuren, ohne sie zu überzeichnen oder unglaubwürdig erscheinen zu lassen. ‚Brokeback Mountain‘ setzt natürlich auf Toleranz, das muss er auch, doch schreit uns dabei nicht im Ansatz ins Gesicht und manipuliert unser Verhalten wie die Ansichten. Wie schon in ‚Der Eissturm‘ verurteilt er niemanden, sondern beobachtet, dokumentiert und zeigt es dem Zuschauer. In seiner inszenatorischen Vollkommenheit entwickelt sich eine Geschichte voller Wärmer, Intensität, Zuneigung und gleichzeitig voller Zerbrechlichkeit, Schmerz und erdrückender Verzweiflung, die die gefesselte Situation immer schwerer werden lässt. ‚Brokeback Mountain‘ ist der ehrlichste Liebesfilm überhaupt, der sich nicht in Ansichten und Vorschriften wälzt, sondern die Liebe so zeigt wie sie ist, ungebunden, frei und unkontrollierbar. Noch nie war Liebe an verschiedene Geschlechter gebunden, das muss man sich immer vor Augen halten, denn wenn sie sich ihr Ziel sucht und gefunden hat, dann können wir nichts dagegen tun.

Fazit: ‚Brokeback Mountain‘ ist die filmische Perfektion, die sicher Gemüter spalten wird, aber hoffentlich auch vielen die Augen öffnen. Kein Film für jedermann, doch er wird sein Publikum finden, welches ihn verstehen und lieben wird. Mit den herausragenden Schauspielern, den wunderschönen Landschaftsaufnahmen, einem gefühlvollen Score, sowie Ang Lees ruhiger und nuancierter Inszenierung wird ‚Brokeback Mountain‘ zum herzzerreißenden Wirbelsturm, der alles in sich aufsaugt und nie wieder loslässt.

Bewertung: 10/10 Sternen