"Brothers" (USA 2009) Kritik – Wenn der Abschied zum Neuanfang wird

„Ich fühle nichts.“

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Krieg kann sich an den verschiedensten Orten abspielen und doch lassen sich diese Orte in jedem einzelnen Krieg wiederfinden. Es gibt den Krieg im Kopf, der die Gedanken vergiftet und immer wieder an sich reißt, und den Krieg an der Front, mitten im Geschehen, dort wo du dem „Feind“ direkt in die Augen blicken kannst und mit ansehen musst, wie das letzte bisschen Menschlichkeit aus ihm getrieben wird. Jeder dieser Kriege spielt sich, egal wo man ist, immer in der Seele des Menschen ab und diesen Krieg wird der Mensch nie wieder aus der Seele vertreiben können, genau wie man die Narben dieser Zeit nie verdecken wird und immer sichtbar trägt, bedeutender als jede Medaille und schwerer als jeder Felsen. Doch diese Tatsachen sind uns nicht mehr neu und als Zuschauer, in Bezug auf die Filmwelt, denkt man sich, kein Regisseur könnte uns dieses breitgetretene Thema noch interessant und innovativ vortragen. Susanne Bier hat uns 2004 das Gegenteil bewiesen und erzählte uns in „Brødre“ von den Nachwirkungen des Krieges, in diesem Fall Afghanistan, auf den Soldaten und auf seine Familie. 2009 kam das Remake „Brothers“ von Jim Sheridan in die Kinos und es trat zum Glück der Fall ein, das eines dieser von vornherein verhassten Remakes locker mit dem Original mithalten konnte.

Sam Cahill und sein Bruder Tommy sind zwar Brüder, doch von Grund auf verschieden. Während Sam Captain bei den Marines ist, sich als Vater von zwei Kindern zeigen darf und auch eine glückliche Ehe mit Grace führt, hat Tommy rein gar nichts in seinem Leben geleistet. Zu allem Überfluss macht ihm das sein eigener Vater immer mehr als deutlich, vor allem, weil er gerade frisch aus dem Gefängnis entlassen wurde. Kurz nachdem Tommy wieder in der Familie angekommen ist, muss sich Sam schon wieder verabschieden, denn der ausgezeichnet Soldat steht vor seinem nächsten Einsatz in Afghanistan. Als Sams Helikopter über Feindgebiet abgeschossen wird, berichtet man der Familie zuhause vom Tod und eine Welt bricht zusammen. Doch gerade in dieser schweren Zeit nimmt Tommy den Platz von Sam immer weiter ein und kümmert sich um die Familie seines Bruders. Bis es zu einer unerwarteten Nachricht kommt…

„Brothers“ verfügt über ein hervorragendes Drehbuch von David Benioff, das sich dem dänischen Original natürlich unverkennbar angenommen hat, aber viele Elemente entscheidend veränderte und so schon fast als eigenständiger Film durchgehen könnte. Für die kühle Atmosphäre ist Kameramann Frederick Elmes verantwortlich gewesen, der seinen Film, der während des Winters in einer amerikanischen Kleinstadt spielt, mit ebenso dichten wie atmosphärischen Aufnahmen bepackt und den Zuschauer mit seinen Bilder immer tiefer in die Geschichte ziehen kann. Und auch der zarte wie hochemotionale Score von Thomas Newman ist nicht nur wunderbar anzuhören, sondern passt sich den Szenen so großartig an, dass jede Emotion wirklich zünden kann und immer kräftiger auf den Zuschauer einprügelt. Dazu gibt es auch noch den wunderbaren U2 Song „Winter“ zu hören, der sich dem Ton des Films ebenfalls toll anpasst.

An erster Stelle stehen in „Brothers“ jedoch die Schauspieler, und hier hat Jim Sheridan wirklich alles aus seinen Darstellern geholt und glänzt mit einem Schauspielkino der Extraklasse. Tobey Maguire, der viel zu oft auf sein Spider-Man-Image reduziert wird, liefert hier als Captain Sam Cahill seine beste Karriereleistung ab, die man als Zuschauer nicht mehr vergessen wird. Maguires Mimik ist so punktgenau und lädt sich in jeder Szene weiter zu einer tickenden Zeitbombe auf, die nur darauf wartet, endlich explodieren zu dürfen. Eine tiefgehende und ebenso begeisternde Leistung von Maguire, gerade weil er auch im Laufe des Films zwei verschiedene Charaktere genial darstellt. Dann Natalie Portman als Grace, die sich quasi als Frau zwischen den Männern etabliert und ebenfalls eine ihrer stärksten Leistungen abruft. Zwischen zarter Weiblichkeit und inbrünstiger Kraft weiß Portman jede Facette ihres Charakters genauestens auszuspielen. Dann wäre da noch Jake Gyllenhaal, der das hochkarätige Trio als Tommy abrundet. Zwar bekommt Gyllenhaal nicht die großen Freiräume und kann auch mit keinem Ausbruch wie Maguire die Sprache verschlagen, doch Gyllenhaal ist ein toller Schauspieler und weiß auch seinen etwas zurückhaltenden Charakter hervorragend darzustellen. Man darf auch nicht die Leistungen der Kinderdarsteller vergessen. Taylor Gearce als Magie Cahill und Bailee Madison als Isaell Cahill sind in jeder Szene vollkommen glaubwürdig und zu keiner Sekunde ein Störfaktor.

„Brothers“ ist ein emotionaler Wirbelsturm der intensivsten Sorte. Eine Familie verliert ihren „Anführer“, zwei Töchter und eine Mutter werden zerbrochen zurückgelassen und ausgerechnet das schwarze Schaf der Familie nimmt sich diesen familiären Scherbenhaufen an und versucht die Stücke wieder zu kleben, bis der eigentlich reparierte Scherbenhaufen wieder zerstört wird, doch dieses Mal in noch kleinere und schmerzhaftere Stücke als vorher. Jim Sheridan macht seinen Weg eigentlich ab der ersten Minute klar, denn hier deutet alles auf das Chaos hin. Während er ein einfühlsames Charakter-Drama inszeniert und es mit zunehmender Laufzeit zur Psycho-Tragödie umwirft, lässt er seinen Film immer weiter aufladen, die Ruhe vor dem Sturm wird dabei fast unerträglich und die Explosion der Gefühle reißt einen Krater, der alle Beteiligten in sich zieht. In „Brothers“ wird dem Zuschauer in aller Eindringlichkeit verdeutlich, dass die Opfer der Krieges nicht nur in den Särgen liegen, sondern ebenso durch die Familienhäuser treiben, ob es die Angehörigen sind, oder die traumatisierten Heimkehrer, die ihre Heimat nicht mehr als Heimat erkennen und den Krieg selbst nicht mehr aus den Gedanken entfernen können. „Brothers“ wird zum mitreißenden, aufwühlenden und gefühlvollen Familien-Drama, welches die psychologischen Aspekte in aller Präzision ausarbeitet und sich nie um eine Aussage über das Kriegsgeschehen kümmert, sondern um die tiefen Folgen auf allen Seiten. Zwischen Gebrochenheit, Traumata und schweren Schuldgefühlen wird uns eine berührende Geschichte über die eigene Zerbrechlichkeit, Hoffnungen und die innere Verzweiflung erzählt, die sich immer weiter entfaltet und niemanden kalt lassen wird, der sich wirklich in die Lage versetzen kann.

Fazit: „Brothers“ ist ein Drama, wie man es sich nur wünschen kann, auch wenn das Ende selbst nicht ganz in den sonst makellosen Verlauf passen mag. Wir bekommen hier eine authentische und ebenso eindringliche Familiengeschichte erzählt, die nicht nur schmerzhaft ist, sondern auch hochemotional und einfach mitreißt. Man darf Schauspieler beobachten, die sich in Hochform zeigen und beeindruckende Charakterdarstellungen aufweisen und eine Atmosphäre, die sich aus den kühlen Bildern, dem zarten Score und Sheridans grandioser Inszenierung hervorragend zusammensetzt. „Brothers“ ist nicht nur großes Schauspielkino, sondern auch kraftvolles Gefühlskino.

Bewertung: 9/10 Sternen